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15. September 2026Von Rachegelüsten und dem Kanzlerleben in den 90ern: Mirko Bonné gelingt auch mit „Kanzlerkino“ ein literarischer Volltreffer
von Gérard Otremba
Nachdem Mirko Bonné das von Sounds & Books rezensierte „Alle ungezählten Sterne“ im Hamburg der Gegenwart angesiedelt hat, verschlägt es ihn nun in die 90er-Jahre. Die Wendezeit auf ihrem Höhepunkt, die Bundestagswahl 1994 steht an, der Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin ebenfalls. Im Kanzlerumfeld in Bonn macht Bernd Vomturm als Architekt Karriere. Der aus Karl-Marx-Stadt / Chemnitz stammende Bonvivant hat die DDR kurz vor der Wende verlassen, sich als Glasspezialist einen Namen gemacht und plant nach dem Vorbild „Fallingwater“ des Kollegen Frank Lloyd Wright den Bau eines neuen Kanzlerbungalows am Templinermeer (eigentlich Templiner See) in der Nähe von Berlin / Potsdam.
Rache-Briefe
Vomturms Antagonist im neuen Roman von Mirko Bonné heißt Lutz Reinmar, Personalchef einer Glasfirma. Lutz erhält völlig unerwartet nach fünf Jahren Schweigen zumeist nicht adressierte Briefe von Bernd. Zu DDR-Zeiten in Karl-Marx-Stadt waren sie sowas wie Freunde, allerdings mit dem Makel der Privatspionage, war Lutz doch als IM auf Bernd angesetzt – mit dem Wissen von dessen Vater. Ein Umstand, der Bernd das Architekturstudium kostete und von dem er längst Kenntnis hat. Seine Briefe dienen einem gemeinen Racheplan an Lutz, der prompt mit seiner Bernd-Spurensuche in Köln und Bonn in die Falle tappt („Entweder war es ihm gleich, oder er wusste längst Bescheid über den Lutz, womöglich sogar über IM Ingo, stellte sich aber dumm und versuchte mich mit aller Macht hinters Licht zu führen.“).
Die Kanzlerfamilie
Mirko Bonné schaut jedoch nicht nur auf die Befindlichkeiten Ostdeutscher, sondern – wie es der Titel bereits evoziert – direkt in die Machtzentrale der BRD. Jedenfalls in das private Umfeld des damaligen Kanzlers, hier Viktor Breugel genannt, der bis auf Statur und Herkunft nicht sonderlich viel gemein hat mit Helmut Kohl. Bernd Vomturm, „der Mann der Stunde“ wie in Lutz Reinmar durchaus süffisant bezeichnet, indes hat sich nicht nur arbeitstechnisch bei der Kanzlerfamilie beliebt gemacht, sondern geht auch eine Beziehung mit Breugels Schwägerin Erika ein, mit der er eine Art Jetset-Leben führt. Die Ehe zwischen Erles Schwester Harriet Breugel und dem Kanzler zeigt hingegen einige Risse. Die an einer Dunkelheitsphobie leidendende Kanzlergattin gibt sich häufig nostalgischen Gefühlen hin und verliebt sich in ein jüngeres Double ihres Mannes. Viktor Breugel wiederum zieht sich gerne zum Filmeschauen im eigenen Kino mit dem Außenminister zurück.
Mirko Bonné und das Licht
Man kann sich beim Lesen dieser formidablen Lektüre nicht selten das Lächeln verkneifen. Bonnés feinsinniger Humor trifft auf große Empathie, mit der er seine Figuren zeichnet. Der in Hamburg und der Provence lebende Schriftsteller beleuchtet feinfühlig die Beziehungsstatus dreier Paare, zum Kanzlerehepaar sowie Erika und Bernd gesellen sich noch Lutz und seine Frau Susanne, die früher mal was mit Bernd hatte, und bettet das Licht-Thema kompositorisch ähnlich hervorragend ein wie bereits in seinem Roman „Lichter als der Tag“. Das architektonische Spezialgebiet Vomturms mit seiner Transparenz und Durchlässigkeit transportiert Mirko Bonné auf die private wie politische Ebene und fügt seiner Handlung einen kriminalistischen Strang hinzu. Ein aus verschiedenen Perspektiven erzählter, cineastisch wirkender und wieder einmal wunderbarer Roman von Mirko Bonné.
Mirko Bonné: „Kanzlerkino“, Schöffling & Co., Hardcover, 272 Seiten, 978-3-69097-019-8, 25 Euro. (Beitragsbild von Beowulf Sheehan)
Erhältlich über das Genialokal-Partnerprogramm von S&B.





