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28. Juli 2026In seinem eindrucksvollen neuen Roman setzt Abbas Khider dem totalitären Kalifat den jugendlichen Protagonisten Noah gegenüber
von Gérard Otremba
„Dieser Sommer hat den Himmel gestohlen. Es schmerzt, die Tauben in ihrem neuen Taubenschlag im Hof zu sehen. Ihr ganzes Leben ist jetzt auf Gitter und enge Kästen beschränkt. Fürs Erste wird keine von ihnen mehr im Himmel kreisen oder auf dem Zaun sitzen.“ Den Tauben die Freiheit zu nehmen gehört zu einer langen Liste an von den Mudschahedin durchgesetzten Verboten nach der Ausrufung des Kalifats. Zunächst sind die Gotteskrieger nach der Machtübernahme in der nicht näher benannten Stadt – auch den Zeitpunkt des Geschehens klärt Abbas Khider nicht auf – positiv empfangen worden, hielt man doch die Vorgängerregierung für reichlich korrupt. Aber sehr schnell bekommen die Bewohner die Unterdrückungsmethoden der totalitären neuen Regierung zu spüren.
Das veränderte Leben
Abbas Khider schildert die den Inhalt aus der Sicht des 14-jährigen Noah, dessen Familie im Mittelpunkt des Romans steht. Eine Familie, für die sich alles ändert. Die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und müssen sich verschleiern. Handys, Zigaretten und Musik werden verboten, auch muss Noahs Onkel Ali, ein passionierter Taubenzüchter, der seinen Neffen an die Tauben herangeführt hat, sein Café schließen. Und Noahs Vater darf in seinem Textilgeschäft nur noch religionskonforme Kleidung herstellen.
Selbst auf seinen Kumpel Mohamed, mit dem er in einer Nacht- und Nebelaktion ohne aufzufliegen gegen das Kalifat protestiert hat, kann er nicht mehr zählen, denn dieser wurde in einem sogenannten Ferienlager umerzogen und steht plötzlich auf der anderen Seite. Noahs beste Freundin Fatima soll mit einem Deutschen, der unter dem Namen Abu Islam für die Mudschahedin arbeitet, verheiratet werden und weil alles immer schlimmer kommen kann, wird der junge Teenager auch noch Zeuge der Steinigung einer Frau, wird verhaftet und muss sich einem Verhör unterziehen.
Abbas Khider setzt die Freiheit entgegen
Zuflucht findet er nur noch im begrenzten Raum seiner Familie, die ihrem Schicksal durchaus mit Ironie begegnet, aber – wie Noahs Vater – auch mal zur Selbstaufgabe neigt. Symbolträchtig als einzige Freiheitshoffnung verbleiben seine Tauben, die per Dekret nun nicht mehr fliegen dürfen. Mit viel Melancholie erzählt Abbas Khider, dessen letzter Roman „Der Erinnerungsfälscher“ 2022 erschienen ist, die Geschichte Noahs. Der Roman setzt sich mit seinen vielen sehr kurzen Kapiteln wie ein Mosaik zusammen. Am Ende entsteht nur sporadisch ein hoffnungsvolles Bild.
Dem finsteren Verbotsregime hält Khider Freiheit und Liebe als Leitmotive zwischen den Zeilen entgegen. Die Sprache wird einem 14-Jährigen gerecht, erobert aber eben aufgrund der Einfachheit und zarter Anmut die Herzen der Leser im Sturm. Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, als Jugendlicher selbst Taubenzüchter gewesen und im späten Teenageralter wegen politischer Aktivitäten verhaftet, lebt seit 2000 in Deutschland und kann offensichtlich nur gute und wichtige Romane schreiben. Eine literarische Verführung im Angesicht des Bösen.
Abbas Khider: „Der letzte Sommer der Tauben“, Hanser, Hardcover, 216 Seiten, 978-3-446-28222-3, 24 Euro. (Beitragsbild: Peter-Andreas Hassiepen)
Erhältlich über das Genialokal-Partnerprogramm von Sounds & Books.





