Eine Utopie, die verführt und verstört: Sibylle Berg zeigt in „PNR: La Bella Vita“, wie schwer das bessere Leben wirklich ist.
von Sebastian Meißner
In diesem Abschlussband ihrer dystopischen Trilogie lässt Sibylle Berg die aus „GRM“ und „RCE“ bekannte Protagonistin Donatella, nun Mitte zwanzig, als Archivarin durch ein sich neu ordnendes Europa reisen. Das alte Regime ist gestürzt, elitäre Herrschaftsstrukturen sind abgeschafft, die Grundversorgung ist gesichert, Arbeitszwang existiert nicht mehr. Was nach utopischer Befreiung klingt, erweist sich jedoch als ambivalent: Berg erzählt in einem melancholisch gefärbten Ton davon, wie fragil eine solidarische, herrschaftsfreie Gesellschaft bleibt, sobald sie nicht mehr gegen ein klares Außen kämpft, sondern sich im Inneren behaupten muss. Donatellas fragmentarische Notizen, gegliedert in 93 Beobachtungen, skizzieren eine Welt, die zugleich befriedet und erschöpft wirkt – voller guter Absichten, aber auch voller neuer Zumutungen des sozialen Miteinanders.
Gegenwartsdiagnose und Utopie
Bergs Zukunftsszenario gewinnt seine Wucht aus der Nähe zur Gegenwart. Das in „PNR“ beschriebene Europa nach dem Kapitalismus ist zwar frei von Finanzeliten, Überwachungssystemen und algorithmischer Knechtschaft, aber die liberierte Gesellschaft bleibt nicht frei von Brüchen. Berg spielt unverkennbar auf politische Erschöpfungszustände unserer Zeit an: Klimakrise, digitale Überwachung, Konzentration von Reichtum, soziale Ermüdung. Der Roman spiegelt die gleichzeitige Sehnsucht nach radikaler Veränderung und das Misstrauen gegenüber jeder Utopie – selbst der eigenen. Die im Roman gezeichnete „menschenfreundliche Idylle“, die ihre Bürgerinnen mit einem Grundeinkommen, einer Dreieinhalb-Tage-Woche und geteilten Verantwortlichkeiten versieht, wirkt bei genauerem Hinsehen beinahe wie eine sanfte Bevormundung. Berg lässt diese Spannung bewusst stehen: Das Versprechen einer konfliktfreien Zukunft kippt in die Ahnung einer „Zwangsbeglückung“, die Leserinnen ebenso irritiert wie fasziniert.
Sybille Bergs versöhnlicherer Ton
Wie bereits in „GRM“ und „RCE“ setzt Berg auf ihre charakteristischen stilistischen Mittel: wortgewaltige Tiraden, bissigen Zynismus, schwarzen Humor und eine erzählerische Rhythmik, die zwischen dokumentarischem Ernst und schneidendem Witz pendelt. Doch in „PNR“ verschiebt sich der Ton. Der anfänglich optimistische Gestus – gespeist aus der Erleichterung über den gelungenen Systemsturz – bricht zunehmend auf. Die Sprache wirkt im Verlauf müder, verhaltener, fast erschöpft, als spiegele sie den emotionalen Zustand der Protagonistin wider. Besonders stark ist Berg dort, wo sie Beobachtung und Reflexion miteinander verzahnt: Donatellas Reisetagebuch nimmt stellenweise die Form eines konstitutionellen Entwurfs an, der zugleich poetisch, politisch und zutiefst subjektiv bleibt. Die erzählerische Methode – ein Mix aus Miniaturen, Dialogfetzen, Interviewpassagen und inneren Monologen – verleiht dem Roman eine ästhetische Beweglichkeit, die die Ambivalenzen der neuen Welt erfahrbar macht.
Was bleibt, wenn alles geregelt ist?
„PNR: La Bella Vita“ ist ein überraschend nachdenklicher Abschluss von Bergs dystopisch-utopischer Trilogie. Er ist weniger brachial als „GRM“, weniger technokratisch als „RCE“ – und dafür ein gutes Stück reflektierter. Berg entwirft keine einfache Blaupause für eine bessere Zukunft, sondern eine komplexe Versuchsanordnung: Was bleibt vom Menschen, wenn äußere Zwänge wegfallen? Was motiviert uns, wenn Konflikte verschwinden? Und welchen Preis zahlen Gesellschaften für Harmonie?
Der Roman gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten – und gerade deshalb bleibt er lange im Kopf. Die Lektüre ist wohlwollend zu genießen, voller kluger Ideen und sprachlicher Virtuosität. Doch sie hinterlässt auch ein leises Unbehagen, eine produktive Nachdenklichkeit: Vielleicht beginnt die eigentliche Auseinandersetzung mit Bergs Utopie erst, wenn man das Buch längst zugeklappt hat.
Sibylle Berg: „PNR: La Bella Vita“, Kiepenheuer & Witsch, Roman, Hardcover, 416 Seiten, ISBN 978-3-462-00380-2, 26 Euro (Beitragsbild von Heta Multanen)
