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21. Juli 2026Ein mit viel Empathie für dir Protagonisten erzählter Debütroman von Florence Knapp über häusliche Gewalt und die Möglichkeiten des Lebens
von Gérard Otremba
Cora hat ein Problem. Sie muss den Namen ihres Sohnes eintragen lassen. Ihr Mann Gordon besteht auf die alte Familientradition, nach der alle männlichen Nachfahren Gordon heißen. Cora selbst bevorzugt den Namen Julian, mit dem sie positive Assoziationen verbindet, ihre neunjährige Tochter Maia bringt den Namen Bear ins Spiel („Das klingt so weich und kuschelig und lieb. Aber auch mutig und stark.“). Den Namen Gordon mochte Cora noch nie und sie hat Angst, ihr Sohn könnte durch die Namensweiterreichung so werden wie sein Vater. Das ist die Ausgangssituation, aus der Florence Knapp einen bemerkenswerten und höchst faszinierenden Roman entwickelt. Denn Florence Knapp entscheidet sich für alle drei Namen und begleitet Bear, Julian und Gordon über einen Zeitraum von 35 Jahren, beginnend im Jahr 1987.
Die schonungslose Florence Knapp
Dass Cora Angst hat, ihr Sohn könnte so werden wie sein Dad, hat einen entscheidenden Faktor. Ihr Mann ist zwar ein von allen angesehener Arzt, zu Hause verwandelt er sich indes zu einem brutalen Arschloch, der seine Frau physisch und psychisch terrorisiert und quält. Die häusliche Gewalt thematisiert Florence Knapp in ihrem Debütroman bereits sehr früh. Die britische Schriftstellerin geht dabei voll in die Offensive, so dass einige Passagen im Verlauf des Romans nur mit starken Nerven auszuhalten sind, so schonungslos beschreibt Knapp die Szenen dieses Martyriums. Gleichzeitig schreibt sie mit viel Empathie für und über ihre Protagonisten, die alle unter den schwierigen Verhältnissen zu leiden haben.
Aber Florence Knapp zeigt auch unterschiedliche Möglichkeiten, Chancen und Wege, in die sich Leben entwickeln können. Auf die Reaktion des Vaters auf die Namensvergabe folgen drei verschiedene Lebensentwürfe, die Knapp in parallelen Strängen im Abstand von sieben Jahren beleuchtet. Der mutige, starke und kuschelige Bear findet seine Berufung als Archäologe, der schweigsame, eigenbrötlerische und zunächst als Außenseiter lebende Julian arbeitet als Gold- und Silberschmied, während Gordon als Banker Karriere macht und mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat (nur um die Eckdaten zu nennen, viel mehr Inhalt sollte man gar nicht verraten).
Überraschende Wendungen
Unabhängig ihrer Vornamen sowie der Erziehung entscheiden alle drei selbständig darüber, zu welcher Persönlichkeit sie heranreifen und inwieweit sie ihr Umfeld beeinflussen. Verschiedene Lebenswege einer Person in Romanform ist nichts Neues (man denke nur an das fabelhafte „4 3 2 1“ von Paul Auster), aber Florence Knapp macht das großartig. Obwohl das Setting mitunter schwer an die Nieren geht, fesselt einen Kapp von der ersten Seite an und man verfolgt die drei unterschiedlichen Lebensentwürfe gespannt und voller Interesse. Dabei hält die Britin überraschende Wendungen parat, auch am Drama kommt sie nicht vorbei und spiegelt sowohl die schönen als auch die Schattenseiten des Lebens wider. Ein ergreifender, hoffnungsvoller und essentielle Fragen aufwerfender Roman. Und ein Highlight aus dem literarischen Frühjahr 2026.
Florence Kapp: „Die Namen“, Eichborn, übersetzt von Lisa Kögeböhn, Hardcover, 352 Seiten, ISBN: 978-3-8479-0229-4, 24 Euro. (Beitragsbild von Sophie Davidson)





