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17. Januar 2026Zwischen gewohnter Energie und stetig wachsender Spannweite: die Pariser Hardcore-Punkband Youth Avoiders meldet sich mit einem tiefgreifenden Werk zurück
von Ben Kaufmann
Die Welt, im ewigen Wandel. Oder wiederholt sich nur alles? Straßen in Flammen. Knallgeräusche aus kleinen Gassen. Menschen recken ihre Fäuste gegen die Obrigkeit. Nicht aus einer Laune; der dunkle Geist soll verbannt werden. Wie eine Kamerafahrt entfernt sich der Blick von der Szenerie. Er fliegt über verlassene Plätze, durchquert Trümmerfelder. Zerrissene Wahlplakate liegen starr am Wegesrand. Ein Moment der Stille. Warum tragen die Mauern nur noch leeren Raum? Schlierende Wolken läuten die Dämmerung ein. Zwischen zerfallenen Gebäuden leuchtet eine alte Kinoreklametafel auf: ‚Kurosawa-Retrospektive‘. Gibt es eine Wahrheit? Und wenn ja, wer bestimmt, wie diese aussieht?
Überblendungen unzähliger Augensymbole. Ein Mann erwacht inmitten Tausender seiner Abbilder; bevor er sie wütend zerschlägt. Auf dem Weg zum heiligen Berg überholt ihn ein Kipplaster voller Leichen. Vögel schlüpfen aus den Schusswunden. Als Priester gekleidete Geckos sitzen in einer Miniaturlandschaft und werden stumm beobachtet. Blutspritzer benetzen den Boden, Angst liegt in der Luft. Ein tiefes Brummen beendet die Projektion. „Real life awaits us“ – also in our dreams.
„Now the path is clear, leading to wise thinking“ (Youth Avoiders)
Ein nicht endendes Bewusstsein für das eigene Schaffen. Die Youth Avoiders kehren nach acht Jahren mit ihrem neuen Werk “Defiance“ zurück. Auch wenn seit der ersten Demo eine stetige Entwicklung zu beobachten war, besinnt sich die Band nach einer im Verhältnis straight-forward ausgerichteten zweiten Platte gleichsam wieder auf die kraftvolle Finesse und Diversität des ersten Albums.
Trotz Covid-Restriktionen und anderer Herausforderungen blieb auch die Zwischenzeit musikalisch keinesfalls ungenutzt: einerseits nahmen sie das Debütalbum ihres zweiten Bandprojekts Stalled Minds auf, zum anderen befeuerten sie weiterhin ihre ganz eigene unumstößliche Version einer internationalen Never-Ending-Tour. Die Youth Avoiders haben sich über die letzten 16 Jahre in der Szene einen Namen gemacht, an dem man nicht mehr vorbeikommt und teilten sich die Bühne mit Koryphäen wie Red Dons und Negative Approach. Wer einmal einen ihrer immersiven bis explosiven Gigs erleben durfte, wird diesen nicht mehr so schnell vergessen.
„We need the truth. Now once again ruining our youth.“ (Youth Avoiders)
„Der Schreibprozess hat sich [seit der letzten Veröffentlichung] nicht wirklich verändert“, so Gitarrist Christoph Schmidt. Auch dieses Mal wurde so lange an den Arrangements gefeilt bis alle zufrieden waren. Es gehe hierbei oft um die Songstruktur; „kleine Details, die verändert werden.“ Sie wollen damit auch verhindern nicht immer auf die gleichen Muster zurückzufallen. Sinnbildlich dafür gibt es tatsächlich kaum einen Youth Avoiders-Song, der wie ein zweiter klingt – jeder Track darf seine(n) ganz individuelle(n) Form und Ausdruck finden. Das zunächst unscheinbare “War Manifesto“ entpuppt sich nach mehrmaligem Hören als schmerzhaft verdichteter Alptraum, bei dem Drummer Marlon Roux mit tight und smart arrangierten Tempiwechsel voll auf seine Kosten kommt.
„No immunity for genocide.“ – „Broken families, living in fear.“ – „Demonstrate, organize!“ Politische Korruption, sozialer Verfall und ein daraus resultierender Aufruf zu kollektivem Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Auch inhaltlich ist “Defiance“ keine banale Feel-Good-Platte, sondern besticht durch ein lautstarkes und notwendiges Freilegen von gesellschaftlichen Missständen und Gewalttaten. „Speziell die Situation in Gaza hat uns sehr berührt. Einige Lieder des Albums handeln von diesen Verbrechen und der katastrophalen Lage, die die Bevölkerung aushalten muss“, verdeutlicht Sänger Christopher Gaultier.
„Hear out, hear out, this is our fuckin sound.“ (Youth Avoiders)
Nachdenklicher Gitarren-Fuzz, dann abrupte Tempoverlagerung à la Douglas Burns. In gewohnter Manier durchbrechen die Youth Avoiders mit dem Opener “Endless Fight“ nicht nur die implizierte Stille der Intro-Klänge, sondern auch jene der letzten Jahre und konterkarieren damit den Expositionscharakter – als seien sie niemals weg vom Plattenteller gewesen. Ähnlich einer dramaturgischen Spannungskurve wird die A-Seite mit dem wutentbrannten “Fed Up Of Their Lives“ und dem selbstreferenziellen “This Is The Sound“ weiter aufgeheizt. Schmidts schneidender, auch weil nahezu cleaner Gitarrensound, Gaultiers irgendwo zwischen Roger Miret und Cal Morris einschlagende Stimme und Roux‘ on point peitschende Drums lassen keinen Zweifel zu: the boys are back in town! Nicolas Bazire (Destructure Records; Bleakness) zeichnete erneut für die überaus organische Aufnahme der Platte verantwortlich und übernahm zudem die Einspielung des Bass.
“Short Fuse“ ist der Opener der B-Seite und das hymnische Herzstück des Albums. Er vereint viele essenzielle Stärken der Band in knapp zwei Minuten: eine mitreißende Dynamik, widerständige Emotionalität und ein chaos-resistentes Feingefühl für melodiöse Tiefenstruktur; mündend in einer kongenialen Verzahnung zwischen zügellosem Tempo, passgenauem Timing und einem sehnsüchtigen 90’s Indie-Refrain. Solche Alternative-Spuren treten im Laufe des Albums immer wieder zu Tage, unter anderem bei dem vor düsterer Urbanität sprießenden Song “Falling“.
„We like to play fast songs that are both melodic and violent.“ (C. Gaultier)
Bereits seit der Gründung hatte die Band zwei maßgebliche musikalische Einflüsse: 80’s Hardcore (vor allem Minor Threat) und melodiegetriebener Punk (wie Masshysteri und Red Dons). Diese Mischung ist es, welche ihren Sound so außergewöhnlich macht. Über eine geschickte ‚Call & Response‘-Verwebung von spielerisch variierenden Riffs und satter Core-Power führt dies der Closing Track “Real Life Awaits Us“ besonders eindrücklich vor Ohren.
Neben musikalischen und gesellschaftlichen spricht die Pariser Truppe auch von weiteren Einwirkungen. Gaultier lässt sich gerne von Filmen inspirieren, die eine „starke visuelle Wirkung haben“ und demnach eine Anregung fernab der Handlung zulassen. Analog hierzu agieren Musik und Text der neuen Youth Avoiders-Platte wunderbar im Verbund; sie können aber auch jederzeit losgelöst voneinander erfahren werden. Sofern man innerlich dazu be(f)reit ist, Gaultiers Stimme zum Instrument oder den Sound der Band zum Text werden zu lassen. Das Album lässt in allen Belangen tiefer blicken und gibt lautstarke Impulse aus dem (eigenen) Schatten zu treten. „Enlightenment increasing, there’s now something new to build on.“
„Defiance“ von Youth Avoiders erscheint am 08.01.2026 bei Destructure Records.
(Beitragsbild: Jean-Pierre Roux – Cover: Gaspard Le Quiniou)





