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10. Juni 2026Poppige Sounds treffen auf komplexe Rhythmen: Die Prog-Giganten Yes haben immer noch etwas zu sagen.
von Sven Weiss
Yes machen es einem niemals leicht. In dem ebenso umfangreichen wie unübersichtlichen Katalog, den die Band in den fast 60 (!!) Jahren ihres Bestehens eingespielt hat, findet sich alles – Alben, die zu den größten Meisterstücken gehören, die jemals auf Platte gebannt wurden, ebenso wie völlig unhörbare Machwerke, die selbst bei Hardcore-Komplettisten wahres Grausen erzeugen. Gerade in neuerer Zeit (Wir sprechen hier auch schon von einem Vierteljahrhundert) sorgt die Ankündigung eines neues Yes-Albums selbst unter Prog-Jüngern für Angstzustände. Kein Wunder, hatten die Engländer ihre beste Phase doch zu einer Zeit, in der gefühlt noch Dinosaurier durch die Wälder streiften. Neuere Alben wanderten deshalb auch bei Fans schnell in den Giftschrank.
Doch Yes haben neben ihrer Hartnäckigkeit noch eine weitere bemerkenswerte Fähigkeit: In all den Jahrzehnten lagen sie schon unzählige Male am Boden. Und schafften es doch, sich immer wieder am eigenen Schopf aus der Misere zu ziehen. Schon das 2023er-Werk „Mirror To The Sky“ klang überraschend frisch und bot so manche starke Melodie. Genau daran knüpfen Yes nun an.
Yes zeigen sich mit „Aurora“ durchaus poppig
Nach einem kurzen Disney-artigen Intro erweist sich der Opener und als Single ausgekoppelte Title Track „Aurora“ gleich als erster Höhepunkt. Eine exzellente Popnummer, die wunderbar ins Ohr geht und sich dort festsetzt. Die siebeneinhalb Minuten fühlen sich dabei an wie höchstens drei – immer ein gutes Zeichen. Auch „Turnaround Situation“ hat – trotz des komplexen Rhythmus – einen durchaus poppigen Touch. Und zum ersten Mal bekommt Gitarrenwizard Steve Howe die Möglichkeit, sich solo auf der Akustikgitarre auszutoben. Was er schon beim nächsten Stück „Love Lies Dreaming“ wiederholt. Und das stets geschmackvoll, im Sinne des Songs.
Ein Progalbum benötigt natürlich einen Longtrack. Yes halten sich auch 2026 noch an diese eiserne Regel. Leider bleiben sie ausgerechnet in der Königsdisziplin dann doch hinter den Erwartungen. Das knapp 14-minütige „Countermovement“ macht genau das, was Unkundige dem Prog oft vorwerfen und was Yes bei ihren stärksten Tracks immer zu vermeiden wussten: Es mäandert vor sich hin und bietet niemals einen Haken, an dem der Hörer hängenbleiben darf. Zum Glück folgt mit „Ariadne“ gleich wieder ein Highlight, das trotz, nein gerade durch seinen sperrigen Rhythmus mitreißt.
Auch im hohen Alter offen für neue Sounds
„All Hands On Deck“ sei noch zu erwähnen, eine funkige Rocknummer, die zwar keinesfalls zu den Highlights gehört, die aber zeigt, dass die alten Herren sich weiterhin offen für neue Sounds zeigen. Und genau das ist, was man diesem Album unbedingt auf der Habenseite gutschreiben sollte. Yes machen es einem niemals leicht. Aber um fair zu sein: Sie machen es auch sich selbst niemals leicht.
„Aurora“ zerfasert zwar nach hinten raus ein wenig, doch vor allem die erste Hälfte (exklusive des Longtracks) des Albums lohnt sehr. Es nötigt Respekt ab, wie diese Band es wieder mal geschafft hat. Junge Generationen, die von Yes noch nie gehört haben, sollten natürlich zuerst zu den großen Alben greifen – „Fragile“, „The Yes Album“, „Close To The Edge“. Und die langjährigen Fans dürfen sich auf neues Material freuen. Denn vor diesem Album muss niemand Angst haben. Ganz im Gegenteil: Man wird damit einige sehr vergnügliche Stunden verbringen.
„Aurora“ von Yes erscheint am 12.06.2026 bei Inside Out Music / Sony Music. (Beitragsbild von Gottlieb Bros)





