Wilco: The Whole Love

Wilco: The Whole Love

Der nächste Wilco-Geniestreich

von Gérard Otremba

In ihrer mittlerweile 17-jährigen Bandkarriere schenkte die aus Chicago stammende Formation Wilco der Musikwelt bereits diverse außergewöhnliche Alben. Ob nun die Country-Rock-lastige Doppel-LP „Being There“ oder die mit Pop-Perlen verzierte „Summerteeth“, die zwischen Folk und progressiven Art-Rock wechselnde „Yankee Hotel Foxtrott“ oder die von den Beatles und Bob Dylan geprägte „A Ghost Is Born“-CD, Sänger und Songwriter Jeff Tweedy blieb sich letztendlich immer treu und wechselte die Farben doch wie ein Chamäleon.

Wilco beginnen „The Whole Love“ mit an Radiohead mahnenden Space-Rock

Nun also liegt das achte Studioalbum „The Whole Love“ vor und wieder haben Wilco so ziemlich alles richtig gemacht. War das Vorgängerwerk „Wilco (The Album)“ ihre bis dato sicherlich gefälligste und mit den eingängigsten Stücken versehene Platte, so macht es Jeff Tweedy den Hörern auf „The Whole Love“ wieder etwas schwieriger. Und zwar schon direkt zu Beginn bei „Art Of Almost“ driften Jeff Tweedy und seine Mannen für Wilco-Verhältnisse geradezu in Radiohead-Sphären und somit weite entfernte Dimensionen ab. Loops, breit ausgelegte Keyboard-Teppiche und irgendwann im Verlauf der knapp über sieben Minuten knallt uns Nels Cline mit seinem irren Gitarrenspiel einen abgefahrenen, progressiven Space-Rock um die Ohren. Harter Stoff, auch für Wilco-Kenner, aber mindestens genauso furios wie „I‘m Trying To Break Your Heart“, der Eröffnungssong von „Yankee Hotel Foxtrott“.

Stringenter Rock’n’Roll, Uptempo-Nummern und Düsternis

Wesentlich stringenter und auf den Punkt gebracht dann „I Might“. Glenn Kotche schmettert uns sein staubtrockenes Schlagzeugspiel vor den Latz, Patrick Sansone setzt das Glockenspiel in Szene, John Stirratt treibt den Song mit seinem Bass an, Mikael Jorgensen läßt die Orgel fiepen und Nels Cline verzerrt mal wieder auf dramatische Art und Weise seine Gitarre. Dazu Jeff Tweedys abgehackter und dringlicher Gesangstil, fertig ist ein feines Stück Rock’n’Roll. Verträumt und pianolastig, mit einer Brise 70er Jahre Sunshine-Feeling ausgestattet, schwebt „Sunloathe“ durch die Boxen, während „Dawned On Me“ als flotte Uptempo-Nummer Fahrt aufnimmt, fröhlich, mit einem lässigen und pfeifenden Jeff Tweedy. Doch schon bei „Black Moon“ präsentiert er die dunkle Seite der Macht, ein düsterer Song, mit Streichern untermalt und einer klagenden Lap Steel-Gitarre im Mittelpunkt des Geschehens, der Protagonist zum Warten verdammt: „And I’m waiting for you, waiting forever.“

Atemberaubende Gitarrensoli, ausgelassener Rock’n’Roll und ein nachdenklicher Jeff Tweedy

In „Born Alone“ ist Gitarrist Nels Cline wieder voll in seinem Element und schraubt den Song mit seinen Soli in schwindende Höhen, während sich Glenn Kotche an den Drums austobt wie einst das Tier in der Muppets-Show. Von seiner nachdenklichen Seite zeigt sich Jeff Tweedy dann bei „Open Mind“, akustische und Lap Steel-Gitarre dominieren und Tweedy sinniert über gemeinsame Träume und Wünsche der vermeintlichen Liebsten gegenüber. „Capitol City“ erscheint wie eine Art Zwischenspiel, mit eingespielter Jahrmarktkulisse. „Standing O“ wiederum donnert mit einer umwerfenden Rock’n’Roll-Vehemenz los, daß einem die Ohren wegfliegen, ausgelassen wie einst die ersten Songs vom Wilco-Debüt „A.M.“. „Rising Red Lung“ dagegen wieder ähnlich düster wie „Black Moon“. Der Titelsong „Whole Love“ als reine Spielfreude aller Beteiligten Musiker, im lockeren Midtempo gehalten. Auf gut zwölf Minuten erstreckt sich der Abschlußsong „One Sunday Morning“, mit dem immer wiederkehrenden Gitarrenmotiv und einem federleichten Piano-Spiel von Patrick Sansone. Glenn Kotche streichelt geschmeidig sein Schlagzeug und Jeff Tweedy erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte über Glaube, Hoffnung, Erziehung, Verlust. Ein großer Song, der sich im Wilco-Kanon ganz oben platzieren wird.

Mit „The Whole Love“ untermauern Wilco ihren Status als begnadete und facettenreiche Rockband

Mit „The Whole Love“ schöpfen Wilco einmal mehr ihr großes musikalisches Potential aus und halten locker das längst vorgegebene hohe Niveau. Nach diversen Umbesetzungen in den letzten 17 Jahren scheint Jeff Tweedy nun seit vier Jahren die richtigen Musiker um sich geschart zu haben, die erstens seine Inspirationen kongenial umsetzen und sich zweitens mit neuen Ideen in den Entstehungsprozeß der Songs einbringen. Durch die Musik von Wilco zieht sich seit Jahr und Tag ein roter Faden, der mit jeder neuen Platte um diverser neue Facetten bereichert wird. Eine begnadete Band, an der kein Rockenthusiast mehr vorbeikommt.

„The Whole Love“ von Wilco ist am 23.9.2011 bei dBpm/Anti/Epitaph Records erschienen

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