Wilco: Bandportrait zum neuen Album „The Whole Love“

Wilco: Bandportrait zum neuen Album „The Whole Love“

Vom Americana-Heroes-Status zur wichtigsten zeitgenössischen Band der Welt

von Gérard Otremba

„I Might“, die im Internet anzuhörende Single des neuen Albums, verspricht das, was alle bisherigen Wilco-Platten letztlich auch gehalten haben. Zu hören sind ein staubtrockenes, vorwärtstreibendes Schlagzeugspiel, verzerrte Gitarren, ein Glockenspiel, fiepende Orgelklänge, Backgroundchöre, und natürlich Jeff Tweedys dringlicher Gesang. Ein Song, der sowohl auf „Summerteeth“ als auch „Wilco (The Album)“ seinen Platz gefunden hätte.

Von Uncle Tupelo zu Wilco

Auf sich aufmerksam machte Jeff Tweedy als Mitglied der Formation Uncle Tupelo. Zusammen mit Jay Ferrar, später mit Son Volt unterwegs, setzte Tweedy als Songschreiber Akzente im Alternative Country, gerne auch als Americana tituliert. Nachdem Ferrar 1994 die Band verließ, gründete Tweedy Wilco und hatte mit Bassist John Stirratt, Drummer Ken Coomer und Max Johnston, der Mandoline, Fiddle, Dobro und Banjo spielte sein Line-Up von Uncle Tupelo gleich mitgenommen. Das erste, 1995 erschienene Album A.M., stand natürlich noch in der Tradition von Uncle Tupelo, jedoch ohne deren ausgelassene frühe Punkattitüde. Es gibt auf A.M. klassischen Roots-Rock mit Pop-Appeal, wie „Casino Queen” oder „Box Full Of Letters“, und countryinfizierte Heuler wie „It‘s Just That Simple“ und „I Thought I Held You“ zu hören.

Wilco und ihr erstes Meisterwerk “Being There”

Das erste große Meisterwerk gelang Wilco bereits im zweiten Anlauf mit dem 1996 veröffentlichten Doppel-Album „Being There“. In der Zwischenzeit stieß Gitarrist und Pianist Jay Bennett zur Band, die Songs wurden auf der einen Seite noch griffiger („Outtasite“, „Monday“, „I Got You“), auf der anderen Seite komplexer und diffiziler („Red-Eyed Blue“, „Sunken Treasure“, „Far, Far Away“). Der Sound wurde durch Trompeten und Saxophone erweitert und auch nach dem 100sten Hören dieser Platten meint man einer Art Wiederauferstehung der „Exile On Main Str.“ von den Rolling Stones beizuwohnen, es groovt, rockt und hat Soul an allen Ecken und Enden. Und erweitert das musikalische Spektrum des Songschreibers Jeff Tweedy enorm.

Wilco und der Einfluß der Beatles und Beach Boys

Die ganz große Popmusik in allen ihren Facetten lieferten Wilco dann 1998 mit „Summerteeth“. Mit dem Ausscheiden von Max Johnston verschwand der Country-Einschlag völlig. Wesentlich prägnanter war nunmehr der Einfluß der Beatles und der Beach Boys zu vernehmen. Ja, Jeff Tweedy transportierte den Geist von John Lennon und Brian Wilson in die Spät-90er mit einer Brillanz, die Ihresgleichen sucht. Der mitreißende Gute-Laune-Pop von „I’m Always In Love“ und „Nothingsevergonnastandinmyway(again)“, das enthusiastische „A Shot In The Arm“, das irre „Via Chicago“ und mit „Pieholden Suite“ und „How To Fight Loneliness“ schrieb Jeff Tweedy zwei Songs, die Lennon/McCartney nie eingefallen sind. Gleichzeitig offenbart Tweedy seine nachdenkliche, leicht ins Depressive neigende Seite.

Jeff Tweedy auf dem Höhepunkt seines Schaffens

Diese seine dunkle Seite tritt bei „Yankee Hotel Foxtrott“ offen zutage. Ursprünglich für den Herbst 2001 angekündigt, von der Plattenfirma Warner allerdings wegen angeblich fehlenden Hitpotentials abgelehnt, und schließlich im Frühjahr 2002 von Nonesuch, ironischerweise zum Hause Warner gehörend, auf den Markt gebracht, entpuppte sich „Yankee Hotel Foxtrott“ als Wilcos großer Wurf. Wiederum in einer personellen Umbruchphase befindend, Glenn Kotche übernahm den Schlagzeugpart, Leroy Bach spielte nun Gitarre, Piano und Orgel, entdeckten Wilco neue Soundwelten, zeigten sich in „I Am Trying To Break Your Heart“ und „Radio Cure“ progressiv und experimentell, Tweedys Stimme klang teilweise wie unter Tranquilizern, Textzeilen wie „There is something wrong with me“, oder „You have to learn how to die, if you wanna be alive“ zeugten von Tweedys Seelenzustand, die Songs düster in ihrer Grundstimmung gehalten. Und mit „Ashes Of American Flags“ gelang Tweedy der endgültige, depressive Abgesang auf den American Dream. Eine tadel- und makellose Platte, die Jeff Tweedy in den Kreis der wenigen Genies der zeitgenössischen Rock-Pop-Musik hievte.

Wilco und der Vergleich mit den Stones, Bob Dylan und den Beatles

Mit Mikael Jorgensen gesellte sich zu den Aufnahmen von „A Ghost Is Born“ ein weiterer Pianist zur Band. Die 2004 herausgebrachte Platte beeindruckte mit einer Fülle von sensationellen Songs, vom dramatischen, als Piano-Ballade beginnenden und im infernalischen Gitarrengewitter untergehenden „At Least That’s What You Said“, über das knapp elfminütige und entfesselte „Spiders (Kidsmoke)“, den wunderbar beatlesk klingenden „Hummingbird“ und „Handshake Drugs“, bis hin zu den ausgelassenen Rockern „Company In My Back“ und „I’m A Wheel“ und dem abschließenden „The Late Greats“. Die Alben „Summerteeth“, „Yankee Hotel Foxtrott“ und „A Ghost Is Born“ verhalten sich in ihrer Qualität wie „Revolver“, „Sgt. Pepper“ und das „White Album“ von den Beatles, oder wie „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde” von Bob Dylan, oder „Let It Bleed“, „Beggars Banquet“ und „Exile On Main St.” von den Stones. Und hätte Jeff Tweedy diese Songs in den 60ern komponiert und veröffentlicht, dann gebührte im sicherlich die Anerkennung, die die erwähnten Künstler längst besitzen. „Kicking Television“ die Doppel-Live-CD von 2005 faßt das Erlebnis Wilco perfekt zusammen.

Von „Sky Blue Sky“ bis zum angekündigten Album „The Whole Love“

Zwei Jahre später erschien „Sky Blue Sky“, ausgestattet mit allen markanten und relevanten Wilco-Topoi und warf mit „Impossible Germany“ nebenbei noch einen der besten Wilco-Songs überhaupt ab. Zu verdanken ist dies sicherlich auch dem Gitarrenspiel von Nels Cline, der zusammen mit Pianist Pat Sansone (Leroy Bach verließ in der Zwischenzeit die Band) die Gruppe mittlerweile verstärkte. „Wilco (The Album)“ aus dem Jahre 2009 schließt sich nahtlos an „Sky Blue Sky“ an, wirkt allerdings verspielter und poppiger. Die Songs „One Wing“ und „Bull Black Nova“ zeigen einmal mehr, in welcher Klasse Jeff Tweedy zu Hause ist. Am 23. September 2011 erscheint mit „The Whole Love“ nun also das 8. Studioalbum der Chicagoer Band um Mastermind Jeff Tweedy und man darf sehr gespannt sein, welche Seiten er seinem Publikum diesmal präsentieren wird.

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