Ein Marina-Album ist immer etwas Besonderes. Unter der Katalognummer MA100 erscheint nun eine fabelhafte Label-Retrospektive. Schöner kann Pop nicht sein.
von Werner Herpell
An den mittlerweile 100 Alben, die in den vergangenen 30 Jahren bei der kleinen Hamburger Plattenfirma Marina erschienen sind, stimmte immer alles. Das Design, die Optik, die Verpackung – entworfen von Label-Chef Stefan Kassel, der dafür zu Recht vielfach ausgezeichnet wurde. Die Haltung der Marina-Macher (neben Kassel vor allem der renommierte Musikjournalist Frank Lähnemann), deren sympathischer Snobismus – man wusste halt immer, dass man mit dem eigenen Anspruch nicht reich wird, dafür aber gar nicht mal so wenige Pop-Gourmets sehr glücklich macht. Und natürlich die über viele Jahre veröffentlichte Musik selbst – all diese wunderbaren Künstler, die mit Marina-Platten zu Fackelträgern des Schönen und Guten im Pop wurden.
Nummer MA100 als Marina-Abschied?
Falls das hier jetzt ein bisschen wie ein Nachruf klingt – ja, es gibt Gerüchte, dass die Label-Compilation „Viva Marina – Marina One Hundred“ das letzte Album aus dem Haus der Hamburger Sophisticated-Pop-Spezialisten sein könnte. Man hatte den Abschied freilich auch vor einigen Jahren schon mal erklärt, mit einem Album der schottischen Lieblingsband The Pearlfishers. Doch dann kamen noch ein paar Marina-Wunderwerke hinzu, etwa 2024 das Comeback ebendieser Glasgower Perlenfischer um David Scott (ein Interview dazu gibt’s hier), dieses Jahr die überraschende Wiederkehr von Dislocation Dance und die ebenso großartige The-Blue-Nile-Hommage des virtuosen Jazz-Trompeters Colin Steele mit seinem Quartett.
Nehmen wir also mal an, dass das schlichte schwarz-weiße Design des „Viva Marina“-Samplers nicht an Trauerkarten erinnern, sondern lediglich das legendäre Chanel-Logo zitieren soll. Würde ja ebenfalls passen, denn wie ein nobles, reichhaltiges Parfüm wirken auch die hier aufgebotenen 21 Tracks, von denen gut die Hälfte bislang noch nicht veröffentlicht wurde. Neben Perlen aus einer schon länger zurückliegenden Marina-Vergangenheit („Listen“ von The Free Design, 2001; „Carousel“ von Shack, 2003; „No Risk No Glory“ von The Bathers, 1997; „Heartbroken All Over Again“ von Malcolm Ross, 1998) faszinieren auch die eigens für diese Compilation beigesteuerten Lieder: etwa „Surround Yourself In Sound“ von Evelyn Pope (Ashby), „Iron Star“ von James Kirk & Warren McIntyre, „It’s A Long Way Down“ von Dislocation Dance oder (mal was Deutsches) „Irgendein französischer Film“ von Frank Schmiechen.
David Scott prägt auch diesen Marina-Sampler
Und immer wieder drückt der bereits erwähnte David Scott – quasi Haus-Künstler von Marina – dieser opulenten Songsammlung seinen Stempel auf. Er interpretiert unter eigenem Namen Taylor Swifts „The Last Great American Dynasty“ (und stellt das Original in den Schatten), steuert unter dem Moniker The Tall Poppies das herrliche „The Return Of The Snow Lamb“ bei, ein weiteres Stück dann als Oscar In Venice, und mit seinem bewährten Edelpop-Bandprojekt The Pearlfishers die Pianoballade „Limelight“. Mit Norman Blake (Teenage Fanclub) arbeitete Scott für eine Interpretation von The Roches‘ „Hammond Song“ zusammen.
Zum erhabenen Ausklang von „Viva Marina“ ertönt das nur gut einminütige, gleichwohl cineastische Instrumental „Chateau Marmont“ des ikonischen Brian-Wilson-Weggefährten Van Dyke Parks. Stilvoller geht’s nicht. Ja, dieses Feinschmecker-Label hat sich bleibende Verdienste erworben – als euphorischer Förderer toller, oft aus der Zeit gefallener Popmusik, als zuverlässiger Hamburger Heimathafen für Künstler, die dort jenseits von Charts-Erwartungen einfach nur superbe Indie-Platten zwischen Sixties-Soul und Midnight-Jazz, Barock- und Sophisticated-Pop, Gitarren-Folk und Singer-Songwriter-Musik machen konnten. Zum Beispiel das kürzlich auf Vinyl wiederveröffentlichte „Caroline Now!“, ein von Scott kuratiertes Beach Boys/Brian Wilson-Tributealbum. Oder andere Compilations wie „In Bed With Marina“, „Ave Marina“ und „Goosebumps“. Die neue Label-Retrospektive mit der Katalognummer MA100 setzt diese Tradition nun würdig fort. Mögen ihr noch etliche Marina-Alben folgen.
Die Compilation „Viva Marina: Marina One Hundred“ erscheint am 14.11.2025 bei Marina Records. (Beitragsbild: Albumcover)
