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8. Mai 2024Mit seinem Folkpop-Projekt Villagers hat der irische Singer-Songwriter Conor O’Brien eine makellose Bilanz vorzuweisen. Wir konnten mit ihm in Berlin über das erneut meisterhafte aktuelle Album und seine bisherige Karriere sprechen.
Interview von Werner Herpell
Conor O’Brien freut sich zu Beginn unseres Face-to-Face-Interview in einem Berliner Hotel spontan über meine Klamotten-Auswahl. „Ich mag diese Platte sehr“, sagt der 41-jährige, immer noch jungenhaft wirkende Ire – und meint damit „Hail To The Thief“ von Radiohead, dessen Albumcover ich auf einem T-Shirt mit mir herumtrage. Das Eis ist also sofort gebrochen, und es entwickelt sich ein angeregtes „Sounds & Books“-Gespräch über das neue Meisterwerk „That Golden Time“ seines Bandprojekts Villagers (VÖ 10.05.2024), die bisherige Karriere des gefeierten Singer-Songwriters O’Brien unter diesem Moniker, seine musikalischen Einflüsse, Vorlieben und Ideen für die Zukunft.
Ein Villagers-Album, das vor Nostalgie nur so trieft
Hallo Conor, schön, dich hier in Berlin persönlich zu treffen. Ich habe dich schon mal interviewt, damals zum „Awayland“-Album von 2013, aber das war nur per Telefon – du hast von Irland aus mit mir gesprochen und klangst ziemlich krank, wohl wegen einer schweren Erkältung.
Conor O’Brien: Oh, da hatte ich wahrscheinlich eher einen Kater. (lacht)
Nun erscheint demnächst dein siebtes Studioalbum seit
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2010, „That Golden Time“. Für mich klingt es ziemlich melancholisch und nostalgisch. Was ist denn deine persönliche „goldene Zeit“ auf diesem Album?
Conor O’Brien: Hmmm, meine goldene Zeit? Das Album trieft nur so vor Nostalgie, denke ich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich ein bisschen älter geworden bin. Für mich ist das erste, was mir bei dieser Frage in den Sinn kommt: Jede Zeit, bevor es das Internet gab, ist eine goldene Zeit für mich. Ich glaube, wir haben diese massive Veränderung erlebt, wie wir miteinander kommunizieren, sogar wie wir träumen, wie wir uns Dinge vorstellen. All das, auch spirituelle Dinge, werden durch diese neue, sich schnell wandelnde Technologie verändert. Ich denke, das ist eine Art Hauptthema, das ich ein wenig herausgearbeitet habe.
Gibt es einen roten Faden, ein wiederkehrendes Thema in den Texten?
Conor O’Brien: Ich denke schon, ja, da gibt es einige. Wertesysteme, nehme ich an, diese kulturell bedingten Werte, die wir haben. Sie sind sehr wandelbar, die Geschichte zeigt, dass sie sehr wandelbar sind. Besonders im Internetzeitalter. Die Spannung zwischen diesen kulturell bedingten Überzeugungen und ewigen humanistischen Wahrheiten, das ist vielleicht eines der Themen.
Der Vorgänger „Fever Dreams“ wurde quasi noch zu Covid-Zeiten gemacht, aber das Album klang überhaupt nicht so, es hörte sich an wie eine große, fette Bandplatte.
Conor O’Brien: Es wurde nur zu Covid-Zeiten abgemischt. Wir haben tatsächlich am ersten Tag des Lockdowns noch aufgenommen, eine Art illegale Aufnahme. Aber das war schon noch eine volle Bandplatte.
Villagers-Kontrastprogramm zu „Fever Dreams“
Auf der anderen Seite ist „That Golden Time“ ein intimes, verträumtes Post-Covid-Album, das klingt, als wären da nur ein oder zwei Personen im Studio gewesen.
Conor O’Brien: Ja, da ist ein großer Kontrast. „Fever Dreams“, das war das erste Mal, dass ich sehr unfertige Ideen in die Band einbrachte. Ich habe mich dabei nicht wohl gefühlt, aber ich habe mich dazu gezwungen, weil ich sehen wollte, was mit dieser Gruppe von Musikern passiert, mit denen ich die letzten zwei oder drei Jahre auf Tournee war. Das war also ein ziemliches Experiment für mich, denn ich musste viel von meiner Einschätzung der Songs loslassen, ich musste viel von meiner Kontrolle abgeben. Das ist ein Problem für mich, wenn es um Musik geht, nehme ich an. Das war alles sehr spielerisch, es war ein ständiges Hin und Her. Bei diesem (neuen Album) war es so, dass selbst als ich die Songs am Ende zum Mastering Engineer brachte, der Dateiname immer noch „Demos“ lautete. Du hörst also quasi die Demos dieser Songs – weiter ausgearbeitete Demos natürlich.
Wie wurde das gemacht? Hattest du wieder eine Band aus alten Freunden, oder waren da nur du und deine Instrumente?
Conor O’Brien: Nun, ich habe alles eingespielt, bis kurz vor Schluss. Dann habe ich Geigen, Bratsche, Cello, eine Sopranistin, einen Bouzouki-Spieler und einen Pedal-Steel-Gitarristen dazugeholt. Alle Instrumente, die ich nicht selbst spielen konnte, kamen erst ganz am Ende des Prozesses hinzu. Es ging diesmal also ziemlich kontrolliert zu.
Wenn wir uns die zehn neuen Songs mal anschauen – welche sind für dich am wichtigsten, welche prägen Atmosphäre und Handlung von „That Golden Time“ am stärksten?
Conor O’Brien: Meine Gefühle dazu ändern sich immer mal wieder. Aber im Moment gibt es einen Song namens „Behind That Curtain“…
„Oh, das klingt jetzt cool…“
Ja genau, für mich auch ein Schlüsselsong und einer deiner allerbesten überhaupt. Musikalisch das faszinierendste Lied auf dem neuen Album, weil es nach fünf Minuten oder so seine Richtung komplett ändert, von einer traurigen soundtrack-artigen Ballade zu elektronischen Beats und jazziger Klarinette.
Conor O’Brien: Oh, du magst den Song also – danke dir. Er hat sich gegenüber dem Original noch sehr verändert. Ich habe den ganzen Text zu einer völlig anderen Melodie geschrieben, es war eine Art akustischer Popsong. Aber ja, dann habe ich ihn verlangsamt. Mir wurde klar, dass der Text eine langsamere Basis braucht. Es hat für mich irgendwie nicht ganz gepasst. Ich erinnere mich an den Tag, an dem ich da am Klavier saß, die Augen schloss, an den Text dachte und versuchte, diese Art von jazzigen Akkorden zu finden: „Oh, das klingt jetzt cool…“ Das war ziemlich schwierig, weil ich kein richtiger Pianist bin und mich mit Jazzmusik nicht wirklich auskenne. Die zweite Hälfte des Liedes war zunächst auch ganz anders. Bevor ich das elektronische Klarinettensolo einfügte, war es eigentlich ein weiterer sehr langsamer Abschnitt mit ähnlichen Akkorden wie in der ersten Hälfte.
Ein weiterer toller neuer Song ist „No Drama“, der zum anschließenden Stück „Behind That Curtain“ perfekt passt. Was verbirgt sich hinter diesem Vorhang?
Conor O’Brien: Er ist vor allem dramatisch. (lacht) Wenn man sich mal so Dating-Apps anschaut – die Leute schreiben da immer: „No drama“. Ich dachte, das ist so ein schräger Satz. Denn das Leben ist doch Drama. Ich konnte diesen Satz nicht aus meinem Notizbuch herausbekommen. Und ich dachte, es könnte lustig sein, meinen melodramatischsten Song zu schreiben und ihn dann „No Drama“ zu nennen.
Für mich ist „That Golden Time“ zusammen mit „Awayland“ dein schönstes Album. Wie schätzt du selbst diese neueste Platte in deinem Gesamtkatalog ein?
Conor O’Brien: Ich empfinde eine Verbindung zu den Anfängen der Villagers, zum Album „Becoming A Jackal“. Es hat etwas mit dem Versuch zu tun, unter die Oberfläche der Dinge zu gelangen. Bei „Fever Dreams“ habe ich das überhaupt nicht getan. Ich habe da nur versucht, eine seltsam psychedelische, feierliche und bläserlastige Platte zu machen. Das hat einfach Spaß gemacht, aber es war ein ganz anderes Projekt. Das neue Album ist nun wieder eine Art Psychodrama, fast wie ein Psychothriller.
Zu Morricone-Musik „im Kino oft geweint“
Conor, ich habe kürzlich dein „Mojo“-Interview gelesen und war ziemlich überrascht von deiner Musikfavoriten-Auswahl. Björk, Radiohead, Weyes Blood – okay. Aber Ennio Morricone oder Terry Riley? Du hast einen ziemlich breiten Geschmack.
Conor O’Brien: Ja, weil ich Musik sehr liebe. Wann immer diese Frage gestellt wird: Was ist dein Lieblingsalbum aller Zeiten… dann habe ich nie die gleiche Antwort. Zu Morricone – ich weine oft, wenn ich seine Musik höre, sogar einige weniger bekannte Filme haben einige seiner besten Soundtracks. Als Kind war meine erste musikalische Liebe die Filmmusik. Die hat mich wirklich zur Musik gebracht. Als ich vier oder fünf Jahre alt war – ich erinnere mich, dass ich im Kino oft geweint habe, nur wegen der Akkorde, wegen der Akkordwechsel. Und dann zu Terry Riley – sein Album „A Rainbow In Curved Air“ höre ich sehr oft. Etwa auf Reisen. Wirklich cool.
Vor einigen Jahren habe ich gelesen, dass Martin McAloon von Prefab Sprout deine „Awayland“-Songs mit denen seiner alten Band verglichen hat. Ich finde in Villagers-Alben tatsächlich auch einige Parallelen. Kannst du diesen Standpunkt nachvollziehen?
Conor O’Brien: Sie sind eine Band, die ich heute sehr mag. Als ich mein erstes Album „Becoming A Jackal“ herausbrachte, zogen die Leute bereits solche Vergleiche – aber um ehrlich zu sein, hatte ich sie damals noch nie gehört. Und so war es wie: Oh, wer ist das denn? Als ich dann Prefab Sprout hörte, ihre Singles: Oh ja… Die Leute nahmen an, ich sei ein Fan. Als ich sie mir anhörte, dachte ich, das ist cooles Zeug. Aber ich war nicht so sehr von ihnen beeinflusst. Vielleicht seither ein bisschen…
Im „Mojo“-Interview wird auch David Heddermans neues Album „Pulling At The Briars“ erwähnt. Er ist ein alter Freund von Dir, ein ehemaliger Bandkollege von The Immediate, Du hast seine erste Solo-Platte produziert. Wie habt ihr euch wieder getroffen?
Conor O’Brien: Wir hatten immer Kontakt. Er ist einer meiner engsten Freunde, lebt jetzt in Berlin. Ich sehe ihn jedes Mal, wenn ich hier bin. Wir haben einfach eine Schuljungen-Verbindung, weil wir zusammen aufgewachsen sind. Wenn ich jetzt einen Song schreibe, schickt er mir vielleicht eine Zeichnung dazu. Also da ist eine Art ungewöhnliche spirituelle Verbindung. Ich habe mich sehr gefreut, als ich hörte, dass er mich mit der Produktion seiner neuen Platte betrauen wollte. Es war einfach so natürlich, es fühlte sich überhaupt nicht wie Business an.
Mit den Villagers immer in Bewegung
Meiner Meinung nach ist der Villagers-Katalog – von „Becoming A Jackal“ bis „That Golden Time“ – einer der besten im aktuellen Indie-Pop. Wenn du auf deine Karriere mal zurückblickst – bist du zufrieden mit dem, was du bis jetzt erreicht hast?
Conor O’Brien: Ich denke, es ist immer ein Sargnagel für Kreativität, wenn man zufrieden ist. Ich mag es nicht, zufrieden zu sein – ich ziehe es vor, in Bewegung zu bleiben und mich zu verändern. Ich schreibe bereits Songs für die nächste Platte, und die sind wirklich wieder ganz anders. Wenn man eine Platte macht, ist man gezwungen, anderthalb Jahre oder so mit dieser Platte zu leben. Deshalb kehre ich jetzt auch erstmal wieder zu „That Golden Time“ zurück, weil ich gerade anfange, das Album zu promoten und live zu spielen.
Conor, ich danke dir sehr für dieses Gespräch.
Das Album „That Golden Time“ von den Villagers erscheint am 10.05.2024 bei Domino. Eine Album-Review folgt. (Beitragsbild von Andrew Whitton)




