Vernünftige Freiheit – Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas

Vernünftige Freiheit Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas Buchover

Die Idee vernünftiger Freiheit als zentraler Diskussionspunkt im Spätwerk von Jürgen Habermas, multiperspektivisch betrachtet.

von Sebastian Meißner

Mit „Auch eine Geschichte der Philosophie“ hat Jürgen Habermas 2019 noch einmal für reichlich Diskussion gesorgt. In diesem zweibändigen Spätwerk zeichnet der Autor die Entwicklung der westlichen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart nach. Habermas interpretiert dabei die Geschichte der Philosophie als einen Lernprozess, der von den Anfängen der griechischen Philosophie über das christliche Mittelalter bis hin zur modernen und zeitgenössischen Philosophie reicht. Zentral ist dabei die Idee der vernünftigen Freiheit, die sich als Leitfaden durch die gesamte Geschichte zieht. Jürgen Habermas untersucht unter anderem, wie sich das Verhältnis von Glauben und Wissen im Laufe der Jahrhunderte verändert und wie dies die Entwicklung rationaler und moralischer Prinzipien beeinflusst hat. Das Werk ist geprägt von einer umfassenden Analyse der philosophischen Traditionen und ihrer Bedeutung für die Gegenwart, und es bietet einen tiefgehenden Einblick in die intellektuelle Geschichte des Abendlandes.

14 verschiedene Ansätze

Vernünftige Freiheit Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas Buchover

Klar, dass das Diskussionsbedarf weckt. Im hier vorliegenden Band mit Namen „Vernünftige Freiheit – Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas“, herausgegeben von Stefan Müller-Doohm, Samir Rapic und Tilo Wesche, beleuchten insgesamt 14 Expertinnen den Ansatz Habermas‘ aus verschiedenen Blickwinkeln – philosophisch, soziologisch, theologisch und rechtstheoretisch – kritisch, um das Potenzial für die weitere Forschung zu bewerten. Unter andrem beschäftigt sich Thomas M. Schmidt in seinem Beitrag mit Jürgen Habermas‘ Aussagen über den Sinn des Sakralen. Hause Brunkhorst schreibt über die Dialektik sozialer Integration. Rainer Forst über die Diskursethik als kantischen Konstruktivismus. Regina Kreide über eine postmetaphysische Theorie moralischer Motivation in Habermas‘ Arbeit.

Jürgen Habermas nimmt Stellung

Die Dichte der hier zusammengetragenen Beobachtungen, Analysen und Kritiken ist beachtlich und hilft bei der Einordnung des Habermas-Entwurfes. Das Tolle: er selbst nimmt Stellung zu diesen Rückmeldungen und Anregungen. In seinen ausführlichen Antworten auf die verschiedenen Beiträge wird zum einen eine hohe Wertschätzung für die Kolleg:innen offenbar. Zum anderen sein messerscharfer Verstand, mit dem er seine Argumentation im Bedarfsfall nachbessert, präzisiert, mit Beispielen anreichert oder die Notwendigkeit weiterer logischer Beweisführung einräumt.

Jürgen Habermas hat Steine ins Rollen gebracht

Somit ist hier gerade die Korrespondenz des letzten Kapitels dieses über 400 Seiten starken Buches ein echter Erkenntnisgewinn und zudem eine der seltenen Gelegenheiten, die Bedeutung des Austausches und des Dialoges für die Formulierung und Präzisierung von Gedanken zu beobachten. Habermas hat mit „Auch eine Geschichte der Philosophie“ erneut Steine ins Rollen gebracht. Die multiperspektivische Auseinandersetzung mit seinem Werk, wie sie hier abgebildet ist, beweist dies eindrucksvoll.

„Vernünftige Freiheit – Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas“, Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Stefan Müller-Doohm, Smail Rapic und Tilo Wesche, kartoniert, 428 Seiten, 978-3-518-30020-6, 28 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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