Tori Amos: Night of Hunters – Album Review

Tori Amos: Night of Hunters – Album Review

Die klassische Tori Amos

von Gérard Otremba

Es war klar, daß Tori Amos irgendwann zu ihren musikalischen Wurzeln zurückkehren würde, die nun einmal die Studien des klassischen Klaviers am Konservatorium in Baltimore waren. Auf ihrem zwölften Studioalbum „Night of Hunters“ sind nur noch rein akustische Instrumente zu hören, aber natürlich stehen sowohl Tori Amos Stimme als auch ihr Spiel am Bösendorfer Piano im Mittelpunkt ihres neuen Werkes.

„Little Earthquakes“, das Debüt-Album von 1992 als intime Beichte der Tori Amos

Selbstverständlich wäre Tori Amos im Mittelalter als Hexe verbrannt worden. Nicht nur ihrer roten Haarpracht wegen. Allein ihre Verbundenheit zur Natur und Mutter Erde wäre Grund genug gewesen. Dankenswerterweise hat sich die Gesellschaft seit dieser Zeit durchaus zum Positiven gewandelt. Und so ist die Musikwelt 1992 Zeuge von „Little Earthquakes“ geworden, dem Debüt-Album der damals schon fast 30-jährigen Songwriterin, die Ende der 80er unter anderem Namen als Rockröhre vermarktet worden ist und grandios scheiterte. Mit „Little Earthquakes“ legte Tori Amos ihre intimsten, emotionalen Seiten offen und brillierte und verstörte mit unter die Haut gehenden Songs wie „Crucify“, „Silent All These Years“, „China“ und „Mother“.

Weitere musikalische Perlen von Tori Amos

Auch in der Folgezeit zeigte die Frau am Piano ihre Klasse und erfreute die Anhängerschar mit wunderbaren Stücken wie „Cornflake Girl“, „Pass The Mission“, „Horses“, „Hey Jupiter“, „Raspberry Swirl“ oder „Your Cloud“. Tori Amos beließ es nicht bei der intimen Nabelschau, schlüpfte auf ihren Platten in verschiedene Rollen, erweiterte ihr musikalisches Spektrum über das Klavier hinaus und schuf für ihre Verhältnisse teilweise schon opulente Popmusik. Doch immer wenn das Piano in den Vordergrund rückt und sich die Stimme von Tori Amos erhebt, windet und streckt, erlebt der Hörer zum Teil magische Momente der Verzückung.

Die neue CD „Night of Hunters“ steht in der Tradition klassischer Komponisten

Und mit dem Piano-Spiel geizt Tori Amos auf „Night Of Hunters“ wahrlich nicht. Ganz im Gegenteil, ließ sie sich doch für ihr neues Album von klassischen Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin, Franz Schubert, Robert Schumann, Felix Mendelssohn, Claude Debussy oder Eric Satie inspirieren, deren musikalische Themen Tori Amos in ihren Stücken variiert. Begleitet wird sie unter anderem vom Apollon Musagète Quartet, Violinen und Cellos spielen also eine gewichtige Rolle im Liedreigen des neuen Albums. Auch Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner kommen zum Einsatz du spiegeln die Eleganz der Kompositionen wieder. Nichtsdestotrotz muß man sich als Hörer vom bisher bekannten Tori Amos-Pop ein wenig befreien, um den nötigen Zugang zum neuen Liedgut zu erhalten.

Tori Amos und die endgültige Verbindung zwischen Poesie und Natur

Aber es lohnt sich, in diese Welt einzutauchen. In das Konzeptalbum über eine sich neu erfindende Frau, die, wie kann es bei Tori Amos anders sein, emotionale Seiten mit allen dazugehörigen Facetten auslotet. Songs wie das epische, fast zehn minütige „Star Whisperer“, das hymnische „Your Ghost“ oder das zarte „Carry“ zeugen von der Virtuosität der Künstlerin im Umgang mit ihrem Sujet. Und wieder einmal gelingt Tori Amos die Verbindung zwischen Poesie und Natur. Die mystische Magierin wird eins mit ihrer natürlichen Umwelt und weiß, daß nur die Liebe Weg und Ziel sein kann. Tori Amos ist mit „Night of Hunters“ dort angekommen, wo sie wahrscheinlich schon immer hin wollte. Bei der nächsten Platte darf es dann wieder etwas mehr Pop sein.

„Night of Hunters“ von Tori Amos ist am 16.9.2011 bei der Deutschen Grammophon / Universal erschienen.

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