Tomasz Stańko: September Night

Mitreißender Mitschnitt des Konzerts des Ausnahmetrompeters Tomasz Stańko zusammen mit dem Marcin Wasilewski Trio aus der Muffathalle in München von 2004.

von Sebastian Meißner

Als Tomasz Stańko 2018 im Alter von 76 Jahren starb, war er kein alter Mann, kein Vertreter einer vergangenen Epoche, kein Ehemaliger. Im Gegenteil: Wie wenige andere europäische Jazzmusiker blieb Stańko zeit seines Lebens modern und auch beim nachwachsenden Publikum beliebt. Er, der Trompeter, der 1961 sein Debüt veröffentlichte und auf mehr als 40 Alben zu hören ist, galt weltweit als Antreiber und Weiterentwickler des Jazz. Wie die amerikanischen Free Jazzer versuchte auch er sich an neuen Spielformen und Ausdrucksmöglichkeiten. Sein Ton war dabei meist dunkel und geheimnisvoll, weswegen irgendwer ihm mal den Titel „Edgar Allan Poe der Trompete“ gab.

Jeden Tag aufs Neue überrascht

Tomasz Stańko September Nights Cover ECM Records

Eine Methode Stańkos, sich immer wieder neu

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erfinden zu müssen, war es, sich mit jungen Mitmusikern zu umgeben. Im letzten Drittel seiner Karriere war es vor allem das Trio um Pianist Marcin Wasilewski, Bassist Slawomir Kurkiewicz und Schlagzeuger Michal Miskiewicz, mit dem er seine besten Arbeiten einspielte. 24 Jahre lang arbeiteten sie zusammen. Sie, die inzwischen selbst Weltstars sind und die Stańko als ihren Mentor und Wegweiser bezeichnen, begleiteten ihn auf internationalen Tourneen ebenso wie auf den preisgekrönten Alben „Soul Of Things“ und „Suspended Night“ und „January“. 2007 sagte Stańko einmal: “In der gesamten polnischen Jazzgeschichte gab es noch nie so eine Band. Ich werde jeden Tag aufs Neue von diesen Musikern überrascht. Sie werden einfach immer besser.“

Tomasz Stańko und das Match

Drei Jahre vorher spielte das Quartett im Rahmen des Symposiums für improvisierte Musik „Unforeseen“ in der Münchner Muffathalle ein Konzert, das nun unter dem Titel „September Night “ bei ECM Records veröffentlicht wird. Es zeigt das Quartett in absolut bestechender Form. Vom ersten Ton von „Hermento’s Mood“ bis zum letzten Ton von „Theatrical“ ist die geradezu magisch enge Verbindung der vier Ausnahmemusiker zu hören. Das Wasilewski Trio ist keine Begleitband-Band, sondern gleichwertiger Teil des großen Ganzen. Die drei jungen Musiker spüren den Geist, den Groove, den Vibe und die Ideen von Tomasz Stańko. Sie sprechen wie selbstverständlich dasselbe Vokabular und beherrschen ebenfalls den Spagat aus Free Jazz, slawischer Folklore, und klassischem Anspruch. Kurz: It’s a Match.

Musik mit 1000 Prozent

Es gibt auf dieser Platte unzählige magische Momente. Momente voller erhabener Schönheit und schlitzohrigem Spielwitz. Man hört diese Aufnahmen mit großer Bewunderung und ebenso großem Wehmut. Sie hätten nie viel übers Musizieren gesprochen, sagte Wasilewski mal über die Zusammenarbeit seines Trios mit Stańko. Was er ihnen mitgab, ging weiter. „Jedes Konzert, das wir mit ihm spielten, war wichtig – das wichtigste, fast so, als wäre es das letzte. Das ist die Herangehensweise, die er uns beigebracht hat: ‚Wenn du Musik spielst, spiel sie mit tausend Prozent!'“. „September Night“ ist Musik, die mit tausend Prozent gespielt ist.

„September Night“ von Tomasz Stańko erscheint am 21.06.2024 bei ECM Records. (Beitragsbild von Caroline Forbes)

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