Tocotronic: Wie wir leben wollen

Tocotronic: Wie wir leben wollen

Die stilistische Vielfalt von Tocotronic

von Gérard Otremba

Es ist immer wieder interessant zu beobachten, wenn sich Bands im Verlauf ihrer Karriere stilistisch verändern. Auch die Hamburger Band Tocotronic hat ihre musikalischen Ursprünge um diverse Facetten erweitert und im Zuge dessen einige glanzvolle Alben abgeliefert.

Vom Indie-Punk-Rock zur Nummer eins in den Charts

Dem doch zumeist wüsten und ungestümen Nerd-Indie-Punk-Rock der ersten Platten „Digital ist besser“, „Nach der verlorenen Zeit“ und „Wir kommen uns zu beschweren“ folgte auf „Es ist egal, aber“ der erste leise Hauch von Streicher- und Keyboardarrangements. Innerhalb von zwei Jahren hauten Dirk von Lowtzow, Arne Zank und Jan Müller diese vier Alben mit einer unbändigen Kraft, Wucht und Wut heraus, die einen Staunen ließ. 1999 dann mit „K.O.O.K.“ ein mehr an Melodien, immer noch verschroben, gewiss, doch just während sich Blumfeld, eine weitere Speerspitze der „Hamburger Schule“, in den Schlager-Pop verabschiedeten, bewahrten sich Tocotronic auch mit vergleichsweise getragenen Songs ihren Indie-Status. Mit „Tocotronic“, dem „weißen“ Album der deutschen Musikgeschichte, brachten die Tocos eines der wunderbarsten zeitgenössischen Pop-Alben heraus. Mit „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Kapitulation“, in der Zwischenzeit mit Gitarrist und Keyboarder Rick McPhail als vollwertiges viertes Bandmitglied unterwegs, setzten Tocotronic weitere Maßstäbe im deutschen Indie-Pop-Rock, die 2010 im absoluten Meisterwerk „Schall & Wahn“ kulminierten. Die perfekte Symbiose von laut und leise, zart und hart. Knappe sechzig Minuten für die Ewigkeit. Vollkommen verdient, der Platz eins in den deutschen Charts.

Die stilistische Vielfalt von Tocotronic

Im Vergleich zu dem fast wie aus einem Guss klingenden „Schall & Wahn“-Album fordern Tocotronic auf „Wie wir leben wollen“ die Hörer mit einer stilistischen Bandbreite zur intensiven Auseinandersetzung mit ihrer Kunst auf. Dass Dirk von Lowtzow ein begnadeter Texter ist, wissen wir natürlich schon seit 20 Jahren, aber den Eröffnungssong „Im Keller“ mit den Worten „Hey, ich bin jetzt alt, hey, bald bin ich kalt“ beginnen zu lassen, hat einfach Charme und Ironie. Der Song ist Im angenehmen Midtempo gehalten, die Backing Vocals erinnern an gregorianische Mönchgesänge, ein wunderbarer Auftakt, dem „Auf dem Pfad der Dämmerung“ folgt und eine leicht sinistere und vernebelte Atmosphäre evoziert. Cooler und lässiger hingegen „Abschaffen“ und mit „Ich will nüchtern für dich bleiben“ gelingt Tocotronic die deutsche Antwort auf den Pop-Entwurf von Pulp, nur um anschließend in „Chloroform“ mit einem legeren Country-Folk-Pop aufzuwarten. „Neutrum“ entwickelt sich zu einem lockeren Shuffle, während die Melancholie von „Vulgäre Verse“ sofort an Element Of Crime und deren „Wenn der Morgen graut“ denken läßt. Das nächste Highlight folgt mit „Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools“, der Song schwebt geradezu über den Dingen, wunderschön. Geradezu sphärisch mutet „Die Verbesserung der Erde“ an, inklusive eines explosiven Ausbruchs zum Ende. Im „Exil“ rumpelt und poltert es, samt engelsgleichen Frauenstimmen und einen flotten Rock’n’Roll schüttelt die Band für „Die Revolte ist in mir“ aus den Ärmeln.

Tocotronic und die dunkle Seite der Musik

Dunkel, verstörend und zeremoniell jedoch der Beginn von „Warm und grau“, das sich nach drei Minuten in einen impulsiven Indie-Rock verwandelt. „Die Theorie“ wartet plötzlich mit einem Theremin auf und die „Höllenfahrt am Nachmittag“ dauert knapp 2:30 und frönt dem Punk-Rock der frühen Tage. Die dunkle Seite der Macht lassen Tocotronic noch einmal in „Neue Zonen“ erschallen, gespenstig. Düsternis herrscht auch im Titelsong „Wie wir leben wollen“ vor, irgendwann entschwebt schließlich der Gesang von Dirk von Lowtzow Richtung All und kehrt bedrohlich zu uns zurück, schaurig. Auch nicht unbedingt erbaulich die abschließende Petitesse „Unter dem Sand“, die Gefahr lauert auch dort. Tocotronic erschaffen mit „Wie wir leben wollen“ das wohl abwechslungsreichste, aber auch geheimnisvollste Album ihrer Karriere.

„Wie wir leben wollen“ von Tocotronic ist am 25.01.2013 bei Universal erschienen.

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