Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview

Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow im Interview

Über das Neue Album “Nie wieder Krieg” unterhielt sich Sounds & Books mit Tocotronic-Sänger- und Gitarrist Dirk von Lowtzow

Die Corona-Pandemie hat uns immer noch alle im Griff. Ursprünglich sollte am 29.11.2021 ein Interview-Tag mit Tocotronic in Hamburg stattfinden. Aus naheliegenden und verständlichen Gründen sagte die Band ihre Hamburg-Termine ab, jedoch stand uns Sänger Dirk von Lowtzow telefonisch für ein Gespräch über das neue Album “Nie wieder Krieg” zur Verfügung. Sounds & Books wünscht viel Vergnügen mit dem

Interview mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow

Dirk, am 28.01.2022 erscheint Euer neues Album „Nie wieder Krieg“. Eine Vorabsingle hat den Titel „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“. Nun habt ihr immer wieder gerne mit Slogans gearbeitet, aber meines Erachtens noch nie in dieser politischen Direktheit und Dimension. Wie kam es dazu? Warum ausgerechnet jetzt?

Vielleicht kann man noch „Kapitulation“ hinzurechnen, wenn man diesem Song eine politische Dimension zugestehen möchte. Was bei uns immer so gedacht war, damals Mitte der Nuller-Jahre, im Klima des unverkrampften Nationalismus, wenn man sich daran noch erinnern möchte. Tatsächlich war es  als eine Art Rückgriff auf „Kapitulation“ gedacht, „Nie wieder Krieg“ als eine Art Sequel. Ich finde, dass „Kapitulation“, „Nie wieder Krieg“ und „Jugend ohne Gott“ eine sehr schöne Reihe ergibt. Wir mögen als Band diese „Crazy Walls“, diese Ordnungsprinzipien, in denen man einzelne Stücke in Gruppen ordnet, dann können diese besser miteinander kommunizieren und haben auch  miteinander zu tun.

Und was das Politische anbelangt, war es natürlich kein Zufall und als Statement gedacht, „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ so kurz vor der Bundestagswahl herauszubringen, weil abzusehen war, dass erneut eine rechtsradikale Partei nahezu zweistellige Werte, und in einigen Bundesländern weit darüber hinaus, würde einfahren können. Dieser Spät-Sommer-Rock’n’Roll-Song mit antifaschistischer Botschaft war uns wichtig.  

Nun erinnern mich diese zwei Titel an Ton Steine Scherben. Hat euch die Musik von Rio Reiser und seiner Band  jemals bewusst beeinflusst?

Für mich als Songwriter nicht, weil ich mit dem Werk von Ton Steine Scherben und Rio Reiser viel zu wenig vertraut bin. Ich behaupte mal, für unseren Bassisten Jan Müller hat diese Musik eine große Bedeutung. Bei Arne bestimmt auch, bin ich mir aber nicht so sicher, und bei Rick, der in den USA aufgewachsen ist, sicherlich nicht. 

Duett mit Soap&Skin

Auf „Nie wieder Krieg“ befindet sich mit „Ich tauche auf“ – einer unfassbar bewegenden Ballade – zum ersten Mal ein Duett auf einem eurer Alben auf. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Kollegin Anja Franziska Plaschg, alias Soap&Skin?

Ich hatte das Stück eigentlich nicht als Duett, den Text nicht als Libretto für zwei Stimmen geschrieben. Das Lied tauchte, seinem Titel gemäß, eines Morgens einfach auf. Es materialisierte sich aus einer fast schlafwandlerisch zu nennenden Schreibphase. Mir war aber, nachdem ich mit der Band darüber sprach, schnell klar, dass der Song als Duett an Tiefe gewinnen würde. Und da kam mir sofort Anja Plaschg, alias Soap&Skin, in den Sinn, weil ich sie für eine außerordentliche Künstlerin halte und selbst großer Fan von ihr bin. Ich wusste, unsere beiden Stimmen würden sich extrem gut ergänzen.

Anja hat glücklicherweise eingewilligt und ihre Parts in Wien eingesungen. Und als mich ihre Aufnahme im Zug – ich war auf der Lesetour zu meinem Buch „Aus dem Dachsbau“ – erreichte, war ich den Tränen nah, weil es so schön war und weil es genau so war, wie wir es uns als Band erträumten. Und wir hatten das ganz große Glück, dass unser Videoregisseur Timo Schierhorn uns einen magischen Moment mit dem Videodreh zu diesem Song bescherte. 

Hoffnung in der Corona-Pandemie  

Auch der Song „Hoffnung“, den ihr bereits im April 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie als Single veröffentlicht habt ist auf dem Album zu finden. Wie hast Du die letzten fast zwei Jahre mit der außergewöhnlichen Pandemie-Lage erlebt und welche Auswirkungen hatte Corona z.B. auf eure Aufnahmearbeit?

Es war eine Art Scheitelpunkt für uns, als wir „Hoffnung“ im April 2020 herausbrachten, weil wir eigentlich ins Studio gehen wollten, um das Album fertig aufzunehmen, das eigentlich im Januar 2021 erscheinen sollte. Wir haben dann „Hoffnung“ in der unfertigen, Version ohne Schlagzeug veröffentlicht, weil es einfach so gut in diese Zeit passte. Ein Song, eine Art Meditation über Einsamkeit und Vereinzelung, wie man es aus dem Blues kennt. Mit der Verschiebung der Aufnahmen in den Juli hatten wir Glück im Unglück, weil wir uns in den drei Monaten noch intensiver vorbereiten konnten, es war für uns eine geschenkte Zeit. Wir konnten aber auch nicht ahnen, dass das fertige Album dann noch ein Jahr in der Schublade liegen würde. 

Dichotomie zwischen negativ und positiv

Songtitel wie „Ich gehe unter“, „Ein Monster am Morgen“, „Ich hasse es hier“ oder „Leicht lädiert“ wecken negative Assoziationen, während mit „Komm mit in meine freie Welt“, „Ich tauche auf“, „Hoffnung“ und „Liebe“ positive Verknüpfungen verbunden werden. Spiegeln diese Titel für Dich die Entwicklung oder den Zustand unserer Gesellschaft der Corona-Zeit wider? Siehst Du dieses Album überhaupt als ein Corona-Statement?

Das kann man so nicht behaupten, denn die Songs sind alle vor Corona zwischen 2018 und 2019 entstanden. Ich finde das aber sehr schön beobachtet, diese Dichotomie zwischen negativ und positiv. Die Songs erzählen Geschichten von Menschen, die an einem Kipppunkt ihrer Existenz stehen, oder die seelisch zerrissen oder die von einer Unrast getrieben sind. Insofern passt es auch, dass die Stücke untereinander fast im Widerspruch stehen. Wir haben sie Songs auch bewusst so platziert, weil uns die Dramaturgie des Albums sehr wichtig war. Hört man das Album durch, so hat man einen roten Faden und dann ergeben sich diese Auf und Abs. Das mit Corona konnten wir natürlich nicht wissen. Vielleicht war es eine Ahnung.

Hat das Album aber in so einer pandemischen Lage, auch aufgrund der Verschiebung, jetzt eine andere Bedeutung für euch?

Ich glaube schon, da würde ich Dir Recht geben, die Songs jetzt nach zwei Jahren Pandemie anders hört oder anders liest. Das ist natürlich das Grandiose an einer künstlerischen Äußerung, dass sie sich mit Zeit verändert. Wenn man an einer fast schon anachronistischen und langwierigem Format wie einem Album arbeitet, verändert sich durch diese Langsamkeit zwangsläufig die Bedeutung mit dem Fortschreiten der Zeit. Das macht so ein Album, oder auch eine Film oder einen Roman zu einem Reservoir an Stimmungen von allem, was in der Zwischenzeit passiert ist. Das finde ich enorm wichtig in unserer schnelllebigen Zeit. 

Tocotronic-Entscheidungen              

Musikalisch ist euch ein schöner Mix aus majestätischen, zarten, strahlenden und treibenden Indie-Rock-Pop-Songs gelungen. Wann fällt bei Tocotronic die Entscheidung, in welche Richtung sich ein neues Album entwickelt?     

Das ist eine gute Frage. Wir wussten, dass wir auf diesem Album ein paar Songs live aufnehmen und so extrem wie noch nie sein wollten. Wie haben zum ersten Mal seit 1995 wieder Songs live mit Gesang aufgenommen, nämlich „Nachtflug“, „Ich hasse es hier“ „Komm mit in meine freie Welt“ und „Leicht lädiert“. Nach ein paar Alben, an denen wir hauptsächlich im Studio gebastelt haben, wollten wir das wieder erreichen. Diese Art Wechselwirkung oder Widerstreit zwischen rohen Stücken und orchestrierte und arrangierte, interessiert uns als Band.      

Ich komme noch einmal auf Corona zu sprechen. Ihr habt euch als Tocotronic mit anderen Bands und Künstlern lobenswerterweise mit Social Media Posts an der Impfkampagne beteiligt. Nun hängt Deutschland trotz aller Bemühungen im europäischen Vergleich mit der Impfquote nach wie vor arg zurück. Wie frustrierend ist es für euch, diese Zahlen zu verfolgen, zumal die Kulturbranche zu den am schwersten betroffenen zählt?

Als wir die Impfkampagne mitunterstützt haben, war ich schon überrascht, wie viel Gegenwind man bekommt. Und zwar nicht von Trollen, sondern von langjährigen Fans. Ich konnte es ehrlich gesagt kaum glauben und andere Bandkollegen, die wesentlich vernetzter auf Social Media sind als ich, sprachen ebenfalls von Schockmomenten. Dieses Entsetzen ist einem unglaublichen Ärger gewichen, weil man denkt, man habe so viel getan, um andere vom Impfen zu überzeugen. Und wenn wieder, aus pandemischer Sicht richtige,  lockdownähnliche Zustände herrschen, ist die Musikbranche als Erstes betroffen und dabei wäre es vermeidbar gewesen.

Live-Auftritte unter Corona-Bedignungen

Ihr seid Anfang November als Headliner beim Rolling Stone Beach Festival aufgetreten, als die Inzidenz-Zahlen in Schleswig-Holstein bei 70 lagen. Wie empfandet ihr euer Konzert unter 3G-Regelung und vielen Menschen ohne Masken im Publikum?

Wir hatten im Sommer Konzerte unsrer Retrospektiv-Tour „The Hamburg Years“ unter Hygiene-Bestimmungen gegeben und Anfang September in Wels, in Österreich, auch ein ganz normales, wie früher, nur mit Tests. Da kam das Gefühl der „normalen“ Konzerte wieder zurück und insofern war es für uns keine Überraschung, dass das Rolling-Stone-Beach-Festival so stattgefunden hat. Es war natürlich ein tolles Konzert und super für uns, dort aufgetreten zu sein. Aber ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, weil man den Anblick eines vollen Konzert-Zeltes mit Menschen ohne Abstand voneinander lange nicht gewohnt war. 

Wie schwer ist, sich nach fast 30 Jahren als Tocotronic treu zu bleiben, aber mit jedem neuen Album auch neu zu erfinden – was euch, wie ich finde, sehr gut gelingt?

Es ist schwere Arbeit, würde ich sagen. Wir arbeiten sehr intensiv miteinander und es findet ein großer Austausch untereinander statt. Ich denke, es ist wichtig, dass wir noch in der Urbesetzung sind, plus eins mit Rick, der eine neue, ehe musikalische und amerikanische Perspektive einbringt. Wenn man immer in derselben Besetzung spielt, ergeben sich zwangsläufig diese Gespräche, die Zweifel, teilweise auch Konflikte, aber das ist gut, weil man sich dabei regelmäßig als Band hinterfragt.

„Nie wieder Krieg“ ist euer 13. Album und das fünfte (davon drei der letzten vier), das in einem Januar erscheint. Zufall, oder habt ihr euch irgendwann mal vorgenommen, die Veröffentlichungsjahre gleich mit Paukenschlägen zu beginnen?

Oh, das ist schön erkannt, aber es ist eher Zufall. Januar und Spätsommer sind gute Termine für Alben von Bands unserer Art. Die Veröffentlichungsflut ist da nicht zu groß und die Aufmerksamkeit etwas besser. Wir sind ja keine Megaseller wie Metallica und da ist so ein Slot für uns schon wichtig. Es ist ein bisschen Zufall und ein bisschen Planung. Ich habe oft das Gefühl, unsere Musik passt gut in diese Jahreszeit. Das Titelstück „Nie wieder Krieg“ habe ich mir immer als eine atmosphärische Beschreibung dieser Zeit zwischen den Jahren vorgestellt, wo manchmal so eine merkwürdig eingefrorene, etwas traurige Stimmung herrscht, man aber auch weiß, es gibt einen Neuanfang. Diese Stimmung herrscht bei diesem Album ganz stark vor und ich bin froh, dass es jetzt im Januar erscheint. 

Tocotronic als autonome Band

Wenn Du die Tocotronic-Karriere von den ersten Konzerten in der Roten Flora bis hin zu Festival-Auftritten wie dem Rolling Stone Weekender und Beach oder auch Rock am Ring, zwei Nr-1-Alben („Schall & Wahn“, 2010, „Die Unendlichkeit“ 2018) und sechs weitere Top-Ten-Platten Revue passieren lässt, wie fällt Dein Fazit aus?

(Lacht) Das müsste ich eigentlich eher Dich fragen. Für mich ist das schwierig, weil ich doch sehr in diese Geschichte verstrickt bin. Es würde mir sehr schwer fallen, ein Fazit zu ziehen. Ich bin aber sehr glücklich, weil wir als Band über den gesamten Zeitraum – von ein paar wenigen, normalen Ausnahmen abgesehen – total autonom waren. Wir konnten also immer machen, was wir wollten. Ich bin aber auch sehr glücklich, dass diese Autonomie nicht in so eine Hermetik mündete und wir uns in den letzten Jahren auch andere Leute in unsere Musik hineingelassen haben, siehe Soap&Skin oder auch unseren Arrangeur Friedrich Paravicini, dem wir frei Hand gelassen haben.

Wir haben uns, vielleicht angefangen mit dem symbolischen Stück „Ich öffne mich“ auf dem roten Album, Stück für Stück für andere Musikerinnen und Musiker geöffnet. Man muss so eine Panzerung, gerade in so einer autonomen Band, mal lösen und Einflüsse von außen zulassen. Da bin ich sehr froh darüber.       

Am 02.03. beginnt, in Marburg eure Tour. Was wünschen sich Tocotronic für die anstehenden Konzerte? Und was können die Fans von Tocotronic erwarten?

Hauptsächlich wünsche ich mir, dass die Konzerte unter für uns alle annehmbaren Bedingungen zu diesem Zeitpunkt stattfinden können und uns schöne und angenehme Abende gestatten. Und wenn sie dann stattfinden, dann gibt es Tocotronic-Konzerte, so wie wir diese Abende am liebsten gestalten. Rock’n’Roll-Konzerte ohne Schnickschnack.    

Vielen Dank für das Interview.

(Beitragsbild: Tocotronic von Gloria Endres de Oliveira)

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