Tocotronic live in der Hamburger Sporthalle – Konzertreview

Tocotronic live in der Hamburger Sporthalle – Konzertreview

Die Musik ist gut, aber die Location verfehlt

Text von Gérard Otremba, Bilder von Stefan Malzkorn

Mal wieder Tocotronic-Zeit. Bereits Ende April trat die Hamburger Kultband zur Vorstellung ihres neuen Albums im Mojo-Club auf, nun der Auftritt in der wesentlich größeren und leider auch tristeren Alsterdorfer Sporthalle. Der Charme dieses 70er-Jahre-Gebäudes tendiert gen Null und bei einem nicht ausverkauften Haus, wie beim Tocotronic-Konzert am 17.10.2015, erfasst eine Euphorie-Welle nur ganz selten den gesamten Raum.

Nachdem Tocotronic-Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow während des Songs „Du bist immer für mich da“ Rosen ins Publikum warf, beschäftigten sich junge Damen in der ersten Reihe fortan permanent mit der Herstellung von Selfies. Hauptsache ich, die Rose und im Hintergrund Dirk auf dem Foto. Spätestens hier ist der Diskurs-Rock wohl beendet und digital nicht besser, sondern in diesem Fall schlicht daneben, überflüssig und nervig.

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An der musikalischen Darbietung der Tocos ist wie immer nichts auszusetzen. Wie damals im Mojo-Club beginnen Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und Rick McPhail mit dem „Prolog“, von Dirk von Lowtzow eine Spur aggressiver gesungen. Die Setlist ändert sich in Nuancen. Vom aktuellen Album spielen Tocotronic wie im Frühjahr noch das dämonisch-basslastige „Ich öffne mich“, den grenzenlos-schönen Pop von „Die Erwachsenen“, diesmal mit einem gewissen New-Order-mit-Gitarren-Touch, den fabulösen Gitarren-Pop von „Rebel Boy“, den an die Ramones erinnernden Pop-Fun-Punk von „Zucker“ und das schwere und bedrohliche „Jungfernfahrt“. Schmerzlich vermisst werden zwar die im April gespielten, und im Tocotronic-Kanon des Autors ganz oben angesiedelten „Ich will für dich nüchtern bleiben“, „Mein Ruin“ und „Kapitulation“. Stattdessen gibt es „Aus meiner Festung“ und zum Abschluss das geniale „Drüben auf dem Hügel“, da kann man sich dann auch nicht beschweren. Der alte Klassiker „Samstag ist Selbstmord“ klingt dankenswerterweise nicht mehr so nerdig und selbstmitleidig wie vor 20 Jahren und „Du bist ganz schön bedient“ und „Aber hier leben, nein danke“ gehören definitiv zum Tocotronic-Konzert-Standardprogramm.

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Es ist die Krux mit der Setlist, denn nach zwei Dekaden vermisst wahrscheinlich jeder irgendeinen Lieblings-Tocotronic-Song, doch die Band präsentiert den Fans einen ausgewogenen Mix ihres Repertoires, es gibt „Digital ist besser“ und „Die Grenzen des guten Geschmacks 1“ zu hören und nach einer knappen Stunde biegen die Tocos mit dem Düster-Rock von „This Boy Is Tocotronic“ auf die Zielgerade, huldigen bei „Sag alles ab“ dem Speed-Rock und verfallen dem Rausch mit „Macht es nicht selbst“. Ebenfalls neu im Programm im Vergleich zum Mojo-Gig die erste Zugabe „Neues vom Trickser“, bevor die ewige Tocotronic-Hymne „Let There Be Rock“ die Stimmbänder strapaziert. Mit der gewaltigen Dekonstruktion von „Explosion“ endet der erste Zugabenblock und wer nach „Pure Vernunft darf niemals siegen“ vorzeitig die Halle verließ, wird sich ärgern, denn nach einigen Minuten Wartezeit betreten Tocotronic doch noch mal die Bühne und spielen für die Dagebliebenen und einige Rückkehrer noch das unvergessliche „Freiburg“, noch so ein Muss-Song für die Band. Jedenfalls in Hamburg. Musik also top wie immer, Punktabzüge in der B-Note für die Location-Wahl. Beim nächsten Mal vielleicht wieder zwei Konzerte in der Freiheit, statt eins in der Sporthalle.

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