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23. Mai 2026Zum 85. noch ein dickes Buch über Bob Dylan? Keine Sorge – mit seinem klugen Essay über ein Meilenstein-Jahr des Meisters macht es Thomas Waldherr dem Leser leicht.
von Werner Herpell
Stolze 85 wird der für viele Experten wichtigste Singer-Songwriter aller Zeiten in diesen Tagen. Zum halbrunden Geburtstag von Robert Allen Zimmerman alias Bob Dylan am 24. Mai 2026 dürfte es wieder viele Hymnen und Analysen von „Dylanologen“ geben, darunter vielleicht auch die eine oder andere irritierte Anmerkung dazu, warum der einstige Vorkämpfer der US-Bürgerrechtsbewegung ausgerechnet jetzt, in der wohl größten Krise der amerikanischen Demokratie seit ihrer Gründung vor 250 Jahren, trotz emsiger Tournee-Tätigkeit in politischen Fragen so zurückhaltend bleibt.
Ein Dylan-1981-Essay, kein dicker Wälzer
Auch zum (schon lange überholten) Protestsänger-Image des Literatur-Nobelpreisträgers aus Duluth/Minnesota äußert sich der Darmstädter Dylan-Experte Thomas Waldherr in seinem lesenswerten Büchlein „In The Summertime“ – allerdings in einem anderen Zusammenhang (dazu später mehr). „Bob Dylan 1981: Umbrüche, Ausflüge und Anfänge“ lautet der Untertitel des in einem kleinen Verlag erschienenen 110-Seiten-Werks, mit dem Zusatz „Ein politisch-popkulturelles Essay“. Ein kurzer, prägnanter Sachtext also, ein mit leichter Hand geschriebenes Denkstück, kein dicker Wälzer – denn Waldherr weiß nur zu gut, dass alle großen Dylan-Biographien längst veröffentlicht und die Hauptthemen dieses monumentalen Oeuvres ausgeleuchtet worden sind.
Er wendet sich daher lieber einem spannenden Nebenaspekt zu. Der Ausgangspunkt des Buches liegt, wie angedeutet, 45 Jahre zurück. Es geht Waldherr um das Jahr, „in dem ich mein erstes Bob-Dylan-Konzert erleben durfte. Am 18. Juli 1981 im Mannheimer Eisstadion.“ Der Musikjournalist des Jahrgangs 1963 verbindet fortan „autobiographische Notizen meiner Frühzeit als Dylan-Fan mit dem Zeithintergrund dieser welthistorischen Wendezeit (ja, das war sie tatsächlich), mit einer Einschätzung Dylans künstlerischer Situation in diesen Jahren und mit einer kleinen Geschichte von Dylans Deutschland-Tour 1981“. Diesem selbstgesetzten Anspruch wird der Autor in seinem kompakten Essay vollumfänglich gerecht.
Raus aus der „evangelikalen Falle“
So arbeitet Waldherr heraus, wie wichtig das Jahr 1981 für die künstlerische Neuorientierung Dylans während und nach seiner berühmt-berüchtigten christlich-fundamentalistischen Phase mit den in jeder Hinsicht (auch textlich) umstrittenen Alben „Slow Train Coming“, „Saved“ und „Shot Of Love“ war. Zwar gab es in den 80ern weitere Krisenzeiten Dylans mit schwachen Platten (beschönigt wird da nichts), aber das große kreative Comeback der vergangenen 30 Karrierejahre mit Höhepunkten wie „Time Out Of Mind“ von 1997, „Modern Times“ von 2006, „Tempest“ von 2012 und „Rough And Rowdy Ways“ von 2020 ist ohne den Wendepunkt 1981 kaum denkbar.
Denn wie so oft konnte His Bobness nach längerer Suche schließlich (in diesem Falle: zum Glück!) eine entscheidende neue Richtung einschlagen – also weg von der Engstirnigkeit einer religiös-politischen Bewegung, des evangelikal-nationalistischen Christentums, das inzwischen mit Donald Trump zusammen die USA in eine bösartige geistige Geiselhaft gezwungen zu haben scheint. Waldherr macht deutlich, dass Dylan wie so viele zunächst dem damaligen rechtspopulistischen, neoliberalen US-Präsidenten Ronald Reagan (1980 klar und deutlich gewählt) und seinen kirchlichen Unterstützern auf den Leim ging, „eine Zeit lang unter unheilvollen Einfluss geriet und plötzlich reaktionären Unsinn predigte und sich dennoch langsam wieder befreite“.
Dylans Verdienste um den Gospel für die Americana
1981 habe Dylan auf dem immerhin halbwegs gelungenen „Shot Of Love“ und in seinen Konzerten „sowohl Christliches als auch Weltliches“ gespielt, aber nicht mehr „höchst Zweifelhaftes“ gepredigt wie noch 1979/80, betont der Autor. „Es geht darum, seine Brüche und Widersprüche zu benennen, denn sie sind das Kontinuum seines künstlerischen Schaffens. Und zwar ausgehend von seiner ewigen Sinnsuche.“ Das Happy-End zeichnete sich zu Beginn des Jahrzehnts schon ab: „Doch Dylan wäre nicht Dylan und heute wohl ein zweifelhafter Sakro-Pop-Held in der evangelikalen Szene, wenn ihm dann nicht doch irgendwann das ganze Gedanken- und Organisationsgebäude der Evangelikalen zu einengend geworden wäre.“
Waldherr bricht in seinem Essay zugleich eine Lanze für Dylans Verdienste um die schwarze Musik für den heutigen Americana-Begriff, etwa durch die frühzeitige Unterstützung von Soul- und Spiritual-Sängerinnen. „Man muss sich zurecht über Dylans kurzzeitig evangelikales Weltbild mokieren, aber die Bedeutung des Gospels für den Rock’n’Roll und für die weitere Entwicklung der amerikanischen Populärmusik hat er wie kaum ein anderer Rockmusiker verstanden und propagiert.“
Bob Dylan live war „souverän und kraftvoll“
Intensiv setzt sich Thomas Waldherr mit den teilweise an ungewöhnlichen Orten veranstalteten Dylan-Gigs „in the summertime“ von 1981 (Bad Segeberg, Loreley, Mannheim, München) auseinander, inklusive Setlists, Zeitzeugen-Berichten, Presse-Echo und hübschen kleinen Schmonzetten am Rande. Dabei macht er deutlich, dass diese Konzerte bereits wieder „weitaus besser als ihr Ruf“ waren (vor allem besser als ihre überwiegend katastrophal klischeehafte Behandlung in den westdeutschen Medien): „Dylan war souverän und kraftvoll.“
Zurück zum Protestsänger-Image, das ja bis heute fortwirkt in der (für mich allerdings nicht ganz unverständlichen) Forderung, Dylan müsse doch nun endlich wie der tapfere Bruce Springsteen gegen Trump und seine MAGA-Faschistenbande Tacheles reden. „Dass Dylan nie ein politischer Aktivist war – im Gegensatz zu Joan Baez – sondern immer auf seine künstlerische Autonomie pochte, wird hier glatt übersehen. (…) Weil Dylan nicht eigenhändig den Soundtrack zur damaligen Friedensbewegung lieferte, wird er hier mal wieder abgeschrieben“, kontert Waldherr die schon vor 45 Jahren geäußerte Kritik am politisch enthaltsamen Songdichter von „Blowin‘ In The Wind“, „Chimes Of Freedom“ (derzeit wieder der bedeutungsstarke Closer aller Springsteen-Tourneeauftritte) oder „Hurricane“.
Thomas Waldherr: Dylan ist „ein Universalgenie“
Letztlich verorte sich der große Folk- und Blues-Innovator heutzutage aber selbstverständlich „klar im Anti-MAGA-Lager“, meint Waldherr. „Dylan engagiert sich zwar auch weiterhin nicht politisch, singt aber in seinen Konzerten ‚Masters Of War‘ und ‚All Along The Watchtower‘ und tritt 2024 und 2025 beim Farm-Aid-Konzert seiner offen linksliberalen Freunde John Mellencamp, Neil Young und Willie Nelson auf.“ Ende gut, alles gut? Für Thomas Waldherr keine Frage: „Bob Dylan ist, bleibt und wird es immer sein: ein Künstler im Range eines Shakespeare, Goethe oder Picasso, ein Universalgenie. Und für mich schlicht mein Lieblingsmusiker.“
Thomas Waldherr: „In The Summertime – Bob Dylan 1981: Umbrüche, Ausflüge und Anfänge. Ein politisch-popkulturelles Essay“, Truth & Lies Press, 978-3-565-36665-1, 110 Seiten. (Beitragsbild: Thomas Waldherr, Pressefoto)





