The Notwist live in Hamburg 2025

The Notwist live Hamburg 2025 Knust Niko Schmuck Sounds & Books

Zurück in die Garage: The Notwist Pocketband zerlegt das Knust

Text und Fotos von Niko Schmuck

Einen viel krasseren Kontrast hätte man sich im Vergleich zu ihrem letzten Besuch in Hamburg nicht vorstellen können. Vor ziemlich genau einem Jahr fanden sich The Notwist in der ausverkauften Elbphilharmonie im Rahmen der Vorstellung ihres 2023 erschienen Albums „Vertigo Days“ ein. Damals wurden dann selbstverständlich auch einige ältere, allerdings eher ruhigere Songs, insbesondere vom Album „Neon Golden“ (2002) gespielt. Ausverkauft und damit rappelvoll war am 08.11.2025 das Knust auf St. Pauli auch, aber diesmal gabs in kleiner Besetzung dafür umso ordentlicher Krach auf die Ohren.

The Notwist und der Hardcore-Underground

Als 3,5 Mann „Pocketband“ spielten rund um die legendären Acher-Brüder noch Andi Haberl (Schlagzeug) und der auch seit 2014 mit The Notwist verbundene Christoph „Cico“ Beck gelegentlich an den Keys/Gitarre. Diese reduzierte Formation der Band hatte sich letztes Jahr zum Fundraising für das „Alien Disko“-Festival zusammengefunden und löste im Münchner Raum eine dermaßen starke Nachfrage aus, dass sich The Notwist entschied, eine Mini-Tour (mit jeweils zwei Auftritten in Köln, Hamburg und Berlin) anzutreten. Die Schwerpunkte für die Pocketband liegen dabei im Konzept der Reduktion, die Wiederentdeckung der Härte des Hardcore-Untergrounds der frühen 90er-Jahre und die exklusive Atmosphäre in kleineren Clubs aufzutreten.

Zunächst aber von vorne: die Support Band Sinem heizte mit ihrem energiegeladenen Mix aus Turkish Post-Punk und New Wave ein. Die Gruppe um Sängerin Sinem Arslan Ströbel, Martin Tagar (Gitarre) und Tom Wu (Schlagzeug/Loops) besteht noch nicht allzu lange, ihr Debütalbum „Köşk“ hat aber viel Aufmerksamkeit erregt und die Band auch bereits zum diesjährigen Reeperbahnfestival eingeladen.

Neil Young meets Slayer

Kurz nach 21 Uhr betrat dann The Notwist die Bühne und legte ohne große Umschweife los. Von Synthesizer-Teppichen und komplexen Arrangements keine Spur – stattdessen dominierte der direkte, drückende Lärm von Bass, Schlagzeug und Markus Achers markantem, fast gleichgültigem Gesang. Der Opener „Is It Fear?“ (vom 90er-Debüt) schlug ein wie ein Blitz. Der Sound im Knust war bewusst rau und brutal, die Gitarrenwände schroff, die Beats präzise, aber ungeschliffen. Titel wie „Bored“ und „Winter“ ließen keinen Zweifel an den frühen Einflüssen aus Grunge und US-Hardcore. Das Publikum, das sich dicht an dicht drängte, feierte die selten gespielten Tracks begeistert ab. Es war ein Konzert, das sich an die langjährigen Fans richtete, die die Band noch in ihrer „Neil Young meets Slayer“-Phase erlebt oder diese nur aus Erzählungen kannten. Die Kommunikation war minimal – die Musik sprach für sich.

Ein Wiedersehen mit The Notwist 2026

Die erste Zugabe mit „One With The Freaks“ (vom 1997er „12“) und „X-Ray“ war der erste Ausflug in die melodischere, bekanntere Indie-Ära. Hier spürte man die gesamte Bandgeschichte in einem einzigen Song, als das Knust lautstark mitsang. Die finale zweite Zugabe mit „My Faults“ und dem namengebenden „12“ (von „12“) war der Höhepunkt. Es war, als würde die Band dem Publikum einen kurzen Blick auf ihr späteres Ich gewähren, bevor sie sich wieder in den Lärm zurückzog.

Wenn auch mit knapp 70 Minuten ein etwas zu kurzer, aber durchweg genialer, energetischer Abend, der vielen neuen wie alten Fans noch lange in den Ohren nachhallen wird. Die Vorfreude aufs Frühjahr das Weilheimer Kolletiv mit einer neuen Platte auf Tour zu sehen ist damit weiter gestiegen und ein Wiedersehen am 26. April 2026 (Große Freiheit 36) bereits für viele im Terminkalender markiert.

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