Das Bandprojekt The Magic Lantern macht seinem Namen alle Ehre – es wirkt magisch mit einem Mix aus Pianopop, Indie-Folk und Jazz. Ein Überraschungsalbum für die Jahresbestenlisten.
von Werner Herpell
Sie sind (so geht bekanntlich die beliebte Phrase) das Salz in der Suppe eines Musikjournalisten: Jene Alben, die man mangels offizieller PR vor dem ersten Hören nullkommanull auf dem Zettel hatte, die einen völlig überraschend umhauen, die alle Jahresbestenlisten mit den üblichen Verdächtigen über den Haufen werfen. Der Schreiber dieser Review wird dort also Ende 2024 neben (oder vor) zweifellos tollen Alben arrivierter Künstler wie The Smile, Nada Surf oder Elbow auch „To Everything A Season“ von The Magic Lantern platzieren.
Ein Indie-Pianopop-Folkjazz-Kleinod
Denn nicht weniger verdient dieses wundervolle Indie-Pianopop-Folkjazz-Kleinod, das der britisch-australische Singer-Songwriter Jamie Doe jetzt de facto im Eigenvertrieb vorlegt – passenderweise im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, die Blätter fallen und die allgemeine Stimmung Richtung Schwermut driftet. Unter dem Moniker The Magic Lantern werkelt der bescheidene, freundliche Musiker seit Jahren überwiegend in London an introvertierten, hochmelodischen Liedern, die den Vergleich mit ähnlich gelagerten Alias-Projekten wie Conor O’Briens Villagers, Sam Beams Iron & Wine oder der zuletzt ebenfalls aus dem Nichts aufgetauchten Emily Scott aka Chysanths nicht scheuen müssen.
Es ist also der hauchfeine, zart schimmernde Spitzen-Stoff, an dem Doe nach „To The Islands“ (2018) und „A Reckoning Bell“ (2021) zum dritten Mal auf Albumlänge webt. Mit einigen wenigen hervorragenden Musikern an der Seite – Piano, Bass, Schlagzeug, drei Bläser, mehr braucht es nicht für diese moderne Kammermusik – spielte der Sänger Anfang August 2023 in den französischen La Buissonne Studios zehn Stücke ein, die einerseits mit ihrer jazzigen Raffinesse und kompositorischen Klasse (Anspieltipps: der Opener „Trembling“, das frei schwebende „Data Points“, das fast schon fröhliche „Home“) beeindrucken, andererseits mit ihrer jederzeit spürbaren Melancholie regelrecht verzaubern („Two In One“, „Loops“, „Sweetheart“, „Joy Is A Choice“).
The Magic Lantern zwischen Freude und Trauer
In Does Texten werden freilich auch elementare Themen behandelt, die einen stilsicheren musikalischen Spagat zwischen befreiender Euphorie und tiefer Traurigkeit erfordern. „Dieses Album wurde geschrieben in den Monaten nach der Geburt meiner Tochter und dem Tod meines Vaters sechs Wochen später. Bei ihrer kurzen Begegnung in einem Pflegeheim für Demenzkranke berührten sich die beiden Enden des Lebenskreises (…)“, schreibt der Songwriter auf seiner Bandcamp-Seite, wo „To Everything A Season“ neben früheren Alben und Singles erhältlich ist. „Ich sah mich selbst in meinem Vater und meine Tochter in mir, und ich spürte Freude und Trauer in sich überlagernden Wellen (…). Diese Lieder sind mein Versuch, dieser unglaublichen Zeit einen Sinn zu geben.“
Wer nun befürchtet, dass diese Platte den Hörer dann doch arg runterzieht oder gar kalt lässt – es wird nicht passieren. Die Arrangements sind zu keiner Sekunde kitschnah oder überladen, sondern wie durch ein Wunder federleicht und „uplifting“; Jamie Does helle, variable Stimme trägt perfekt durch die fabelhafte Studioproduktion von Bassist Fred Thomas. „Es gibt Momente im Leben, auf die wir uns nicht vorbereiten können“, sagt der Musiker über die Vorgeschichte seines dritten Albums. Ja, und es gibt Platten, auf die man sich nicht vorbereiten kann, weil sie plötzlich ganz unverhofft da sind und die eigene Welt ein bisschen schöner machen. „To Everything A Season“ von The Magic Lantern ist so eine Platte.
Das Album „To Everything A Season“ von The Magic Lantern erscheint am 11.10.2024, es ist über die Website des Künstlers und bei Bandcamp erhältlich. (Beitragsbild von Dave Hamblett)
