
Would: The Waiting – Song des Tages
16. September 2025
To Athena live in Hamburg 2025
16. September 2025An einem verregneten Sonntagnachmittag funktioniert das neue Album von The Divine Comedy bestimmt auch. Aber diese tollen Songs passen zu jeder Tages- und Jahreszeit.
von Werner Herpell
„The Return of große Popkunst!“, so betitelt die Labelkette PIAS in hübschem Denglisch ihre Infos zum neuen Album von The Divine Comedy. Und obwohl wir hier normalerweise nicht mit der PR-Tür ins Haus fallen, muss es diesmal sein – weil das einfach stimmt: Neil Hannon und seinem britischen Sophisticated-Pop-Kollektiv ist mit „Rainy Sunday Afternoon“ nicht nur tatsächlich ein großes Album geglückt, sondern auch ein Kreativ-Comeback wie aus dem Bilderbuch, ein beeindruckender „return to form“. Seit „Absent Friends“ (und das ist schon gut 20 Jahre her) klang seine Musik nicht so erhaben und eingängig zugleich, so formvollendet stilvoll wie in den elf neuen Liedern, die zwischen Barock-, Lounge- und French-Pop, zwischen Burt Bacharach, Lee Hazlewood, Randy Newman, Paul McCartney und Ray Davies pendeln.
Zwei Hammer-Songs gleich zum Start
Zwei Hammer-Tracks hat der gebürtige Nordire Hannon (54) gleich an den Anfang dieser wunderbaren Platte gesetzt, beide wurden von „Sounds & Books“ zum „Song des Tages“ gekürt: „Achilles“ (für meinen Kollegen Gérard Otremba „eine hochmelodiöse, mitunter dramatische und würdevolle erste Single“) und „The Last Time I Saw The Old Man“ („dieses bittersüße, ergreifende und erhabene Crooner-Stück, in dem Neil Hannon über das Leben seines Vaters mit Alzheimer räsoniert“).
Frontloader-Alben – also solche, die ihre stärksten Stücke am Anfang platzieren und dann bald ihr Pulver verschossen haben – machen es sich nach so einem Super-Start gemütlich. Nicht jedoch „Rainy Sunday Afternoon“, das noch etliche weitere Asse im Ärmel hat: die besinnliche, von lieblichem Chorgesang geprägte Gitarrenballade „The Man Who Turned Into A Chair“; das Pianopop-Drama „I Want You“; das prächtige sixtiespoppige Titelstück, nicht nur vom Titel her eine famose Kinks-Hommage. Und damit ist die Platte erst zur Hälfte vorbei.
Vorsicht: Der Closer kann zu Tränen rühren
„All The Pretty Lights“ klingt federleicht nach einem vergnügten Strandspaziergang an der windigen englischen Küste, „Down The Rabbit Hole“ fügt dem Divine-Comedy-Sound ein paar rauere Gitarren (und wieder herrliches Kinks-Feeling) hinzu. Der Bossa-Nova-Schleicher „Mar-A-Lago By The Sea“ nimmt Donald Trumps dekadentes Golfer- und Bonzen-Paradies aufs Korn, ohne den White-House-Widerling explizit zu nennen.
Mit dem Songtitel „The Heart Is A Lonely Hunter“ bedient sich Hannon für ein weiteres Song-Melodram bei einem Carson-McCullers-Roman. Das zweieinhalbminütige Klavier-Instrumental „Can’t Let Go“ ist das stillste Stück dieses insgesamt so opulenten Albums. Und dann kommt „Invisible Thread“, der Closer, zu dem man sich unbedingt das Video ansehen sollte (Spoiler: Väter, deren geliebte Kinder des Haus verlassen, müssen hier ganz stark sein und/oder Taschentücher bereithalten). Einfach wunderschön.
The Divine Comedy: Orch-Pop auf Rezept
Das 13. Album von The Divine Comedy wurde in den legendären Abbey Road Studios aufgenommen und von Neil Hannon geschrieben, arrangiert und produziert. Für den Singer-Songwriter aus Derry/Londonderry in Nordirland waren die Sessions ein Stück weit heilsam: „Wie jeder Mensch habe ich auch eine dunklere, melancholischere Seite“ sagt Hannon. „Und aus dem einen oder anderen Grund ist diese in letzter Zeit besonders deutlich zum Vorschein gekommen. Ich musste dieses Album als Ventil für diese Gefühle nutzen. Jeder sollte ab und zu mal ein orchestrales Popalbum aufnehmen dürfen, es sollte vom NHS (dem britischen Gesundheitsdienst National Health Service) bezahlt werden.“ Guter Tipp.
Die meisten Hörer von „Rainy Sunday Afternoon“ dürften die positive Wirkung dieser fabelhaften Platte schnell spüren. Erst recht, wenn sie The Divine Comedy im kommenden März live erleben können: am 15.03.2026 in Köln (Stadthalle), am 18.03.2025 in Hamburg (Fabrik) und am 23.03.2026 in Berlin (Huxleys Neue Welt).
Das Album „Rainy Sunday Afternoon“ von The Divine Comedy erscheint am 19.09.2025 bei Divine Comedy Records/PIAS. (Beitragsbild-Credit: Westernberg)





