The Chicks: Gaslighter – Albumreview

The Chicks: Gaslighter – Albumreview

Vierzehn Jahre nach dem letzten Dixie-Chicks-Album reüssiert das Frauen-Trio mit „Gaslighter“ als The Chicks

Vive Le Rock, das britische Rock’n’Roll-Magazin mit den Schwerpunkten Punk- wie Straßenrock, wies in einer ihrer letzten Ausgaben darauf hin, dass genereller Dünkel gegenüber Country-Music und seinem vorherrschenden Weltbild aus Punksicht nicht nur anmaßend, sondern schlicht falsch ist. Wie man es sich nicht nur mit großen Teilen seiner Fanbase verkackt sondern vor allem ganz konkret mit der eigenen Regierung (wenn das mal nicht Punk ist, was dann?) – das machte Anfang der 00er Jahre das Country-Bluegrass-Pop-Trio Dixie Chicks vor. Massiver Ärger wegen Äußerungen über George W. Bush, Morddrohungen sowie vom Bulldozer geplättete CDs stoppten das Trio nicht vor weiteren, bei Konservativen ziemlich unbeliebten Stellungnahmen z.B. zu den Themen Homosexualität oder Wahlregistrierungen.

Aus den Dixie Chicks werden The Chicks

The Chicks Gaslighter Cover Columbia Records

Und heute, 14 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Taking The Long Way“ sowie 30 Jahre nach ihrem Debüt (das als puristisches Bluegrass-Quartett aufgenommen wurde, inklusive Jodeln oder traditionellem Cowgirl-Outfit und gegenwärtig, ebenso wie die Nachfolger von 1992 und 1993, von allen Streamingdiensten entfernt ist)? Setzt das Trio nochmal einen drauf, indem es sich ihres halben Bandnamens entledigt. „Dixie“ als Synonym für die Südstaaten, in denen Sklaverei und Segregation herrschte und auf die immer noch mit ambivalentem bis faschistischem Stolz geblickt wird, hat sich allerspätestens mit der „Black Lives Matter“-Bewegung erledigt. Auch für die Texanerinnen Natalie Maines sowie den Schwestern Emily Strayer und Martie Maguire.

„March March“, einer der vorab veröffentlichten Songs des nun erscheinenden Albums, greift diese sowie andere Protestbewegungen auf, vereinigt Klimademonstrationen mit LGBTQIA+, Suffragetten mit Friedensbewegung. Am Ende werden immer schneller immer mehr Namen gezeigt – Namen von schwarzen Menschen, die der Polizeigewalt zum Opfer fielen, beginnend mit George Floyd. Musikalisch untermalt wird dieser extrem rhythmische Song mit dem bluegrassigsten Part der Platte – Banjo und Fiddle tänzeln umeinander und machen Lust auf mehr davon. Live vielleicht mal.

Eine besondere Countryband

Die Chicks begreifen sich inzwischen als moderne Popband. Natalie Maines ärgert sich in der Music Week darüber, dass die Chicks immer noch als Countryformation wahrgenommen werden („We could make a hip-hop record and it’d still be ‘country’!“) – aber sie waren eben auch immer eine besondere Countryband mit einer einzigartigen Entwicklung. Gut sind sie ebenso im gefälligeren Pop, der ihre immer noch riesige Anhängerschaft mit Sozialbewusstsein füttert und massentauglich und damit ansteckend Feminismus zelebriert – durchaus inspirierend für jüngere Popacts wie z.B. Taylor Swift.

The Chicks mit Brill-Building-Touch

Umgekehrt hat diese wohl die Chicks musikalisch inspiriert – ihr Produzent Jack Antonoff  legte kräftig Hand an „Gaslighter“ und arbeitete darüber hinaus bereits mit Sia, St. Vincent, Lorde oder Lana Del Rey. Der Opener wie Titelsong verarbeitet als eines von mehreren Stücken die zurückliegende Scheidung von Natalie Maines – kann als Beschreibung von toxischer Männlichkeit jedoch durchaus auch als Allegorie auf Donald Trump durchgehen. Songs wie „For Her“ oder „My Best Friend’s Wedding“ weisen darüber hinaus einen starken Brill-Building-Touch auf und hätten ähnlich in den Siebzigern von Songwriterinnen wie Carole King oder Carly Simon veröffentlicht werden können, veredelt zum Teil mit einer countryesken Mehrstimmigkeit, wie man sie von z.B. Parton/Ronstadt/Harris kennen mag.

Ein Pop-Album für Countryfans

„Gaslighter“ ist ein Pop-Album für Countryfans sowie Freunde des Singer/Songwriterrocks. Eine zeitgemäße Version aussagekräftiger wie reflektierter Unterhaltungsmusik und damit meilenweit von einer sterilen Hintergrundbeschallung, die manch einer unter Popmusik verstehen mag, entfernt. Mit dem Titelsong und „March March“ als Ausreißer in innovativere Gefilde. Vor allem letzterer hat dabei das Zeug zum Song wie Video des Jahres, zusammen mit Jorja Smiths Version von „Rose Rouge“. Well done, Chicks.

„Gaslighter“ von The Chicks erscheint am 17.07.2020 bei Columbia Records / Sony Music. (Beitragsfoto von Philippa Price)

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The Chicks - March March

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