
The Milk Carton Kids: Lost Cause Lover Fool
21. April 2026
Beck: Ride Lonesome – Song des Tages
22. April 2026Das wird ein tolles Jahr für Fans von schottischem Indiepop. The Bluebells machen den Anfang und begeistern mit einem herausragenden Album.
von Werner Herpell
Die Schotten lieben ihre Bluebells. Also diese oft in den Highlands angesiedelten „Atlantischen Hasenglöckchen“ (so die deutsche Bezeichnung der dunkelblau-violetten Pflanze), aber auch die seit über 40 Jahren immer mal wieder florierende Glasgower Band The Bluebells. Jetzt ist es zum Glück erneut soweit: Die Gründer (Robert Hodgens aka „Bobby Bluebell“ sowie die McCluskey-Brüder David und Ken) haben sich mit drei weiteren Musikern (Campbell Owens, Douglas MacIntyre, Mick Slaven) für eine Platte zusammengetan, deren Melodien genauso bunt und üppig bezaubern wie die im April/Mai blühenden, stark duftenden Blümchen unter den Hochland-Bäumen. Ja, „This Is … The Bluebells“, der Titel dieses essenziellen Albums übertreibt nicht.
Prächtigster Gitarrenpop made in Scotland
Da klingeln und singen, jingeln und jangeln die Gitarren schon im Opener „Sing Like Little Birds Sing“, als wären The Byrds (ob der Songname ein Zufall ist?) unter der berühmten blau-weißen Andreaskreuz-Flagge wieder auferstanden. Ein Lied, das den Frühling nicht nur ruft, sondern herbeibrüllt. „What I See Up On The Roof“ macht da direkt weiter – auch hier wird klar, warum der beste, schönste, sonnigste Gitarrenpop Großbritanniens für viele Musikkritiker und Fans ausgerechnet aus dem oft besonders regnerischen hohen Norden der Insel kommt. Man denke nur an Aztec Camera, The Proclaimers, Orange Juice, Del Amitri, Trashcan Sinatras, Teenage Fanclub – sechs andere herausragende schottische Bands, mit denen The Bluebells viel gemeinsam haben.
Nach den beiden fröhlichen, optimistischen Liedern zum Auftakt zeigen sich Hodgens & Co. von einer ungewohnteren Seite: „No Pasaran!“ bleibt musikalisch zwar im Uptempo-Gitarrenpop-Modus, transportiert aber einen pointiert politischen Text – eine volle Breitseite gegen Trump und seine rechtsextreme MAGA-Bewegung: „“Donald blasts his infernal trumpet/To the right it gives strength and comfort/A dark clarion call/Disaffected charmers, racists and re-armers/Self-righteous having a ball.“ Im Refrain bedienen sich The Bluebells eines spanischen antifaschistischen Schlachtrufs: „No Pasaran, Our time will come, No Pasaran/No Pasaran, Our time will come, No Pasaran.“ Auch Schotten können Protestsongs. Super!
Mit randvollem Tank und Kreativ-Vollgas
Es wird nicht schwächer oder ambitionsloser danach in den 13 (!) noch folgenden Tracks. Was sich schon auf dem 2023er Comeback-Album „In The 21st Century“ der Bluebells andeutete, dass diese Band nämlich mit randvollem Tank und viel Spaß an der kreativen Vollgas-Fahrt aus ihrer jahrzehntelangen Schweigephase zurückgekehrt ist, es bestätigt sich auf „This Is…“ sensationell. Eine Band, die ihren ersten Hit „Young At Heart“ 1983 feierte und danach zur innig geliebten Glasgow-Pop-Ikone im On/Off-Modus wurde, scheint aus einem Jungbrunnen herausgeklettert zu sein. Das neue Album enthält dabei erstmals „Songs, die von allen sechs Mitgliedern der aktuellen Bluebells-Besetzung gemeinsam geschrieben wurden“, wie das zu Recht stolze Label Last Night From Glasgow (LNFG) schreibt. Was dem Abwechslungsreichtum definitiv zugute kommt (mit „Dream On“ ist sogar eine Art Reggae zu hören).
„Die Band hatte sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer eingespielten Einheit entwickelt, mit herausragenden Auftritten im Barrowland Ballroom in Glasgow beim Celtic Connections 2025 und beim Glastonbury Festival 2025“, so die Album-Info. Von der Band selbst heißt es: „Wir waren überzeugt, dass wir mit dem richtigen Studio und Produzenten unseren authentischen Live-Sound einfangen könnten.“ Am Ende brachte LNFG-Boss Ian Smith die Bluebells mit Top-Producer Stuart MacLeod in den Beetroot Studios Airdrie zusammen. Und alles passte perfekt, vom schon erwähnten Janglepop-Opener bis zur berührenden Ballade „One More Day“ am Schluss.
Nach The Bluebells noch mehr Schönes aus Schottland
Wer nach dieser fantastischen, gerade mal vierten offiziellen Studioplatte von The Bluebells nach mehr tollem schottischen Indie lechzt – ja, da kommt dieses Jahr noch so einiges. Neue Alben von Wojtek The Bear (VÖ 22.05.2026), Mull Historical Society (29.05.2026) und Trashcan Sinatras (31.07.2026) sind mit Termin angekündigt (und bereits vorbestellbar), auch The Bathers und Blue Rose Code haben Veröffentlichungen für die nächsten Monate eingeplant. Long live Scottish Pop!
Das Album „This Is … The Bluebells“ von The Bluebells erscheint am 24.04.2026 bei Last Night From Glasgow. (Beitragsbild von Sobhan Sheikh)





