
Kenny Little von Hollow Horse im Interview
24. Juli 2025
Night Moves: Double Life
24. Juli 2025Mit Pearly Everlasting erfindet die kanadische Autorin Tammy Armstrong eine junge Protagonistin, die die Herzen der Leser im Sturm erobert
von Gérard Otremba
Ein Bär auf dem Cover eines Buches aus dem Diogenes-Verlag. Geradezu Zwangsläufig erinnert man sich an die Romane „Lasst die Bären los!“, „Eine Mittelgewichts-Ehe“ sowie „Das Hotel New Hampshire“ von John Irving, die ebenfalls mit Bären-Motiven auf der Umschlagseite versehen worden sind. Dem Humor Irvings folgt Tammy Armstrong nicht unbedingt, vielmehr evoziert die kanadische Schriftstellerin beim Lesen von „Pearly Everlasting“ die raue Welt in Irvings „Letzte Nacht in Twisted River“. Aber der Bär auf dem Cover macht natürlich Sinn, schließlich obliegt einem echten Bär eine wichtige Rolle in diesem so wild wie herzlich anmutenden Roman.
In den Wäldern Kanadas
Tammy Armstrong beginnt die Geschichte im Jahr 1918. Die nach einer Blume benannte Ich-Erzählerin Pearly Everlasting erinnert sich an ihr damaliges erstes Lebensjahr. Oder vielmehr an mögliche äußere Einflüsse, die sie „geformt“ haben. Eines davon: Ihr „Bruder“ Bruno, ein Bär, ähnlich wie sie just erst geboren. Gefunden hat das verlassene und winzige Bärenjunge Pearlys Vater Edon, Koch eines Holzfäller-Camps in den kanadischen Wäldern. Pearly und Bruno wachsen als „Zwillinge“ auf, ohne dass Tammy Armstrong versucht, den Bär zu vermenschlichen. Zur Familie gehören noch Pearlys als Heilerin fungierende Mutter Eula sowie die etwas ältere Schwester Ivy. Im Jahr 1934 wird der nicht sonderlich beliebte Camp-Leiter Heeley O.Swicker tot aufgefunden und der für einen Braunbären doch recht klein geratene Bruno wird von Swickers Neffen nicht nur als Verursacher beschuldigt, sondern direkt mal entführt und verhökert.
Tammy Armstrong und die Mythen
Für Pearly bricht erneut eine Welt zusammen, verlor sie kurz zuvor doch Mutter und Schwester, die an einer grassierenden Krankheit starben. Mutig und heldenhaft macht sich Pearly auf die Suche nach ihrem geliebten Bärenbruder und erlebt auf ihrem gefährlichen Weg zahlreiche, teils lebensbedrohliche Abenteuer. Die kanadische Lyrikerin und Autorin Tammy Armstrong taucht tief hinab in ein von Mythen durchzogenes, harsches, aber auch mit liebenswerten Personen ausgestattetes Universum. Die 1974 geborene Schriftstellerin erzählt die Story in einer eindrücklichen, visuell imponierenden Sprache und stellt häufig die Natur der Zivilisation entgegen. In Camp sind es einige wenige, allerdings machtausübende Männer, die Zwietracht sähen und mit der Natur Schindluder treiben.
Freunde und Feinde
In der kleinen Stadt Bracken, wo Pearly nach ihrer heftigen Bruno-Suche durch die Wildnis strandet, sind es vordergründig Mitglieder einer mächtigen Familie, die unserer Protagonistin durch Verleumdungen, Verrat, Falschaussagen und körperlicher Gewalt Schaden zufügen. Pearly muss teilweise durch die ganz harte Schule des Lebens, findet jedoch auch Freunde, die ihr beistehen und einen ganz besonderen, der sich vom Camp aus auf die Suche nach ihr macht. Tammy Armstrong hat einen faszinierenden, bilderreichen, die guten und bösen Seiten des Menschen auslotenden Roman geschrieben. Ein Abenteuer- und Coming-of-Age-Roman der besonderen Art mit einer jungen Heldin, die alles mitbringt, um die Herzen der Leser im Sturm zu erobern.
Tammy Armstrong: „Pearly Everlasting“, Diogenes, übersetzt von Peter Torberg, Hardcover, 368 Seiten, 25 Euro, 978-3-257-07339-3 (Beitragsbild von Adam Bissonnette)





