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13. Februar 2026Stefan Hentz legt mit „Miles Davis – Sound eines Lebens“ eine ebenso kenntnisreiche wie leidenschaftliche Studie vor. Sein Buch verschiebt den Blick auf ein Werk, das in seiner Radikalität bis heute nachwirkt.
von Sebastian Meißner
Diese Biografie ist mehr als eine chronologische Nacherzählung eines außergewöhnlichen Künstlerlebens. Sie ist eine analytisch fundierte, stilgeschichtlich versierte und zugleich emphatisch geschriebene Annäherung an ein Œuvre, das wie kaum ein anderes die Musik des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Hentz verbindet musikwissenschaftliche Präzision mit essayistischer Beweglichkeit. Dabei bleibt stets spürbar, dass hier nicht nur ein Experte, sondern auch ein Bewunderer schreibt – einer, der bei aller kritischen Distanz die schöpferische Energie dieses Jahrhundertmusikers staunend begleitet.
Revision eines Kanons
Zu Beginn markiert Hentz eine Leerstelle in der reichen Davis-Literatur: Während das akustische Früh- und Mittelwerk – insbesondere die zweite Hälfte der 1950er-Jahre und die legendären Quintette und Sextette der 1960er – ausgiebig gewürdigt wurden, gerät das letzte Karrierejahrzehnt oft in eine Randposition. Alben wie „Kind Of Blue“ oder „Miles Smiles“ haben längst kanonischen Status; sie gelten als Gipfelpunkte eines „reinen“ Jazzverständnisses. Hentz anerkennt ihre Bedeutung, verweigert jedoch die implizite Hierarchisierung, die spätere, elektrifizierte und popkulturell offene Phasen als Verfallserscheinung deutet. Seine Studie setzt hier bewusst an und korrigiert eine Perspektive, die Davis’ Werk unzulässig verengt.
Die kühnen Experimente von Miles Davis
Gerade in den 1970er- und frühen 1980er-Jahren, so Hentz’ zentrale These, entfaltet sich die wohl waghalsigste Phase dieses Musikers. Die Abkehr vom swingenden Beat zugunsten polyrhythmischer Grooves mit tranceartigem Sog, die radikale Verschlankung melodischer Formeln, die Priorisierung von Textur, Rhythmus und Klangfarbe gegenüber harmonischer Komplexität – all dies deutet Hentz nicht als Bruch, sondern als konsequente Weiterentwicklung. In Alben wie „Bitches Brew“ oder „On The Corner“ erkennt er ästhetische Umstürze, die das Alte nicht nur erweitern, sondern bewusst hinter sich lassen wollten. Seine Analysen zeigen, wie Davis hier kollektive Improvisation, Studioarbeit und Produktionsästhetik zu neuartigen Klangarchitekturen verschmolz.
Grenzüberschreitungen und Popkultur
Hentz begreift Davis’ Spätwerk zudem als Öffnung in außermusikalische Zeichensysteme. Film, Mode, Bildästhetik und Unterhaltungsindustrie werden zum integralen Bestandteile eines erweiterten Kunstbegriffs. Davis erscheint als stilprägender Akteur, der Sound, Look und Habitus zusammendenkt. Im Abstand weniger Jahre betrat er neue ästhetische Territorien, veränderte Besetzungen, Produktionsweisen und visuelle Codes. Diese konsequente Selbstverwandlung wird bei Hentz nicht psychologisiert, sondern als Ausdruck unstillbarer Neugier gedeutet – als Motor eines manischen, rastlosen Entwicklers, der Stillstand als künstlerische Gefahr begriff.
Jenseits der Genrefrage
Ob man angesichts der späten, popaffinen Werke noch von Jazz sprechen könne, stellt das Buch als offene Frage in den Raum – ohne sich an terminologischen Grenzziehungen aufzuhalten. Für Hentz erübrigt sich eine abschließende Antwort. Entscheidend ist nicht die Genrezugehörigkeit, sondern die ästhetische Konsequenz eines Musikers, der sich immer wieder neu erfand. Miles Davis ist – und das macht das Lesen dieses Buches einmal mehr deutlich – der Inbegriff musikalischer Metamorphose: als Künstler, der in etwa fünfjährigen Zyklen neue Kapitel aufschlug und dabei das Koordinatensystem der populären Musik immer und immer wieder verschob. Nach der Lektüre bleibt das Staunen – über die Vielzahl der Musiken, die dieser eine Mann hervorgebracht hat. Gerade in dieser Verbindung aus analytischer Schärfe und unverhohlener Bewunderung liegt die besondere Qualität von Hentz’ Buch.
Stefan Hentz: „Miles Davis – Sound eines Lebens“, Reclam Verlag, Hardcover, 383 Seiten, 978-3-15-011453-7, 32 Euro (Beitragsbild: Buchcover)





