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6. März 2026Damit war nicht zu rechnen: Die britische Kultband Squeeze veröffentlicht Jugendsünden von 1974 in frischen Songversionen. Ein Sophisticated-Pop-Fest!
von Werner Herpell
Fast schon ein eigenes Genre: das „lost album“. Eine zum Mythos oder Kult verklärte Platte, die in den Tiefen des Archivs oder in einem Label-Tresor (vielleicht auch in einem Giftschrank…) verschwand – und Fans dann bis in alle Ewigkeiten umtreibt. Einige dieser „lost albums“ erblicken doch noch irgendwann das Licht der Welt beziehungsweise erreichen das Ohr des gespannten (und bisweilen hinterher ernüchterten) Hörers. Als Beispiele fallen diesem Reviewer spontan „The Black Album“ von Prince (schließlich 1994 veröffentlicht), „Smile“ von Brian Wilson/The Beach Boys (2011) und „You’re The Man“ von Marvin Gaye (2019) ein. (Auf die vielen verschollenen Alben von Paddy McAloon/Prefab Sprout warten wir immer noch vergeblich.)
Fantastische Entdeckung
Zu den vorher auch bei eingeweihtesten Fans völlig unbekannten, daher besonders überraschenden „lost albums“ gehörten die sieben Platten, die Bruce Springsteen voriges Jahr im sensationellen Boxset „Tracks II“ rausbrachte. Und nun, um zum eigentlichen Thema zu kommen: „Trixies“ von der englischen Wave-Pop-Band Squeeze (aktiv 1974 bis 1982; 1985 bis 1999; seit 2007 bis heute) um das Songwriter-Duo Chris Difford und Glenn Tilbrook. Und (Achtung, Spoiler!) dies ist tatsächlich mal eine ganz fantastische, lohnende Entdeckung – mit einer besonderen Note.
Denn die 13 Lieder entstanden schon kurz vor der eigentlichen Karriere von Squeeze, wohl 1974, als Difford 19 Jahre alt war und Tilbrook 16 – um jetzt, nach dem Fund einer alten Musikcassette auf dem Dachboden, in all ihrer Opulenz und Schönheit mit modernen Produktionsmitteln als alt-neue Songs aufgenommen und veröffentlicht zu werden. Offiziell wurde die Band kurz nach „Trixies“ gegründet, als Difford/Tilbrook den Pianisten Jools Holland und den Schlagzeuger Paul Gunn dazuholten und sich nach einem verworfenen Velvet-Underground-Album benannten, um 1978 ihr selbstbetiteltes Debüt rauszubringen. Daher firmiert „Trixies“ nun als erstes Squeeze-Album seit fast neun Jahren („The Knowledge“ erschien 2017) und zugleich als erstes, das die beiden Frontmänner jemals geschrieben haben.
Ein Album wie ein Pop-Musical
Die Platte zeigt exemplarisch, wie reif und souverän Difford/Tilbrook, später als veritable Lennon/McCartney des New Wave gepriesen, schon in ihren Teen-Jahren als Pop-Songwriter agierten. Jeder dieser insgesamt wie ein buntes Pop-Musical funktionierenden 13 Tracks ist per se ein kleines Juwel – und in der nun aktuellen, polierten Studioversion ein Song vom Allerfeinsten. Das sind Lieder, die Verehrer von The Beatles, The Who, The Kinks, ELO und David Bowie („The Place We Call Mars“!), von Madness, Joe Jackson, XTC oder den bereits genannten Prefab Sprout (hier vor allem „Good Riddance“ und „It’s Over“) glücklich machen dürften.
Die Substanz dieser Stücke ist über 50 Jahre alt, und natürlich hört man die Einflüsse jener Zeit (einer tollen Pop-Ära übrigens) – aber nie ist die Musik platt epigonal oder angestaubt, sondern stets originell und von hoher Raffinesse. Dass Chris Difford und Glenn Tilbrook glänzende, an Ray Davies (The Kinks) oder John Lennon & Paul McCartney heranreichende Geschichtenerzähler sind, wollten und konnten sie mit „Trixies“ ebenfalls bereits vor einem halben Jahrhundert zu Beginn ihrer Songwriting-Partnerschaft beweisen – also noch vor Britpop-Hits wie „Up The Junction“, „Tempted“, „Cool For Cats“, „Another Nail In My Heart“ oder „Labelled With Love“.
Vision vor Virtuosität
„Trixies“ wurde erdacht zu einer Zeit, als Konzeptalben und „Rock-Opern“ noch in Mode waren – von „Tommy“ (The Who) bis „Arthur Or The Decline And Fall Of The British Empire“ (The Kinks). Bei Difford/Tilbrook geht es um eine Sammlung von Geschichten, Räuberpistolen und Schnurren, die in einem fiktiven Nachtclub namens „Trixies“ spielen. „Das einzige Problem mit diesen Songs (…) war, dass 1974 die musikalische Vision der jungen Schöpfer ihre Virtuosität überstieg“, schreibt das Squeeze-Label BMG augenzwinkernd. „Wir haben uns voll und ganz dem Songwriting verschrieben, aber das war drei oder vier Jahre, bevor wir überhaupt unsere erste Platte aufnehmen konnten. Kurz gesagt, es waren Songs, für deren Aufnahme wir einfach nicht genug musikalische Erfahrung hatten”, sagt Chris Difford.
„Die Songs, die wir damals geschrieben haben, verblüffen mich“, ergänzt Glenn Tilbrook. „Ich bin jetzt stolz auf sie, und ich bin besonders stolz darauf, dass wir das als junge Leute geschafft haben. Es sind fast dieselben Lieder, die wir damals geschrieben haben. Der einzige Unterschied ist, dass ich die Songs jetzt den anderen Bandmitgliedern beibringen kann. Damals wusste ich nicht einmal, wie die Akkorde hießen!“ Britischen Humor haben die beiden frühreifen, jung gebliebenen Pop-Veteranen auch.
Squeeze kehren auch mit neuen Songs zurück
„Trixies“, das zwischen Sophisticated-Pop, Glam, Jazz, Piano-Pop und gitarrengetriebenem Rock’n’Roll munter hin und her springt, entstand schließlich unter der produktionstechnischen Leitung von Squeeze-Bassist Owen Biddle (The Roots, John Legend, Al Green). Und damit nicht genug: Der Spaß an der Retro-Platte gab bei Difford/Tilbrook den Ausschlag für einen neuen Songwriting-Anlauf. „Auf den Fersen folgt ein Album mit brandneuen Squeeze-Songs, das gleichzeitig mit ‚Trixies‘ aufgenommen wurde und in Kürze erscheinen soll“, kündigt BMG an. Super! Und jetzt freuen wir uns erstmal darüber, dass Squeeze ihre Jugendsünden (plus Klassiker natürlich) demnächst auch live präsentieren werden: am 20.03.2026 in Hamburg (Fabrik) und am 25.03.2026 in Köln (Luxor). Das wird ein Fest für Pop-Connaisseure.
Das Album „Trixies“ von Squeeze erscheint am 06.03.2026 bei BMG. Neben der regulären Version wird auch eine erweiterte Edition mit einer zweiten CD (elf 1974er Demos und zwei aktuelle Live-Tracks) sowie einer Blu-Ray-Audio des 13-Track-Albums veröffentlicht. (Beitragsbild von Dean Chalkley)





