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24. Februar 2026Wiederauflage eines lange verkannten Geniestreichs zum 50. Jubiläum: Das zweite Album der Art Pop-Band Split Enz kann noch immer begeistern
„Songs In The Key Of Life“, „A Day At The Races“, „Hotel California“: Das Musikjahr 1976 ist reich an Meilensteinen. Und abseits der großen Erfolge ein Jahr besonders experimentierfreudiger und wagemutiger Alben. Eines davon ist „Second Thoughts“, das zweite Album der Art Pop-Band Split Enz aus Neuseeland. Zum 50. Jubiläum erscheint dieses Album nun erneut – eine willkommene Gelegenheit, mal wieder reinzuhören. Und man staunt, wie gut dieses Album gealtert ist.
Aufbruch nach England – und künstlerische Neujustierung
Split Enz bestehen aus Sänger Tim Finn, Gitarrist Phil Judd, Bassist Jonathan Chun, Drummer Emlyn Crowther sowie Percussionist Noel Crombie und Saxofonist Robert Gillies. Nachdem das Vorgängeralbum „Mental Notes“ kommerziell hinter den Erwartungen zurückblieb, zog es die Band nach England, um das Material grundlegend zu überarbeiten. Mit Phil Manzanera von Roxy Music als Produzenten gewann das Projekt deutlich an Kontur und klanglicher Präzision. Das Resultat ist ein exzentrisches, theatralisch aufgeladenes Album, das jene Bühnenenergie einfängt, mit der sich die Gruppe früh einen exzellenten Ruf erspielte. Viele Stücke sind Neubearbeitungen älterer Songs, doch sie wirken hier fokussierter, schärfer modelliert, dramaturgisch zwingender. Zugleich bereichern neue Titel wie „Late Last Night“ oder das hinreißende „Woman Who Loves You“ das Repertoire entscheidend.
Kompositorische Kühnheit und emotionale Tiefe
Was dieses Werk über die Jahrzehnte trägt, ist seine kompositorische Kühnheit. Die Songs folgen keiner berechenbaren Dramaturgie, sondern entwickeln sich organisch, mit Brüchen, Tempowechseln, harmonischen Finten und unerwarteten Chord-Changes. Alles klingt noch immer aufregend und aktuell. Mehr noch: Einige Stücke haben im Laufe der Zeit sogar deutlich gewonnen: „Titus“ entfaltet heute eine melancholische Wucht – wer dabei kein schweres Herz bekommt, hat vermutlich keines. Und „Love Dovey“ sprüht vor schrägem Witz und rhythmischer Elastizität. Wer hier nicht zumindest innerlich mitwippt, der hat schlicht keinen Humor.
Zeitlosigkeit durch Eigenständigkeit
Am eindrücklichsten ist jedoch die stilistische Unabhängigkeit des Albums. Die Songs klingen frisch und mitreißend und tragen eine unaufgelöste Faszination in sich. Die Musik ist verspielt, raffiniert, voller überraschender Wendungen, stilistisch offen und zugleich unverkennbar eigenständig. Das Album bedient sich bei Glam, Art Rock und Pop, ohne je epigonal zu wirken. Es formuliert eine eigene, leicht entrückte Klangsprache zwischen Pathos und Ironie, zwischen Dramatik und augenzwinkernder Leichtigkeit. Split Enz kanalisierten – ob bewusst oder als glückliche Fügung – eine erstaunliche Portion Wahnsinn in ein vollkommen singuläres Statement. Vergleichbares gab es damals (und eigentlich seither) schlicht nicht. Völlig quer zu den herrschenden Trends stehend verbinden sie progressive Komplexität mit einer fast punkigen Haltung. Das ist Vaudeville und Shakespeare in einem: ein Album, das im besten Sinne irritiert und herausfordert und dazu einlädt, die schweren, floralen Vorhänge aufzuziehen und ein kunstvoll arrangiertes, morbides Stillleben zu betrachten.
„Second Thought“ von Split Enz erscheint am 27.02.2026 bei Chrysalis Records. (Beitragsbild: Albumcover)




