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10. August 2025Nach sechs Solo-Alben debütiert die Schweizer Musikerin Sophie Hunger mit dem melancholisch-feinfühligen Roman „Walzer für Niemand“ als Schriftstellerin
von Gérard Otremba
Sophie Hunger hat ihren Debütroman „Walzer für Niemand“ nach dem gleichnamigen Song aus ihrem 2008 veröffentlichten ersten Album „Monday’s Ghost“ benannt. Aber nicht nur der Songtitel verweist auf Hungers Schaffen als Songwriterin, Sängerin und Komponistin. In „Walzer für Niemand“ schwingt sehr häufig der Sound ihrer Musik mit, und das ist die ganz besonders Kunst dieses Buches, die Sophie Hunger wirklich sehr gut beherrscht. Ganz davon abgesehen, vermag sie ihre Geschichte auch ganz wunderbar zu erzählen. Obwohl die Ich-Erzählerin ihres Romans schon zu Beginn feststellt: „Wir mochten keine Geschichten, egal, in welcher Form. Wenn überhaupt ertrugen wir Märchen.“. Im „wir“ sind die erzählende Person sowie ihr bester Freund „Niemand“ vereint.
Die Liebe zur Musik
Der Erzählerin gibt Sophie Hunger einiges ihrer eigenen Biographie mit auf den Weg und schildert den Werdegang bis zum Beginn einer möglichen Karriere als Musikerin. Geprägt ist diese feinfühlig erzählte Coming-of-Age-Story von zahlreichen Ortswechseln – die Protagonistin stammt wie Sophie Hunger selbst aus einer Militärattaché-Familie – sowie einer frühen Hinwendung und Liebe zur Musik (schon auf der ersten Seite heißt als Gegenpol zu den ungeliebten Geschichten: „Erlösend und erhaben hingegen das Spiel der Nadel auf dem Plattenspieler, wenn sie ansetzte oder sich federleicht verschieben ließ.“).
An ihrer Seite befindet sich stets Niemand, von der Erzählerin häufig direkt angesprochen, als Person zwar definiert, aber nie wirklich zu fassen, die Möglichkeit einer Imagination schwingt im Niemand immer mit. Vielleicht der gewünschte Freund, der nie da war, vielleicht das innere Kind, von dem sich die Erzählerin sukzessive entfernt. Je älter Hungers alter Ego, je näher der erst große Auftritt im Pariser Club Bataclan bei einem Newcomer-Vorspielen rückt, desto brüchiger wird das früher so innige Verhältnis der beiden: „Aus unserer Symbiose hatte sich nach und nach eine besorgniserregende Schicksalsgemeinschaft entwickelt.“.
Sophie Hunger und die Walserinnen
Neben der von zahlreichen Musikverweisen geprägten Künstlergeschichte, webt Sophie Hunger die Historie der Walserinnen ein, strikt getrennt mit anderer Typographie und teilweise mit Zeichnungen versehen. Das Hobby der Erkundung des weiblichen Teils des Bergvolks – gleichzeitig zentraler Bestandteil des Romans sowie Ausbruch aus der Story – schustert Hunger Niemand zu. Auch hier spielt die 1983 in Bern geborene Künstlerin mit der Niemand-Identität, gehören die Walser doch zu den Vorfahren sowohl der Erzählerin als auch Sophie Hunger selbst. Die mit „Walzer für Niemand“ einen melancholischen, poetisch-kraftvollen Roman über Musik, Herkunft, den Weg zur Musikerin und Freundschaft geschrieben hat. Wer wie ich Hungers Musik zu schätzen weiß, der sollte sich auch schnell mit diesem Buch anfreunden können.
Sophie Hunger: „Walzer für Niemand“, Kiepenheuer & Witsch, Hardcover, 192 Seiten 978-3-462-00324-6, 22 Euro. (Beitragsbild von Marikel Lahana)





