Sophie Hunger: Halluzinationen

Sophie Hunger: Halluzinationen

Erneut ein Klasse-Album der Ausnahmekünstlerin Sophie Hunger

Sophie Hunger stellt schon eine ganze Weile einen absoluten Solitär in der Musiklandschaft dar. Soundtechnisch, da die Multi-Instrumentalistin inzwischen ein Repertoire abdeckt zwischen traditioneller Liedermacherkunst, über leicht bis schwerer krachender Rockbrachialität bis zu clubtauglichen Elektrospielereien. Linguistisch, da die gebürtige Schweizerin mit Wohnsitz in Berlin vier Sprachen beherrscht und in all diesen auch singt. Inhaltlich, weil ihre mit Metaphern gespickten Songs irreführend viel über sie verraten können mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass man letztendlich gar nichts über sie erfährt.

Scheinbar Persönliches von Sophie Hunger

Sophie Hunger Halluzinationen Cover Caroline International

Wähnt man sich in Songs wie z.B. der krautrockigen Uptemponummer „Alpha Venom“ als langjähriger Hunger-Hörer vielleicht in der Illusion, einer persönlichen, durchaus aggressiven Standortbestimmung beizuwohnen als Resümee einer verseuchten vergangenen Beziehung, offenbart sich im Interview mit dem US-Portal American Songwriter Com, dass besagtes Lied eine Auftragsarbeit für eine TV-Serie ist und aus der Perspektive einer Schauspielerin in toxisch- männlichem Umfeld geschrieben wurde. Ups. Wobei ein Thema sich wie ein roter Faden durch das (übrigens in einem Take aufgenommene), neue, siebte Studioalbum Hungers zieht: Krankheit oder Unwohlsein. Körperlich, seelisch wie auch geistig (und damit „Halluzinationen“ produzierend).

Fesselnde Musik von Sophie Hunger

Wobei eine wie immer geartete Vulnerabilität Hungers (oder ihrer Protagonisten) durchaus Hand in Hand geht mit Trotz, Stärke und Kampfansagen – das vorab veröffentlichte „Rote Beeten aus Arsen“ lässt z.B. durchaus Schlüsse in dieser Richtung zu. Doch auch wenn die Rübe schwirrt ob aller interpretationsfreudigen Tiefgründigkeit – es ist der Zusammenklang der Musik mit dieser ausdrucksstarken, überaus eigenständig phrasierenden Stimme, die so fesselt. Ob beim basslastigen, poppigen „Liquid Air“ zu Beginn oder am Klavier bei „Finde Mich“, „Maria Magdalena“ oder dem melancholischen „Stranger“ zum Ausklang des Albums. Dem leicht schrägen und doch tanzbarem Titelsong, den Hunger auch schon auf ihrer letzten Tour zu Gehör brachte oder dem beswingten „Everything Is Good“.

Eingespielt in 48 Stunden

Hunger sowie ihre Mitstreiter setzen bei jedem Stück neue Akzente und fabrizierten damit ein Kunstwerk, das man komplett in genau dieser Reihenfolge hören sollte – nicht umsonst wurde es exakt so innerhalb von 48 Stunden eingespielt. In den Londoner Abbey Road-Studios übrigens, die kürzlich ebenfalls die Nashville-Rocker All Them Witches beherbergten. Hungers mit dem Produzenten auch des Vorgängeralbums „Molekules“, Dan Carey, begonnene Zusammenarbeit wurde auf „Halluzinationen“ fortgesetzt, allerdings weit weniger clubaffin, als der Vorgänger klang. Das kann für den einen oder anderen Fan abschreckend oder eine Empfehlung sein – es ändert jedoch gar nichts an der Klasse dieser Werke sowie an der dieser Ausnahmekünstlerin an sich. Ich verneige mich.

„Halluzinationen“ von Sophie Hunger erscheint am 04.09.2020 bei Caroline International. (Beitragsbild von Jérôme Witz)

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