Songwriterin Emiliana Torrini im Interview

Emiliana Torrini credit Dean Rogers

Ein Sounds & Books-Interview mit Emiliana Torrini zu ihrem am 21.06.2024 erscheinenden Album „Miss Flower“

Interview von Ullrich Maurer

„Miss Flower“ ist das erste Album seit dem 2013er Werk „Tookah“, das die isländische Songwriterin Emiliana Torrini unter eigenem Namen veröffentlicht. Obwohl Emiliana Torrini zwischenzeitig nicht untätig gewesen ist – und beispielsweise zwei Alben mit dem belgischen Colorist-Orchestra einspielte – ist ein neues Solo-Album für die Frau, die 2009 mit ihrem Hitsong „Jungle Drum“ schon fast den Durchbruch in den Mainstream geschafft hatte, dann doch eher überraschend. Grund genug, sich ein Mal mit der inzwischen wieder in Island lebenden Künstlerin zu unterhalten.

Doch es gibt gute Gründe dafür, dass zwischen dem letzten Album „Tookah“ und dem neuen Werk „Miss Flower“ mehr als 10 Jahre ins Land gegangen sind – und dazu gehört neben der Pandemie und deren Folgen vor allen Dingen die Tatsache, dass Emiliana inzwischen Kinder bekommen hat und sich eine Auszeit vom den Zwängen und Mechanismen des Musikbusiness nehmen wollte. Dass man als Musiker in einer ähnlichen Position wie ein Fischer, der immer auf See und nie zu Hause sei, meint Emiliana Torrini – und das wollte sie ihren Kindern dann doch nicht zumuten.

Ein Album aus Briefen

Dass das neue Album nun erscheint, ist einem Zufall zu verdanken. Nach dem Tod der Mutter von Emilianas bester Freundin Zoe – der Ehefrau ihres Songwriting-Partners und Keyboarders Simon Byrt – entdeckten sie in deren Wohnung eine Kiste mit Liebesbriefen, die an die verstorbene Mutter

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namens Geraldine Flowers – gerichtet waren. Diese Briefe offenbarten ein faszinierendes Szenario von Charakteren und Geschichten, die ein ganz neues Licht auf das Leben von „Miss Flower“ warfen – wie Geraldine in den Briefen genannt wurde. Nachdem sie in die Welt der Briefe eingetaucht war, entschloss Emiliana Torrini, diese als Grundlage für neue Songs herzunehmen, die sie im Folgenden mit Zoe und Simon Byrt entwickelte, wann immer sie in London weilte.

War es denn schwierig, mit vorhandenem Material zu arbeiten und vor allen Dingen die Geschichte einer anderen Person zu erzählen?

Emiliana Torrini: Nein – ich denke sogar, die Geschichte anderer zu erzählen – wie wir es jetzt getan haben – ist wundervoll, einfach weil ich selbst so sehr daran interessiert war. Ich kenne meine eigene Geschichte ja nun wirklich zur Genüge – und die finde ich nicht besonders interessant.

Aber hast Du denn nicht schon immer auch über andere Charaktere geschrieben?

Emiliana: Ja schon – aber dabei ging es dann doch oft um mich selbst. Die Charaktere haben dann vielleicht eine andere Form angenommen – beispielsweise indem ich über eine bestimmte Emotion geschrieben habe, die ich selbst ein Mal empfunden habe und daraus dann eine Fantasie für einen anderen Charakter mit einem anderen Image gesponnen habe – aber es ging dann letztlich doch um mich.

Und das ist dieses Mal dann anders?

Emiliana: Ja, der ganze Prozess war anders. Man verbindet sich mit den Charakteren, über die man erzählt dann doch sehr intensiv. Die Tochter von Geraldine Flowers – meine Freundin Zoe – hat mir sehr viele künstlerische Freiheiten gelassen, aus den Briefen dann Geschichten zu spinnen. Mir in dieser Hinsicht zu vertrauen, kurz nachdem ihre Mutter gestorben war, fand ich ziemlich wild. Ich denke nicht, dass ich irgend jemandem erlauben würde, meine Mutter in dieser Weise zu berühren.

Tanzen in Zeitlupe

Was ist denn das Wichtigste beim Song-Schreiben?

Emiliana: Für mich sind die Texte und die Grooves immer das Wichtigste, Dabei geht es mir überhaupt nicht um den Stil. Ich stelle mir dann immer den Sound eines bestimmten Gitarristen vor, zu dessen Spiel Menschen in einem Club in Zeitlupe tanzen. Wenn ich dieses Bild nicht vor mir sehe, dann hat das Ganze für mich keinen Groove. Das gilt auch für die Musik, die ich mir selber anhöre – da muss es immer gute Texte und einen guten Groove geben.

Wieso hat es denn überhaupt so lange gedauert, das Projekt zu realisieren?

Emiliana: Wir haben das ja nicht am Stück gemacht. Es lagen zuweilen Monate zwischen den einzelnen Songs, weil wir diese in West-Chiswick in London schrieben und ich ja jetzt in Island lebe – und ich dachte zunächst gar nicht daran, daraus eine LP zu machen. Aber das war dann alles sehr einfach und immer wenn ich aus Island nach London zurück kehrte, befand ich mich gleich in dieser massiven Blase mit Geraldines Briefen und konnte gleich weiter an den Songs arbeiten. Ich lebte dann in Geraldines ehemaliger Wohnung und hatte ihren alten Hund dabei, wenn wir im Gartenhaus ins Studio gingen. Erst später haben wir uns dann entschlossen, aus dem Material ein ganzes Album zu machen.

Malen mit Klängen

Was hat euch denn auf  der musikalischen Ebene inspiriert? Es fällt ja schon auf, dass viele der neuen Tracks mit elektronischen Mitteln produziert wurden.

Emiliana: Das, womit wir angefangen haben, war für gewöhnlich ein Rhythmus oder ein Sound von meinem Keyboard. Es ist schwierig, das zu erklären – aber oft führt dieses Herumspielen zu etwas. Es sind dann aber oft eher Bilder als Sounds über die ich mich mit Simon unterhalte. Nimm zum Beispiel den Song „Black Water“. Ich dachte da an dieses Gefühl, das ich mal hatte, als ich nachts in Berlin in dunklem Wasser geschwommen bin. Ich singe in dem Song über einen Mann, der von Paranoia und Angst vor dem Kalten Krieg und dem Kommunismus erfüllt ist.

Du musst bedenken, dass viele der Briefe an Geraldine aus den 60’s stammten. Menschen wie dieser Typ, die ständig Angst haben, verpassen alles Schöne im Leben. Als wir das dann alles diskutiert hatten und sich daraus eine Geschichte in unseren Köpfen entwickelte, fühlte es sich eher an, als schrieben wir die Musik für ein Theaterstück. Man richtet dann eher eine Bühne an, als dass man einen Song schreibt. Man sortiert Klänge so, dass man damit dann quasi ein Bühnenbild malt.

Wie kamen dann Texte und Musik zusammen?

Emiliana: Jeder Track hatte erst mal den Namen eines Mannes als Arbeitstitel. Ich habe dann quasi immer aus der Perspektive dieses Mannes gesprochen. Das war dann ein ganz organischer Prozess in der sehr weil entwickelten Welt, in der wir uns befanden. Wir haben das gar nicht bewusst entschieden, aber jeder dieser Männer – und somit auch die Songs – hatte seinen eigenen Sound. Wenn man Musik macht, muss man sich auf so etwas einlassen können.

Wie passt denn das Piano-Instrumental „A Dream Through The Floorboards“ ins Konzept. Basiert das auch auf einem der Briefe an Miss Flower?

Emiliana: Nein – das ist ein ziemlich alter Track. Ich hatte den vor vielen Jahren mit Simon aufgenommen. Ich war zu dieser Zeit geradezu besessen von Erik Satie und habe Simon dann auch zu einem Satie-Fan gemacht. Wir haben dann beschlossen, auch mal was in dieser Richtung zu machen. Wir hatten zwar vorgehabt, da auch Vocals zu aufzunehmen – aber irgendwie wollte dieses Stück mich nicht dabei haben. Das Stück hat zu mir gesagt: Nein – hier wird nicht gesungen. Wir haben den Song dann für dieses Projekt wieder entdeckt, denn es war nämlich so, dass Geraldine es liebte, Simon beim Klavier-Spielen zuzuhören, als sie noch lebte, und der Klang seines Spiels drang immer durch die Dielen ihrer Wohnung – die über der von Zoe und Simon lag. Das ist dann eine geheime Referenz an die Musik, die durch das Haus drang, in dem Geraldine wie auch Zoe und Simon lebten.

Emiliana Torrini als Schauspielerin

Du hast Dich ja schon sehr tief in das Thema eingearbeitet. Ging das das vielleicht sogar so weit, dass Du die Rolle der Charaktere, die nun durch die Songsammlung geistern, auch gesanglich verkörperst – wie das eine Schauspielerin vielleicht auf der Bühne machen würde?

Emiliana: Darüber habe ich selber viel nachgedacht. So habe ich mich zum Beispiel gefragt, warum ich plötzlich einen amerikanischen Akzent hatte, als ich den Song ‚Black Water‘ sang. Oder als ich „Miss Flower“ gesungen habe, klang meine Stimme anders als meine „richtige“ Stimme. Das war aber überhaupt keine bewusste Sache – aber ich habe da eine Veränderung gespürt. Das war mir nur zu der Zeit der Aufnahmen gar nicht bewusst.

Lag das vielleicht daran, dass die Musik oder die Kunst das Heft des Handelns bestimmte?

Emiliana: Ja, sicherlich. Es gibt da öfter diese Situation, dass Du zum Beispiel einen Song schreibst – aber Dich gar nicht daran erinnern kannst, wie Du das gemacht hast. Man fragt sich dann, ob man da irgendwo etwas geborgt hat oder was überhaupt gerade passiert ist. Das ist ein wenig so, als existiere man selber für einen Augenblick gar nicht und wacht dann plötzlich mit einem fertigen Song auf. Ich kann Dir oft gar nicht erklären, wie bestimmte Songs entstanden sind.

Auf einigen der neuen Tracks singst Du ja weniger als dass Du rezitierst. War das denn eine bewusste Entscheidung?

Emiliana: Nein – das passierte einfach während der Produktion. Das hängt damit zusammen, dass ich hier viel improvisierte. Das mache ich oft, aber dieses Mal hatte ich ja Texte als Grundlage und es ist kompliziert, mit Texten zu improvisieren, weil diese ja schon eine Struktur haben. Tracks wie ‚Dark Water‘ wollten auch gar nicht gesungen werden. Ich las den Text also stattdessen eher vor. Das erinnerte mich daran, wie ich als Kind Jeff Waynes ‚War Of The Worlds‘ gehört habe, wo Richard Burton ja auch Texte zur Musik vorlas.

Emiliana Torrini und Miss Flower

Was kannst Du uns denn zu dem Cover-Motiv sagen – das ja augenscheinlich Dich und Geraldine Flower an einem Tisch sitzend zeigt?

Emiliana: Ich hatte auch dieses Foto von Miss Flower in der Kiste mit den Briefen gefunden, das sie mit einem gut aussehenden Typen an einem Tisch sitzend zeigt. Das Foto machte auf mich den Eindruck, dass der Fotograf diesen Moment gestohlen habe. Das gefiel mir sehr und passte ja auch zum Thema. Ich wollte auch sowieso nicht alleine auf dem Cover abgebildet sein. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass wir beide auf dem Bild zu sehen sein müssten, um ausdrücken zu können, wie sehr diese beiden Frauen plötzlich so eng miteinander verbunden waren. Wir werden dieses Bild noch mit einem Video-Documentary über dieses Projekt vertiefen.

Das Album „Miss Flower“ erscheint am 21.06.2024 auf CD, Vinyl und digital auf dem Grönland-Label (Albumreview folgt). Zunächst wird Emiliana Torrini einige Festival-Auftritte absolvieren – im Herbst ist dann auch eine Europa-Tour geplant. (Beitragsbild von Dean Rogers)

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