Songwriter Marcel Gein im Interview

Songwriter Marcel Gein im Interview

Marcel Gein über sein deutschsprachiges Solo-Album und die anstehende Tour

Aufgezeichnet von Gérard Otremba (Beitragsfoto: Simon Fessler)

Am 20.02.2015 beginnt im Hamburger Nochtspeicher die Tour des Songwriters Marcel Gein. Mit Passanten hat der in der Hansestadt lebende Musiker unlängst sein erstes deutschsprachiges Album veröffentlicht. Mit dem Sänger und Gitarristen unterhielt sich Pop-Polit über die Platte, die anstehende Tour und literarische Inspirationen.

 

Marcel, Dein Solo-Debüt Passanten ist am 23.01.2015 erschienen. Wie, und mit welchen Gefühlen, hast Du diesen Tag verbracht?

Es war ein sehr schöner Tag. Ich arbeite bei Tapete Records im Booking-Bereich, habe zunächst also ein paar Konzerttermine zusammengeschustert, hatte nach der Mittagspause ein Interview bei Tide, bin dann zurück zu Tapete und dann kamen auch schon die Kollegen mit Bier zum Anstoßen, es gab also ein kleine Party. Nach der Arbeit bin ich zum Konzert von Orenda Fink in die Hasenschaukel. Und anschließend war ich noch im Hafenklang, dort legten 100 DJs auf, jeder hat vier Minuten, um seinen Lieblingssong aufzulegen. Nach all den Aufnahmen, dem Mastering, Musik-Video-Dreh, über ein Jahr lang war ich mit dem Album konfrontiert, jetzt war das Finish Product draußen, alles fertig. Es gab einen richtigen Schwung und jetzt kann ich wieder was Neues anfangen. Und das tat gut, hatte etwas Befreiendes.

 

Du besingst in dem Song „Marathon“ den Läufer Fauja Singh, der als erster 100-Jähriger einen Marathon absolviert hat. Bist Du selbst schon mal einen Marathon gelaufen, oder hast Du es vor?

(lacht) Nein. Für Sport bin ich zu unsportlich. Meine Freundin läuft Marathon, ich traue mich da gar nicht ran, bis ich im Ziel wäre, hätten die sowieso schon alles abgebaut. Aber zum Lied, ich hatte bis dahin schon einige ruhige, getragene Lieder und dachte, eine flotte Nummer tut dem Album gut. Ich saß mit der Gitarre da, nebenbei lief der Fernseher, nur Stille mag ich nicht, deswegen läuft im Hintergrund immer etwas und da kam dann auch die Nachricht über Fauja Singh, der mittlerweile 103 Jahre alt ist. Und da dachte ich, das ist doch perfekt, über ihn einen Song zu schreiben, der in der Vergangenheit seine Frau und seinen Sohn verlor, nach England ging und anfing zu Laufen, sich ein Beschäftigung suchte, um nicht komplett wahnsinnig zu werden bei den Verlusten. Und er hat eine echte Leidenschaft entwickelt. Das hat dem Song so den Drive gegeben, so kam „Marathon“ zustande, sehr schnell sogar, innerhalb von zwei, drei Stunden war das Lied fertig.

 

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den bekannten Hamburger Musikern Gunther Buskies und Zwanie Jonson?

Es war zum ersten Mal in meinem Leben so, dass mir Studio Spaß gemacht hat. Ich konnte früher vor den Studioterminen nächtelang nicht schlafen. Hier in Hamburg war alles so entspannt mit den beiden. Es war alles so professionell und überhaupt nicht gestresst, es hat einfach reibungslos geklappt. Ich freute mich jeden Tag aufs Studio.

 

Wie bist Du überhaupt zu Musik gekommen? Gab es einen auslösenden Moment in Deinem Leben?

Als ich noch im Kindergarten war, hatte ich zwei Menschen, zu denen ich aufschaute: mein zehn Jahre älterer Bruder und ein Freund von ihm. Die beiden waren damals große Bon Jovi-Fans und die coolen Typen, die Rockmusik hörten und Mopeds fuhren. Und so wurde ich der wahrscheinlich jüngste Bon Jovi-Fan, lief mit einem „Keep The Faith“-T-Shirt rum und wollte so werden wie Jon Bon Jovi. Ich habe meine Eltern dann auch so lange genervt, bis sie mir in der zweiten Klassen eine E-Gitarre gekauft haben. Aber da keiner wusste, wie man sie stimmt, ist sie im Bettkasten verschwunden und erst im Teenageralter von einem Freund wieder entdeckt worden. So fing dann alles an, da war Bon Jovi längst Geschichte, das war die Pop-Punk-Zeit mit NOFX, Green Day, Blink 182.

 

Da sind wir dann auch schon bei meiner nächsten Frage: Welche Musiker prägten Dich?

Neben den eben genannten Bands aus dieser Surf-Punk-Phase, die ich immer noch höre, kamen dann vier, fünf Jahre später Ryan Adams, Bob Dylan, Bruce Springsteen und die Beatles dazu, Musik, die mich mehr anspricht und berührt. Dylan und Beatles sind das Fundament für nahezu alles. Darüber habe ich dann die jüngere Songwriter-Generation um Elliott Smith, Rocky Votolato, Kevin Devine und Denison Wittmer entdeckt und die haben mich voll abgeholt.

 

Du hast mit Perry O’Parson ein Band, mit der Du englische Texte vertonst, jetzt zum ersten Mal deutsche, wie kam es dazu?

Den Anstoß hat mir Gunther Buskies dazu gegeben und habe ich es einfach mal ausprobiert. Das erste Stück war dann auch gar nicht von mir, sondern das Gedicht „Die Augen sind es wieder“ von Heinrich Heine, weil ich nicht so recht wusste, wie man einen deutschen Text schreibt.

 

Gab es eine andere Herangehensweise an das deutsche Album im Vergleich zu den englischsprachigen Sachen, die in die Americana-Richtung weisen, während Dein Album Passanten als klassischer Liedermacher-Pop durchgeht?

Meine englische Musik ist mehr das minimalistische, puristische Mann-mit-der-Gitarre-und-Mundharmonika-Projekt, was sehr amerikanisch klingt. Irgendwie ist es auch im Songwriting etwas anders. Ich habe zwar jetzt keine anderen Akkorde benutzt, aber die Stimme klingt beim deutschen Singen der Sprache halber anders. Im Englischen kann man alles schön vernuscheln. Die deutsche Sprache ist zu kantig dafür. Es war eine große Herausforderung, deutsche Texte in ein Lied zu packen, darauf zu achten, dass es keine Liebesschnulze-Radio-Trash-Nummer wird, sondern was Authentisches. Um auf die Frage zurückzukommen, die Herangehensweise ist ähnlich, nur die Art und Weise, wie es letztlich verziert wird, unterscheidet sich dann.

 

Du hattest eben erwähnt, dass Du ein Gedicht von Heinrich Heine vertont hast. Wie ist Dein Bezug zur Literatur im Allgemeinen und zur Lyrik im Besonderen?

Da bin ich leider eine Pfeife. Hermann Hesse und Heinrich Heine mochte ich immer schon, das waren in der Schule tatsächlich meine Lieblingsthemen. Ich mag „Woyzeck“ von Büchner und „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Aber leider nehme ich mir allgemein nicht so viel Zeit für Literatur.

 

Welche sonstigen Inspirationsquellen benutzt Du für Deine Texte?

Es ist die kleine Welt um mich herum, ob Familie oder Freunde. Die kleinen Schicksale oder Ereignisse picke ich mir heraus und bastle die dann lyrisch um. Als ich mein kurzes Intermezzo in Saarbrücken hatte, schaute ich aus dem Fenster und sah, wie ein Typ im mittleren Alter um die Mittagszeit sturzbetrunken an der Tür des gegenüberliegenden Versicherungs-Gebäudes rüttelte und mit seinem Schlüssel versuchte, hineinzukommen, weil er dachte, dort zu Hause zu sein. Ich fand das gleichsam amüsant und deprimierend, wie man so früh am Tag schon so hinüber sein kann. Daraus entwickelte sich dann der Song „Saarbrooklyn“.

 

Wo hast Du bisher überall gelebt und wie bist Du nach Hamburg gekommen?

Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Karlsruhe, hatte ein schöne Jugend dort, wir probten teilweise an fünf Abenden in der Woche. Dann bin ich nach Mannheim gezogen, um dort drei Jahre lang Kommunikations- und Medienwissenschaften zu studieren. 2006 habe ich hier in der Ponybar zum ersten Mal in Hamburg gespielt und mich in diese Stadt verliebt. Ich hatte Lust nach Hamburg zu ziehen und da ich Tapete Records als Label bereits kannte und mochte, habe ich mich dort zum Praktikum beworben. Beides klappte, ich zog nach Hamburg. Dann dachte ich, in Saarbrücken meinen Master machen zu müssen, war fünf Tage dort, nie an der Uni, einmal in der Mensa, konnte mich einfach nicht aufraffen, vermisste Hamburg und kam deshalb wieder zurück.

 

Am 20.02. beginnt Deine Tour mit dem Auftakt im Hamburger Nochtspeicher. Was erwartet die Konzertbesucher?

Fein arrangierte Singer-Songwriter-Musik zum Lauschen. In Hamburg und Karlsruhe zudem mit Band. Tatsächlich mit alten Perry O’Parson-Bandmitgliedern, wir haben auch schon einige Male geprobt. Und auch ein paar neue Stücke wird es zu hören geben, da ich einen kreativen Schwung bekommen habe, nachdem die Produktion der Platte zu Ende war. Ich habe im Dezember schon ein paar Konzerte gespielt, wo allgemein eine sehr angenehme Stimmung herrschte.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Sehr gerne, hat mich sehr gefreut.

 

Marcel Gein auf Tour:

20.02.15 Hamburg – Nochtspeicher (erste Bandshow!)
06.03.15 Mainz/Schon schön (solo, support für Team Me)
07.03.15 Trassem/Walderlebniszentrum (solo)
08.03.15 Würzburg/Wunschlos Glücklich (solo)
19.03.15 Kiel/Prinz Willy (solo)
21.03.15 Stade/Hanse Song Festival (w Niels Frevert, Felix Meyer etc.)
22.03.15 Paderborn/Sputnik (solo)
24.03.15 Bielefeld/Desperado (solo)
27.03.15 Minden/Hamburger Hof (solo)
29.03.15 Karlsruhe/Jubez (mit Band)

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