Simon Reynolds: Rip It Up And Start Again – Postpunk 1978-1984

Simon Reynolds Rip It Up Again Cover Hannibal Verlag

Brillantes Werk von Simon Reynolds über die vielfältige Fortführung der Punkbewegung in neuer, erweiterter Auflage

von Sebastian Meißner

Punk war die folgenreichste Kulturrevolution der Siebzigerjahre. Die Nachbeben sind bis heute spürbar. So heftig es damals knallte, so schnell verwässerte aber auch das ursprüngliche Versprechen. Simon Reynolds, britischer Kulturjournalist und Sachbuchautor mit Wahlheimat in New York City, beschäftigt sich in „Rip It Up And Start Again“ mit der Musikergeneration, die nach dem Ende des Punk übernahm. Viele von ihnen hatten eine Ausbildung an Kunsthochschulen genossen und waren nicht nur mit Musik, sondern auch mit Literatur, Philosophie und Theater vertraut. In ihren Texten beschrieben sie die Trostlosigkeit der ehemals blühenden Industriestädte, wetterten gegen Rassismus oder besangen Jacques Derrida. Im Gegensatz zu den Punks vor ihnen hatten sie dabei keine Berührungsängste mit anderen Musikstilen und lehnten auch den Einsatz von Synthesizern nicht ab. Statt sich einer bestehenden Bewegung anzuschließen, entwickelten sie ihre eigene.

Startjahr: 1978

Simon Reynolds Rip It Up Again Cover Hannibal Verlag

Simon Reynolds beginnt seine Erzählung im Jahr 1978. Seine Herangehensweise hat dabei das Neue dieser Bewegung im Blick. Im Vorwort dieses Buches schreibt Klaus Walter: „Gegen die rockistisch wertkonservative Auffassung von Kontinuität betont Reynolds den Bruch, den Neuanfang, den Remix als ästhetische Matrix im Augenblick seiner technischen Machbarkeit. Folglich sind eben nicht „White Rot“ und „God Save The Queen“ die wichtigsten Singles des Punkjahres 1977, sondern „Trans Europa Express“ und „I Feel Love“.

Das Material sortiert Reynolds, indem er die sieben Jahre Zeitspanne in viele kleine Erzählungen aufteilt, die sich oft geografisch ableiten: die verschiedenen Szenen in verschiedenen Städten (No Wave in New York), Regionen (Cleveland und Akron in Ohio) oder Ländern (Schottland). Andere Kapitel konzentrieren sich auf ein Genre oder eine Richtung wie etwa Industrial, Synthpop oder New Pop. Weitere Kapitel sind nach Labels sortiert (2 Tone) oder fassen artverwandte Bands dieser Ära zusammen. Bei dieser Sortierung gelingt es Reynolds, weitgehend chronologisch vorzugehen und Reaktionen auf vorherige Entwicklungen aufzuzeigen.

Simon Reynolds hält die Fäden zusammen

Erstaunlich sind die Detailfülle, mit der Simon Reynolds seine Kapitel anzureichern weiß und sein popkulturelles Verständnis, das die Offensichtlichkeit deutlich übersteigt. Reynolds ist nicht einfach Dokumentarist dieser Zeit, sondern versteht es auch, sie zu analysieren, zu kontextualisieren und zu vervollständigen. Dabei setzt er nicht wie andere auf das durchaus bewährte Format der Oral History, sondern behält die Fäden selbst in der Hand. Mit Reynolds als Pilot fliegt man durch die Jahre und macht Zwischenstopps unter anderem bei John Lydon und PIL, Pere Ubu und Devo, den Lounge Wizards, Gang Of Four, Buzzcocks, Talking Heads, Dexy’s Midnight Runners, The Human League, The Fall und Joy Division, The Residents und Tuxedomoon, The Specials, Madness, ABC, Grace Jones, Black Flag, Bauhaus, Simple Minds, The B-52’s, U2 und Depeche Mode.

Neue, erweiterte Auflage

Simon Reynolds zeigt sich als toller Erzähler. Vor allem aber ist Reynolds ein glühender Fan dieser Musik. Das geht aus jeder seiner Zeilen hervor. Und das ist es auch, was die Wertschätzung für diese Künstlergruppen so betont und Lust macht, diese Musik aufzulegen. Im Nachtrag dieses Buches gibt es einen diskografischen Überblick sowie eine Chronik des Postpunk. Für mich ist dies eines der besten Bücher über Musik, die ich je gelesen habe. Die Neuauflage dieses Buches (die Erstauflage stammt von 2007) ist ein Segen.

Simon Reynolds: „Rip It Up And Start Again“, Hannibal Verlag,übersetzt von Conny Lösch, Kartoniert, 576 Seiten, 25 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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