Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen

Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen

Ein neuer, großartiger Roman von Scott Bradfield

 

von Gérard Otremba

scott bradfield die leuteWitz, Humor, Satire, gar die Groteske standen in den bisherigen Romanen des amerikanischen Autors Scott Bradfield genauso im Vordergrund wie seine klare und poetische Sprache. Bereits sein Debütroman „Die Geschichte der leuchtenden Bewegung“ (1989 im Original erschienen) war ein brillantes Meisterwerk, die Nachfolgewerke „Was läuft schief mit Amerika“, „Planet der Tiere“ und „Gute Mädchen haben’s schwer“ weitere literarische Nadelstiche ins Herz des modernen Amerika. Ähnlich wie im Roman „Die Geschichte der leuchtenden Bewegung“, in dem der an der Grenze zum Teenageralter stehende Philipp Davis seine persönliche bewegte Geschichte erlebt, spielt in „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ (2010 in der Originalausgabe „The people who watched her pass by“ veröffentlicht) wieder ein Kind die Hauptrolle. Die dreijährige Salome Jensen, kurz Sal, wird eines Tages vom Heißwasserboilerreparateur entführt. Kein Krimi, keine Lösegeldforderungen, sie bekommt schlichtweg einen neuen „Daddy“. Eine weitere Parallele zur „Die Geschichte der leuchtenden Bewegung“ zieht Bradfield mit dem Thema Mobilität. Während Philipp Davis mit seiner rastlosen Mutter durch Kalifornien streunt, wird Sal vom ihrem neuen „Daddy“ verlassen und begibt sich eigenständig auf eine gar seltsam anmutende Reise von Haus zu Haus, auf der Suche nach dem Glück. Sal taucht einfach auf, wird immer wieder von verschiedenen Personen vorübergehend quasi adoptiert, verlebt eine Zeit erneut mit „Neu-Daddy“, diesmal samt kleiner Schwester, wird sehr schnell geistig sehr erwachsen für ihr Alter, verbringt etliche Tage in der Wüste und wird danach als fast Heilige hofiert. Doch anfreunden kann sich Sal mit der Gesellschaft nicht. Scott Bradfield hat wieder viel hineingepackt in diesen zart-komischen Roman. „Die Leute, die sie vorübergehen sahen“ wird wohl nie die Berühmtheit vom „Fänger im Roggen“ erlangen, entwickelt vielleicht auch nicht den Furor von „Die Geschichte der leuchtenden Bewegung“, doch erneut gelingt dem 58-jährigen, in Kalifornien geborenen Schriftstellers ein vorzügliches Statement zur heutigen Zeit, dem lodernden Wahnsinn auf der Spur.

Scott Bradfield: Die Leute, die sie vorübergehen sahen, Residenz Verlag, Hardcover, 978-3-7017-1603-6, 21,90 €.

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