Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein

Sasha Marianna Salzmann erzählt im neuen Roman “Im Menschen muss alles herrlich sein” vom chaotisch schönen Menschendasein

“Im Menschen muss alles herrlich sein”, hieß es zu Sowjetzeiten und so nennt Sasha Marianna Salzmann den neuen Roman. Dort ist dieses Menschendasein vor allem chaotisch und durchbrochen von Wünschen, Hoffnung und Enttäuschungen. Es geht um die beiden Frauen Lena und Tatjana, ihren sehr unterschiedlichen und doch ähnlichen Leben in der Ukraine und es geht um das Leben danach. Nachdem sie ausgewandert sind und nachdem sie sich im Deutschland der 90er-Jahre zurecht finden mussten. Es umgibt vor allem Lena immer die Mischpoche und die anderen Ausgewanderten, die zwar damit ein Teil ihres Lebens sind, aber eben auch vieles unmöglich machen.

Dieser ersten Generation im anderen Land gelingt es nicht, sich frei zu strampeln vom alten Leben. Die heimliche Hauptgeschichte des Romans ist die Zeit der 70er-Jahre in der Ukraine, Lenas Kindheitsgeschichte, die komplizierte Beziehung zur schwerkranken Mutter und einem sehr stillen, manchmal unsichtbaren Vater. Hier will die Leser*in bleiben und den Sommer wieder und wieder in Sotschi bei der Großmutter und dann später im Ferienlager verbringen. Denn an diesen Orten werden Hoffnung und zarte Gefühle gelebt, die die Jugend aber nicht überstehen.

Von der Vergangenheit kommt auch die nächste Generation nicht los

Sasha Marianna Salzmann Im Menschen muss alles herrlich sein Cover Suhrkamp Verlag

Die nächste Generation, die Töchter von Tatjana und Lena, Nina und Edi, versuchen die Sowjetpatina, die die Eltern umgibt loszuwerden und ein eigenes Leben zu führen. Sie glauben nicht so recht an die Verbindung zu einem obskuren Früher, über das nicht geredet wird. Beide gehen ihren eigenen zurückgezogenen und suchenden Weg im Heute. Aber Erinnerungen und Erfahrungen werden doch irgendwie weiter gegeben. Auch wenn diese Erfahrungen vielleicht nie besprochen werden, sind sie in das Gewebe der nächsten Generation eingeflochten. Edis Herkunftsgeschichte, die bis zum Schluss vor ihr verschwiegen wird, darf nicht sein. Sie ist zu kompliziert, auch wenn es der angetrunkenen Mutter Lena zum Geburtstag fast von der Zunge hüpfen will und vielleicht ahnt Edi da schon etwas. Es sind die Frauen, auf denen das Augenmerk liegt. Sie sind diejenigen, die gehen und neu anfangen und weiter machen. Die Männer bleiben zurück, verschwinden oder leben im Schatten der Familie.

Sasha Marianne Salzmann schreibt Miniaturgemälde

Auch im zweiten Roman entwirft Sasha Marianna Salzmann mit dem Schreiben Miniaturgemälde. Wie durch ein Vergrößerungsglas schaut man auf ein Sprachbild, das seinesgleichen sucht. “Vor Lenas Augen tanzten zwei schwarze Mähnen, die sich wie Münder schüttelten, Münder mit löchriger Milchzahnpartie tauchten auf, dünne, von der Sonne und vom Staub wie Bronze gefärbte Arme flogen durch die Luft – Artjom und Lika tobten im Sägemehl…” Da kann man hinein sinken und taucht irgendwo im Dnieper in der Ostukraine wieder auf und mit dem nächsten Atemzug läuft man mit zerschlissenen Adidas-Turnschuhen durch Moskau, um schließlich in Erfurt und Berlin zu landen. Salzmann wirbelt die Protagonist*innen durch Raum und Zeit und vor allem durch die menschlichen, manchmal unzumutbaren Gefühlsausbrüche, Beziehungen und Gesellschaftsumbrüche, dass es die Leser*in schwindelt und es ist eine Freude. “Im Menschen muss alles herrlich sein” steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2021.

Sasha Marianna Salzmann: “Im Menschen muss alles herrlich sein”, Suhrkamp Verlag, Hardcover, 384 Seiten, 978-3-518-43010-1, 24 Euro. (Beitragsbild-Credit: Heike Steinweg, Suhrkamp Verlag)

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