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15. Mai 2026Die Liedermacherin Sarah Lesch im Sounds & Books-Interview zu ihrem neuen Album „Poesie & Widerstand“.
Interview von Mia Lada-Klein
Sarah Leschs neues Album „Poesie & Widerstand“ erschien am 20. März 2026 und liefert schon im Titel eine ziemlich treffende Selbstbeschreibung mit. Seit Jahren steht sie als Liedermacherin für Songs mit erzählerischem Anspruch und gilt als eine Art deutsche Suzanne Vega oder Patti Smith.
Gleichzeitig ist Sarah Lesch niemand, der es sich im eigenen Genre gemütlich macht. Spätestens seit der Single „Kein Vaterland“ mit der Punkband Alarmsignal sollte klar sein, dass hier keine reine Lagerfeuerstimmung gepflegt wird. SarahLesch ist eine Stimme ihrer Zeit, die Missstände benennt, ohne sich in Parolen zu verlieren, und die Unangenehmes lieber in Poesie verpackt als in erhobene Zeigefinger.
Im Interview gibt sie Einblicke in „Poesie & Widerstand“ und spricht über Songs, die mehr transportieren, als beim ersten Hören offensichtlich ist. Zwischen den Zeilen wird es dabei stellenweise sogar ein wenig privat. Ganz kurz öffnet Sarah Lesch ein kleines Fenster in ihre ganz persönliche Welt, gerade weit genug für einen kurzen Einblick.
Dein neues Album heißt „Poesie & Widerstand“. Was bedeutet Widerstand für dich ganz konkret im Jahr 2026?
Sarah Lesch: Viele verbinden mit Widerstand ja sofort Lautstärke, Aufstand oder Protest im klassischen Sinne. Das merke ich immer wieder, wenn ich mit Leuten darüber spreche. Für mich ist es aber gerade nicht das. 2026 ist für mich natürlich eine politisch aufgeladene Zeit, mit vielen Umbrüchen, die uns alle betreffen. Gleichzeitig ist es aber auch ein sehr persönliches Jahr, weil ich 40 geworden bin und sich da noch einmal viel verschiebt. Widerstand bedeutet für mich im Moment eher, sich verletzlich zu zeigen. Also offen zu sein, in echte Resonanz zu gehen, sich nicht hinter einer glatten Oberfläche zu verstecken. Gerade in Zeiten, in denen Kommunikation im Internet immer gefilterter und „perfekter“ wird, geht dieser echte Kontakt oft verloren. Widerstand ist für mich deshalb auch, zu sagen: Ich weiß gerade nicht weiter, kannst du mir helfen? Oder: Das, was du sagst, tut mir weh. Das sind kleine, aber sehr grundlegende Formen von Widerstand. Es geht um Reibung, um das echte Gegenüber. Widerstand bedeutet ja auch, dass da etwas ist, woran man sich reibt, dass man nicht ins Leere greift. Und genau darin liegt auch Wärme. Für mich sind das im Moment eher diese leisen, aber sehr ehrlichen Momente. Und dann gibt es noch den Widerstand in der Poesie selbst. Diese kleinen Widerhaken in Texten, wo man bewusst eine Stelle setzt, die kurz irritiert oder zum Nachdenken zwingt. So ein „Moment mal, darüber müssen wir reden“. Das finde ich gerade eine sehr kraftvolle Form von Widerstand, gerade wenn man vielleicht gar nicht mehr genau weiß, welche Mittel einem sonst noch zur Verfügung stehen. Dann ist es manchmal klüger, sich zu biegen, statt zu brechen.
Das spiegelt sich auch in deinen Songs wider. Gerade „Plädoyer“ setzt ja relativ früh auf dem Album ein starkes, zumindest politisch lesbares Statement. Wie viel Mut braucht es heute, solche Songs zu veröffentlichen, in einer Zeit, in der jedes Wort sofort kommentiert und oft auch angegriffen wird?
Sarah Lesch: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, weil es stark davon abhängt, aus welcher Perspektive man spricht. Wir haben hier in Deutschland unglaublich viele Privilegien und können sehr viel sagen, was in anderen Ländern nicht möglich wäre. Das darf man nicht vergessen. Gleichzeitig gibt es natürlich auch hier Grenzen, vor allem für marginalisierte Gruppen. Und da wird es dann sehr schnell sehr schwierig. Ich habe das selbst bei meinen letzten Alben gemerkt, besonders bei „Triggerwarnung“ und „Gute Nachrichten“ wo ich Themen sehr direkt angesprochen habe. Da kam teilweise eine Welle an Hass zurück, die mich schon erschreckt hat. Vor allem bei Themen wie Geschlechterrollen oder sexualisierte Gewalt merkt man, wie schnell das eskaliert. Das sind oft Stellvertreterkonflikte, in denen es eigentlich um Macht, Privilegien und gesellschaftliche Veränderungen geht. Und diese Veränderungen machen vielen Menschen Angst.
Hat sich dadurch auch dein Zugang zum Schreiben verändert?
Sarah Lesch: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich in dem Zusammenhang viel mit Liedermachern aus der DDR beschäftigt, zum Beispiel mit Gerhard Schöne. Die hatten einen ganz anderen Zugang zu Sprache, weil sie vieles nicht direkt sagen durften. Daraus ist eine sehr poetische, indirekte Form des Widerstands entstanden. Das finde ich unglaublich spannend. Diese Fähigkeit, Dinge so zu formulieren, dass sie zwischen den Zeilen passieren und trotzdem sehr klar sind. Da gibt es dieses Bild von einem Wellensittich, der von Spatzen angegriffen wird, weil er anders ist. Das ist auf den ersten Blick eine kleine Geschichte, aber sie sagt unglaublich viel über Ausgrenzung und Gesellschaft aus. Und ich glaube, genau das hat sich auch auf meinem neuen Album wiedergefunden. Es ist weniger konkret als vielleicht frühere Sachen, weniger direkt an einzelnen Themen entlang erzählt, aber trotzdem nicht beliebig oder weichgespült. Es ist eher eine Verdichtung, ein Versuch, den Kern zu treffen.
Also weniger laut, aber nicht weniger klar?
Sarah Lesch: Genau. Es ist vielleicht nicht brachial, aber es ist deutlich. Und das finde ich gerade einen guten Weg. Gleichzeitig will ich aber auch ehrlich sein: Natürlich schützt man sich irgendwann auch selbst. Wenn man mit bestimmten Themen immer wieder rausgeht und dafür massiv angegriffen wird, überlegt man sich irgendwann, ob man sich dem noch einmal aussetzt. Ich merke das bei mir gerade schon, dass ich in manchen Debatten denke: Ich könnte jetzt viel sagen, aber ich muss auch auf mich achten. Das heißt aber nicht, dass das so bleibt. Es kann genauso gut sein, dass ich irgendwann wieder ganz anders arbeite, vielleicht wieder viel direkter, vielleicht sogar radikaler. Das ist bei mir nie festgelegt.
Sarah Lesch: Zwischen Verletzlichkeit, Wahrheit und Öffentlichkeit
Ich musste bei deinem Song „Verschlafene Trauer“ auch daran denken, wie verletzlich und intim diese Art von Musik ist. Gerade in der heutigen Zeit stellt sich ja unweigerlich die Frage: Wie gehst du damit um, so persönliche Gefühle öffentlich zu machen? Man macht sich damit ja auch angreifbar.
Sarah Lesch: Ja und nein. Ich glaube, es gibt Themen, bei denen mir das gar nicht so schwerfällt. Wenn es um Liebe, Verlust oder Trauer geht, dann sind das Erfahrungen, die uns alle betreffen. Das sind keine exklusiven Gefühle, sondern etwas zutiefst Menschliches. Und genau deshalb erlebe ich es eher als erleichternd, darüber zu sprechen. Oft ist es sogar so, dass Menschen durch solche Songs Zugang zu ihren eigenen Gefühlen bekommen. Dass sie merken: Ich bin damit nicht allein. Und dieses Gefühl von Verbindung ist für mich etwas sehr Schönes. Es gibt einfach Themen, die sind wie Räume, die jeder irgendwann betritt, egal wer man ist oder wie man lebt.
Also eher ein verbindender Moment als ein Risiko?
Sarah Lesch: Genau. Schwieriger wird es bei Themen, bei denen Machtverhältnisse eine Rolle spielen. Wenn man selbst von Diskriminierung, Gewalt oder Ungleichheit betroffen ist und darüber spricht, dann ist das eine ganz andere Situation. Da trifft man oft auf Menschen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben und auch kein Gefühl dafür entwickeln konnten. Das kann dann sehr frustrierend sein, weil das Gegenüber nicht die gleiche Sensibilität mitbringt. Gerade bei Themen wie Geschlechterrollen oder struktureller Ungleichheit merkt man das stark. Wenn jemand aus einer privilegierten Position kommt und gleichzeitig gelernt hat, Emotionen eher zu unterdrücken, wird es schwierig, auf einer gemeinsamen Ebene zu kommunizieren.
Führt das dazu, dass du dich beim Schreiben oder Formulieren manchmal zurücknimmst?
Sarah Lesch: Ich würde nicht sagen, dass ich mich grundsätzlich zurücknehme, aber ich bin mir der Dynamiken bewusster geworden. Trotzdem glaube ich, dass es immer einen Weg gibt, eine Mitte zu finden. Einen Zugang, der Menschen erreicht, auch wenn sie unterschiedlich geprägt sind. Und letztlich liegt es auch in meinem Wesen. Ich bin ein Mensch, der Dinge aussprechen muss. Für mich ist das fast schon ein innerer Zwang, aber auch eine Überzeugung. Ich glaube, die stärkste Form von Widerstand ist immer noch, die Wahrheit zu sagen. Einfach auszusprechen, was ist.
Sarah Lesch: Humor, Rollenbilder und Selbstermächtigung
Bei deinem Song „Die allerschönste Frau der Stadt“ hatte ich direkt das Gefühl, dass viel mit Ironie und Rollenbildern gespielt wird. Humor kann ja auch eine Form von Widerstand sein. Ist der Song eher humorvoll gemeint, oder steckt dahinter auch eine klare Kritik? Gerade wenn es darum geht, wie Frauen gesellschaftlich oft wahrgenommen und bewertet werden? Ich selbst, als Frau, die natürlich auch mit Selbstzweifeln lebt und sich, ob bewusst oder unbewusst, mit anderen vergleicht, hatte viele Assoziationen beim Hören. Vor allem der Gedanke, dass Frauen noch immer stark auf ihr Äußeres reduziert werden, kam mir dabei. Das ist ja nach wie vor so.
Sarah Lesch: Ich glaube, es ist immer eine Mischung. In Humor steckt fast immer auch ein kleiner Hieb, eine Wahrheit, die mitschwingt. Und bei diesem Song ist das auf jeden Fall so. Das, was du beschreibst, kann ich total nachvollziehen. Ich glaube, es geht unglaublich vielen Frauen so, dass sie das Gefühl haben, immer wieder auf ihr Äußeres reduziert zu werden. Egal, was man leistet, was man erschafft oder wie viel man gibt, sei es künstlerisch oder auch im ganz Alltäglichen, zum Beispiel in Form von Care-Arbeit. Am Ende wird oft trotzdem zuerst bewertet, wie man aussieht. Und das ist etwas, das sich tief einprägt. Natürlich führt das auch dazu, dass man selbst anfängt, sich in diese Muster zu begeben. Ich kenne das von mir auch, dass ich meinen Körper an Punkte gebracht habe, wo ich dachte: Wenn ich das jetzt erreiche, dann ist es gut. Aber es ist nie gut. Es gibt immer etwas, das nicht passt.
Also auch eine sehr persönliche Erfahrung, die da mitschwingt?
Sarah Lesch: Absolut. Dieser Druck ist real und er ist ständig da. Dieses Gefühl, unterschätzt zu werden oder nicht ernst genommen zu werden. Gleichzeitig habe ich aber auch eine andere Seite in mir. Ich habe so eine sehr kämpferische, direkte Seite. Ich sage, was ich denke, ich gehe in Diskussionen, ich will auf Augenhöhe sein. Und genau dieses Spannungsfeld finde ich interessant. Ich habe mich viel mit Literatur beschäftigt, auch mit Autoren wie Kurt Tucholsky, der schon zu seiner Zeit gesellschaftliche Rollenbilder sehr klug und oft satirisch hinterfragt hat. Da steckt viel Inspiration drin. Diese Art, Dinge zuzuspitzen und gleichzeitig zugänglich zu machen.
Der Song wirkt stellenweise fast wie ein Gegenentwurf zu klassischen Erwartungen!
Sarah Lesch: Ja, total. Ich habe oft dieses Bild im Kopf von Männern, die ganz selbstverständlich Raum einnehmen. Die am Strand stehen, ihren Bauch rausstrecken und in die Ferne schauen, als würde ihnen die Welt gehören. Und ich denke mir: Genau dieses Gefühl möchte ich auch haben. Diese Selbstverständlichkeit. Warum sollte ich als Frau nicht genauso auftreten dürfen? Warum sollte ich mich ständig hinterfragen oder zurücknehmen? Ich möchte mir davon etwas abschauen. Nicht im Sinne von Kopieren, sondern im Sinne von Selbstermächtigung.
Also auch ein spielerisches Manifest?
Sarah Lesch: Vielleicht ist es auch ein Versuch, mir selbst etwas zu erlauben. Zu sagen: Ich darf das. Ich darf mich wohlfühlen, egal wie ich aussehe. Ich darf Lust empfinden, ich darf Bedürfnisse haben, ich darf laut sein. Mein Körper ist einfach ein Körper. Er ist lebendig, er verändert sich, er ist nicht perfekt und muss es auch nicht sein. Und gleichzeitig geht es auch darum, die Perspektive zu öffnen. Männer sind ja genauso gefangen in Rollenbildern. Viele von ihnen haben nie gelernt, Schwäche zu zeigen oder über Gefühle zu sprechen. Dabei steckt in jedem Menschen viel mehr als diese zugeschriebenen Rollen.
Also am Ende ein Plädoyer für mehr Freiheit auf beiden Seiten?
Sarah Lesch: Genau. Für mehr Ehrlichkeit, mehr Vielfalt und auch mehr Gelassenheit. Wenn man es runterbricht, sind viele dieser Themen irgendwann gar nicht mehr so wichtig. Wir werden alle älter, unsere Körper verändern sich, Prioritäten verschieben sich. Und am Ende zählt doch eher, ob man lachen kann, ob man verbunden ist mit anderen Menschen. Wenn ein Song dazu beitragen kann, diese Perspektive ein kleines bisschen zu verschieben, dann ist schon viel gewonnen.
Altersshaming ist gerade wieder sehr präsent in der Gesellschaft, vor allem bei Frauen. Dabei ist älter werden doch eigentlich ein Privileg. Viele Menschen erreichen 30, 40, 50 gar nicht und hätten noch viel Leben vor sich. Trotzdem wird das kaum als etwas Positives gesehen. Wie siehst du das?
Sarah Lesch: Ja, das ist total traurig, aber auch sehr wahr. Und ich glaube, wir vergessen dabei etwas ganz Entscheidendes: Älter werden ist nicht nur ein Privileg, es ist auch eine Qualität. Wenn man 50, 60 oder 70 Jahre Lebenserfahrung hat, dann trägt man etwas in sich, das unglaublich wertvoll ist. Natürlich erwischt mich das auch selbst. Ich creme mich ein, ich schaue in den Spiegel und denke manchmal: Was soll das jetzt alles? Oder ich merke plötzlich, ich bin 40 und das fühlt sich erstmal fremd an. Aber gleichzeitig würde ich niemals sagen, dass ich wieder 10 Jahre jünger sein möchte. Ich war in vielen Phasen meines Lebens nicht glücklicher als heute.
Also eher eine Entwicklung hin zu mehr Akzeptanz?
Sarah Lesch: Ja, und auch zu mehr Wertschätzung. Ich finde es schön, älter zu werden. Ich merke, dass ich Menschen Dinge weitergeben kann. Dass ich liebevoller mit jüngeren Menschen umgehen kann oder auch Großmut entwickle. Und ich merke gleichzeitig, wie es sich anfühlt, wenn man selbst nicht mehr automatisch ernst genommen wird von Jüngeren. Das ist spannend, weil man dadurch auch versteht, wie es älteren Menschen oft ging, als man selbst jünger war. Man denkt plötzlich zurück und versteht Reaktionen ganz anders. Und man merkt, wie respektlos wir oft miteinander umgehen und wie wenig wir das Altern eigentlich feiern. Ich möchte auf jeden Fall jemand sein, der sein Alter zeigt. Der sich nicht versteckt. Der trotzdem lustvoll, fröhlich und lebendig bleibt. Auch wenn das im Alltag nicht immer leicht ist.
Weil der Druck ja trotzdem da ist, gerade in den sozialen Medien?
Sarah Lesch: Total. Es ist ein ständiger Kampf. Du postest ein Bild und denkst sofort darüber nach, wie es wirkt, wie du aussiehst, was andere denken könnten. Diese Stimmen sind sehr laut. Umso wichtiger finde ich es, das auch zu thematisieren. Auch auf der Bühne oder in Songs. Allein darüber zu sprechen nimmt schon Druck raus. Und es hilft mir selbst, mich daran zu erinnern, dass ich mich nicht schämen muss. Dass wir alle Körper haben, die sich verändern, die nicht perfekt sind und es auch nicht sein müssen.
Ich musste gerade an eine Filmszene denken. In Chocolat gibt es diese ältere Frau mit grauen Haaren, ganz natürlich, ohne Eingriffe, und sie wirkt einfach unglaublich schön. Diese Form von Schönheit wird oft vergessen.
Sarah Lesch: Ja, genau das ist es. Wenn man solche Menschen wirklich vor sich hat, dann merkt man, wie absurd unsere fixen Schönheitsbilder sind. Ich glaube sehr an „you can be what you can see“. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit für genau diese Formen von Schönheit. Ich habe auch meine eigenen Vorbilder. Patti Smith zum Beispiel. Wenn ich manchmal hadere, schaue ich sie mir an und denke: Genau so kann Altern aussehen. Stark, frei, kreativ, nicht angepasst. Und das gibt mir total viel Kraft.
Also auch eine Frage von Vorbildern und Perspektiven?
Sarah Lesch: Und auch eine Frage von Mut. Wenn man selbst sichtbar bleibt, hilft man automatisch anderen. Und das gilt nicht nur für Alter, sondern generell für Körper, Identität und Selbstbild. Ich finde es wichtig zu verstehen, dass jeder Mensch seinen Körper und seine Identität selbst definieren darf. Egal ob jemand operiert ist, transitioniert, queer ist oder einfach nur seinen eigenen Weg geht. Wir wissen nie, warum Menschen Entscheidungen treffen. Und trotzdem wird ständig geurteilt.
Und oft sind diese Urteile ja auch ein Spiegel von uns selbst.
Sarah Lesch: Ja, sehr oft sind das innere Stimmen, die nach außen projiziert werden. Und genau deshalb finde ich es so wichtig, bewusster damit umzugehen.
Musik als Raum für Begegnung und Reibung
Welche Rolle kann Musik heute überhaupt noch in gesellschaftlichen Debatten spielen? Viele deiner Songs wirken ja eher wie leise Appelle als wie laute Parolen. Kann Kunst überhaupt noch etwas verändern?
Sarah Lesch: Ich glaube sogar, dass das eine der wichtigsten Rollen überhaupt ist. Kunst und Musik schaffen Orte, an denen es nicht darum geht, was du leistest, was du arbeitest oder wie du funktionierst. Es geht einfach darum, gemeinsam zu sein, etwas zu fühlen, in Kontakt zu kommen. Das ist unglaublich wichtig. Vielleicht sogar die einzige echte Brücke, die wir noch haben. Wir müssen aus den Köpfen raus und wieder mehr ins Herz, mehr ins Leben, mehr in echte Begegnung. Und Musik ist da etwas sehr Heilsames. Für die, die sie machen, genauso wie für die, die sie hören. Ich finde nur, dass wir das in unserer Gesellschaft oft unterschätzen. Gerade in Deutschland ist dieses Verständnis von Kunst als etwas wirklich Relevantes nicht so stark verankert, wie es sein könnte. Das hängt auch damit zusammen, dass alles, was weich, sozial oder verbindend ist, schnell abgewertet wird. Und das ist ein Problem, weil genau diese Dinge eigentlich unglaublich wichtig sind. Gerade auch in Zeiten von Konflikten oder gesellschaftlicher Spaltung. Ich glaube, wir brauchen diese Räume viel stärker. Und ich würde mir wünschen, dass solche Räume nicht immer an Geld gekoppelt sind. Dass man nicht erst bezahlen muss, um Musik zu erleben oder um Kunst zu machen. Und dass Menschen, die kreativ arbeiten, wirklich von ihrer Arbeit leben können, ohne sich noch irgendwo anders aufreiben zu müssen. Das ist etwas, das wir als Gesellschaft neu denken müssen.
Das ist ein wichtiger Punkt. Und wenn wir schon beim Thema Wandel sind: Dein Publikum wächst ja mit dir mit. Hast du das Gefühl, dass sich dein Publikum in den letzten Jahren verändert hat? Vielleicht politischer, sensibler oder auch anders im Umgang mit Themen wie Mental Health?
Sarah Lesch: Ich habe eher das Gefühl, dass mein Publikum insgesamt weniger greifbar geworden ist. Durch Social Media und auch durch die Pandemie hat sich vieles auseinandergezogen. Ich habe das Gefühl, dass ich manche Menschen ein Stück weit verloren habe, weil man sich einfach nicht mehr so direkt begegnet. Früher, gerade in den Anfangszeiten von Facebook, hatte man noch stärker das Gefühl, eine Community zu sehen, zu spüren, zu greifen. Heute ist das viel fragmentierter. Was sich inhaltlich verändert hat, ist schwierig zu sagen, weil mein Publikum schon immer sehr gemischt war. Aber ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, dass Menschen Dinge sehr unterschiedlich interpretieren. Gerade während der Pandemie hat sich das noch einmal zugespitzt. Als ich zum Beispiel öffentlich gesagt habe, dass ich mich habe impfen lassen, gab es einerseits viel Zustimmung, aber auch heftige Reaktionen. Das hat mir gezeigt, wie schnell sich Lager bilden können. Und auch bei feministischen Themen war ich das gewohnt, aber als es dann um Themen wie Pronomen oder geschlechtliche Identität ging, war plötzlich eine Grenze erreicht, die mich ehrlich gesagt erschreckt hat. Da habe ich gemerkt, wie schnell Dinge kippen können, selbst bei Menschen, die vorher lange Teil des Publikums waren.
Hat dich das verändert?
Sarah Lesch: Es hat mich zumindest sensibler gemacht für diese Dynamiken. Und auch vorsichtiger in manchen Momenten. Gleichzeitig gibt es aber auch etwas sehr Schönes: Ich erlebe immer wieder, dass Menschen, die vielleicht nicht mit allem einverstanden sind, trotzdem zu Konzerten kommen, zuhören, sich einlassen. Da entsteht dann so etwas wie eine ambivalente Beziehung. Und ehrlich gesagt finde ich das gar nicht schlecht. Lieber diese Reibung als komplette Gleichgültigkeit. Aber klar, die Veränderungen in der Gesellschaft spiegeln sich auch in meinem Publikum wider. Und natürlich hoffe ich, dass Konzerte und Kultur insgesamt wieder stärker werden, dass Räume voller werden, dass Menschen wieder mehr gemeinsam erleben. Das ist gerade für viele Künstlerinnen und Künstler eine echte Herausforderung.




