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6. Januar 2026Bis zur drastischen Konsequenz: In ihrem exzellenten Roman „Bemühungspflicht“ seziert Sandra Weihs das Sozialsystem
von Gérard Otremba
Manfred Gruber versteht die Welt nicht mehr. Der Mittfünfziger ist auf Sozialhilfe angewiesen, kann sich aber den Orangensaft im Supermarkt nicht mehr leisten. Sein Konto ist leer, die staatliche Unterstützung noch nicht überwiesen, obwohl er alle Unterlagen rechtzeitig eingereicht hat und seiner Meinung nach auch sonst der „Bemühungspflicht“ um einen neuen Job nachgekommen ist. Allerdings immer wieder ein aussichtsloses Bemühen, in eine sozialversicherungspflichtige Arbeit zu kommen, zu alt, zu gebrechlich, um noch irgendwo in Schicht schuften zu können. Und auch zu eigenwillig. Denn Manfred Gruber hat es satt, sich herumkommandieren zu lassen, Befehle entgegenzunehmen, sich in das System einzupassen, ein System, das nur nach Regeln anderer läuft und der Weg zu einer Glücksverheißung für einen Mann wie ihn ein viel zu beschwerlicher.
Das Haus und die Konsequenzen
Metzger hat er gelernt, ein Job, den er nie wollte, der ihm keinen Spaß gemacht hat. Im familieneigenen Haus hat er seine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt, das Verhältnis zu seinem Sohn erweist sich als ein schwieriges, von seiner Frau lebt er schon länger getrennt. Bei der Arbeit im Garten des Hauses fühlt er sich wohl, ein eigenes Refugium, in das ihn niemand reinredet. Das in der Zwischenzeit doch sehr heruntergekommene Haus soll auf seinen Sohn übergehen, der dieses Erbe indes so gar nicht haben möchte. Und nun droht das Amt bei unkooperativen Verhalten mit der Pfändung des Hauses. Spätestens hier sieht Gruber das Fass als übergelaufen an. Die Abgabe des Hauses an die Behörde muss er auf jeden Fall verhindern und scheut in letzter Konsequenz auch nicht vor drastisch-dramatischen Mitteln zurück, die sogar für Medieninteresse sorgen.
Sandra Weihs deckt auf
Sandra Weihs, die 2015 mit „Das grenzenlose Und“ als Schriftstellerin debütierte, hat mit „Bemühungspflicht“ eine literarische Anklage gegen ein in großen Teilen auf den Schultern der Armen und Schwachen ausgetragenes Sozialsystem geschrieben. Die österreichische Autorin und Sozialarbeiterin geht dabei sehr behutsam vor, erhebt nicht ständig den moralischen Zeigefinger, deckt aber nachdrücklich die nicht nur bürokratischen Hindernisse auf, denen Sozialhilfeempfänger ausgesetzt sind. Obwohl 2019 in Österreich spielend, lässt sich der Inhalt mühelos ins Deutschland des Jahres 2026 übertragen. Nun, wo die Bundesregierung das Bürgergeld in eine Grundsicherung umwandelt und den Druck mit verschärften Regularien auf die Empfänger erhöht, kann man sich die Manfred Grubers in diesem System sehr gut vorstellen. Sandra Weihs hat mit ihm nicht unbedingt einen Sozialhilfeempfängersympathieträger als Hauptfigur ihres Romans erfunden, denn dieser eher verschlossene und mürrisch wirkende Mensch eckt gerne an und schreibt ständig Beschwerdebriefe. Aber: Aus nachvollziehbaren Gründen.
Pflichtlektüre für Politiker
Nicht minder interessant wie die Darstellung des Lebens ihres Protagonisten, bleibt die von Sandra Weihs eingenommene Multiperspektivität als Erzählform. Hauptsächlich aus der Sicht der Sozialarbeiterin geschildert, die Manfred Gruber von seiner Mitarbeit überzeugen soll, zwischenzeitlich dürfen Nachbarn den Medienvertretern ihre Sicht über Gruber mitteilen. Weihs pendelt also zwischen objektiver Distanz und persönlicher Nähe und bleibt dabei nicht stur an der Person Grubers hängen. Dieses Buch sollte ab sofort Pflichtlektüre für alle Bundestagsabgeordnete sein. Vielleicht ließe sich nach der Lektüre noch etwas bewirken bezüglich Bürgergeld und Grundsicherung und den vielen zweifelhaften Maßnahmen. Die Sozialarbeiterin, die Gruber betreut, als Alleinerziehende mit einem eher geringen Verdienst mehr schlecht als recht über die Runden kommt und selbst zu den Systembenachteiligten gehört, hat auch einen vernünftigen Vorschlag für die Politiker zur Verbesserung der Verhältnisse: „Die Lösung wäre: Verteilungsgerechtigkeit. Ich sag’s nur.“ Ein unbedingt empfehlenswerter Roman.
Sandra Weihs: „Bemühungspflicht“, Frankfurter Verlagsanstalt, Hardcover, 256 Seiten, 978-3-627-00333-3, 24 Euro (Beitragsbild von Silke Bogenberger)





