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18. Dezember 2024Ein mitreißender literarischer Ritt auf der Rasierklinge: In „Vor der Nacht“, dem neuen Roman von Salih Jamal, geht es um alles.
von Gérard Otremba
Mit welcher Intensität Salih Jamal schreiben und Charaktere entwickeln kann, bewies er bereits 2021 mit seinem von uns rezensierten Verlags-Debüt „Das perfekte Grau“. Keinen einfachen Stoff suchte sich Jamal aus und diesen Faden nimmt der in Düsseldorf lebende Schriftsteller für sein neues Werk „Vor der Nacht“ auf. Setting, Namen und Alter der Protagonisten sind andere, einer zerbrechlichen Schicksalsgemeinschaft begegnen wir aber erneut. Und Salih Jamal setzt noch einen drauf und erhöht die Leidenschaft seines Erzählens.
Verbundenheit unter Heimkindern
Aus der Erwachsenenperspektive erinnert sich Jonas, ab einem bestimmten Zeitpunkt Jimmy genannt, an sein Leben, das er nach dem Tod seiner Mutter und dem Aufenthalt seines Vaters im Gefängnis als Heimkind verbringt. Dort lernt er Frei, Lilly, Beria, Sinan und den von allen „Pappel“ gerufenen Ilan kennen. Alle haben traumatische Erfahrungen erlebt, alle ticken sehr unterschiedlich und finden sich doch in regelmäßigen Ritualabenden zusammen. Und sind miteinander verbunden. „Die kurze lügnerische Sehnsucht, dass alles wieder gut werden, und die Gewissheit, dass es nie mehr so sein würde, einte uns. Wir passten aufeinander auf. Vielleicht weil wir sonst niemanden hatten und um das Unglück des anderen wussten.“ Meinte das Leben es bis dahin schon nicht gut mit Jamals Protagonisten, bleibt es ihnen auch fortan alles andere als gewogen. Eines Tages verschwinden Frei und Sinan spurlos und bald sind Jimmy und Pappel alt genug und aus dem Heim zu ziehen und eine Zweier-WG zu gründen.
Die poetisch-impulsive Sprache von Salih Jamal
Während Jimmy zu einem Schriftsteller avanciert, führt Pappel ein hedonistisch-gefährliches Privatleben mit tragischem Ausgang. Nach Jahren trifft Jimmy zufällig Lilly wieder und auch die anderen ehemaligen Heimfreunde kreuzen seinen Weg, weitere Dramen inklusive. Das obsessive Leben seiner (Anti-)Helden fängt Salih Jamal mit einer poetisch-impulsiven Sprache ein. „Vor der Nacht“ gerät somit zu einem mitreißenden literarischen Ritt auf der Rasierklinge. Ein Roman, in dem es um alles geht. Um den Sinn des Lebens, die große Schuldfrage, um Träume und Sehnsüchte. Gleichzeitig liefert Jamal einen kleinen historischen Abriss samt passender Musiktitel von den 80er- bis zu den Nuller-Jahren. Das alles erzählt er mit Verve und kaum aushaltbarer Dringlichkeit. Wer bisher noch nichts von Salih Jamal gelesen hat, der sollte bei „Vor der Nacht“ endlich zugreifen. Eine mehr als lohnenswerte Lektüre.
Salih Jamal: „Vor der Nacht“, Leykam Verlag, Hardcover, 320 Seiten, 978-3-7011-8352-4, 25,50 Euro. (Beitragsbild: Nicole Friederichs)





