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8. Dezember 2025Rudi Esch setzt mit „Spaß muss sein“ dem Schlager der Siebzigerjahre ein Denkmal
von Gérard Otremba
Der Schlager als solcher hinterlässt unter Freunden der gepflegten Popmusik einen eher negativ konnotierten Eindruck. Hört man sich Lieder der aktuellen Schlagszene an, so teile ich diese Sicht (von sehr, sehr wenigen Ausnahmen abgesehen). Ganz anders verhält es sich indes mit den Schlagern der Siebzigerjahre. Sehr viele der damaligen Hits sind eingedeutschte Coverversionen ausländischer Popsongs, von Jürgen Drews („Ein Bett im Kornfeld“) über Howard Carpendale („Ti Amo“) bis hin zu Juliane Werding („Am Tag, als Conny Kramer starb“), für die sogar die Americana-Heroen The Band das Original lieferten. Und war es kein Cover, so gewann man auch mal den ESC wie Vicky Leandros 1972 mit „Après toi“ für Luxemburg (deutsche Fassung „Dann kamst du“).
Hier ist Berlin
In diese Schlagerwelt der Siebziger führt uns Rudi Esch mit seinem Buch „Spaß muss sein“ ein. Der 1966 in Düsseldorf geborene Musiker (u.a. Bassist bei den Krupps) und Autor hat für sein neues Werk über sechzig exklusive Gespräche geführt, diese in Schriftform übertragen und lässt die Interviewten direkt mittels einer Oral History zu Wort kommen. Rudi Esch geht dabei chronologisch vor und weil die Schlager der Siebziger nicht plötzlich im Jahr 1970 vom Himmel fielen und der Berliner Hansa-Verlag (Records, Studios, dort wo u.a. auch David Bowie aufnahm) eine entscheidende Rolle in der Verbreitung der Schlagermusik jenes Jahrzehnts inne hatte, beginnt das Buch in den Sechzigern und verbleibt gut hundert der fast 500 Seiten im Jahr 1969, in dem die ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck als wichtige Vermarktungsinstanz startete und Christian Anders mit „Geh‘ nicht vorbei“ sowie Michael Holm mit „Mendocino“ (noch so ein berühmter Coversong) Riesenhits landeten.
Rudi Esch lässt erzählen
Holm und Anders gehören ebenso zu den Interviewten wie diverse Komponisten, Arrangeure und Autoren, von Christian Bruhn über Christian Heilburg bis hin zu Joachim Heider und Frank Farian. Sie und weitere prägende Personen des deutschen Schlagers wie Peter Orloff, Cindy Berger und Ralph Siegel erinnern sich an die Hochzeit des Genres, als noch ganze Orchester (sofern für die einzelnen Lieder nötig) für die Aufnahmen engagiert worden sind. Ihre Ausführungen sind so unterhaltsam wie die mit ihnen entstandenen Lieder. Da scheint Rudi Esch die genau richtigen Fragen gestellt zu haben, um seine Gesprächspartner auch mal aus der Reserve zu locken. Letztlich erinnerten sich wohl ganz gerne an diese Zeit. Bis auf Gitte. Die aus Dänemark stammende Sängerin (u.a. „Ich hab‘ die liebe verspielt in Monte Carlo“) mit Jazz-Hintergrund fühlte sich nach eigenen Angaben offensichtlich so gar nicht wohl unter den deutschen Schlagermenschen. Ihre Kommentare muten wie ein running gag in diesem Buch an, denn es ist gewiss, immer wenn Gitte zu Wort kommt, hat sie Negatives zu berichten.
Über die Musik hinaus, die auch am München-Disco-Sound sowie die weltweit erfolgreiche Band Boney M. beinhaltet, erfährt man als Leser noch reichlich über die bundesrepublikanische Gesellschaft mit Schwerpunkt West-Berlin der damaligen Zeit. Rudi Esch sorgt für ein präzises wie kolossales Zeitdokument. Ein großer Lese-Spaß, nicht nur für die Freunde des Schlagers der Siebzigerjahre.
Rudi Esch: „Spaß muss sein – Die Schlagerwelt der Siebziger“, Suhrkamp, Klappenbroschur, 478 Seiten, 978-3-518-47097-8, 18 Euro (Beitragsbild: Buchcover)





