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18. November 2024Am Ende brachen die Deiche. Das Rolling Stone Beach Festival 2024 mit Pete Doherty, King Hannah, Kevin Morby, Jake Bugg, Kettcar uvm.
Text und Fotos von Gérard Otremba und Niko Schmuck
„Where did you buy the cap? In Liverpool?“, fragte mich Pete Doherty nach meiner nun schon fünfzehn Jahre alten Beatles-Kappe, als wir uns zufällig vor dem Palila-Konzert in der „Alm-Stage“ beim Rolling Stone Beach Festival 2024 trafen. Es entpannte sich ein ganz kurzes Gespräch über die Beatles und Hamburg, wo ich besagte Kappe im einstigen Beatles-Museum 2009 erwarb, bevor die Hamburger Indie-Rock-Band Palila eine Stunde lang die Fans in der vollen“Alm“-Location in zumindest zeitweiser Anwesenheit Dohertys in Wallung brachte. Der The-Libertines-Frontmann sprang als Ersatz für die ursprünglich als Tages-Headliner gebuchte Band Bright Eyes ein und gab sich gut viereinhalb Stunden vor seinem Auftritt im Zelt sehr locker und umgänglich.
Palila und The Levellers beim Rolling Stone Beach Festival 2024
Ähnlich wie die drei Palila-Herren (Sänger/Gitarrist Matthias Schwettmann, Bassist Christoph Kirchner und Schlagzeuger Sascha Krüger), die Songs aus den beiden bisherigen Alben „Rock’n’Roll Sadness“ und „Mind My Mind“ sowie auch brandeue aus dem kommenden, am 04. April 2025 erscheinenden, dritten Longplayer „Children Will Be Furious“ spielten. Das war die mitreißende und hohe Neil-Young-meets-Dinosaur-Jr.-Schule und das erste große Highlight beim Rolling Stone Beach Festival 2024, nachdem zuvor The Levellers im Zelt das Festival mit ihrem hymnischen Indie-Folk-Punk-Rock samt Geige und Didgeridoo eröffnet haben. Eine unverwüstliche britische Band mit dem Herz am richtigen Fleck.









Husten, Mercury Rev und Jason Isbell
Zeitgleich zu Palila eroberten auch Husten um Gisbert zu Knyphausen im Baltic Saal das zum 15. Mal ausgetragene Indoor-Festival am Weissenhäuser Strand an der Ostsee. Klar, Husten erobern alles, egal, wo sie auftreten. Einfach zu gut ihr Songwriter-Indie-Folk-Rock, wie sie ihn auf den Platten „Aus allen Nähten“ (2022) und „Aus einem nachtlangen Jahr“ (2023) gebannt haben und schon letztes Jahr im Hamburger Knust (Sounds & Books berichtete) live präsentierten. Dem stand der Gig beim Rolling Stone Beach Festival 2024 natürlich in nichts nach. Als sehr feinsinnig, mit einer tollen Coverversion von Bob Dylans „Love Sick“, entpuppte sich das Konzert von Mercury Rev im Baltic Saal, während ihre amerikanischen Kollegen Jason Isbell And The 400 Unit die ganze Americana-Blues-Country-Folk-Rock-Palette auf die Zeltbühne zauberten.

















86TVs, John Grant und Pete Doherty
Während auf der „Alm-Stage“ die 86TVs, die Nachfolgeband der Maccabees, ihre Variante des Britpop-Indie-Rock in energetischer und krachender Form darboten, ließ es John Grant im „Baltic Saal“ an den Tasten – lediglich begleitet von einem weiteren Keyboarder – sehr ruhig angehen. Im Prinzip war es ein schönes Sitzplatzkonzert zum gediegenen Zuhören, im recht stark frequentierten und hektisch wirkenden Raum war die nötige Ruhe leider nicht so wirklich gegeben, um Grants großartige Balladen voll und ganz genießen zu können.
Den Abschluss am ersten Tag beim Rolling Stone Beach Festival 2024 bildete der eingangs erwähnte Pete Doherty mit seiner Band im „Zelt“. Ein 90-minütiges Potpourri seiner nunmehr über 20-jährigen Karriere. Dohertey war anfänglich kaum zu hören (wurde im Verlauf des Gigs besser), gab sich gewohnt cool und lässig und wusste sich bestens in Szene zu setzen. Klasse akustische Solo-Versionen der Libertines-Hits „Horrorshow“ und „What A Waster“ sowie Full-Band-Perfomances von „Can’t Stand Me Now“ und der Babyshambles-Kracher „Fuck Forever“ am Ende waren die Höhpunkte dieses launigen Auftritts.












Der zweite Tag beim Rolling Stone Beach Fetival 2024
„So many people“, sagte die wohl erstaunte Hannah Merrick von King Hannah, die den zweiten Tag beim Rolling Stone Beach Festival 2024 musikalisch offiziell im „Baltic Saal“ eröffneten. Man muss sich aber gar nicht über die volle Location wundern, schließlich sind King Hannah aus Liverpool auf der Überholspur. Hannah Merricks betörender (Sprech-)Gesang, die an Neil Young erinnernde Gitarrenarbeit von Craig Whittle, der fließende, manchmal ausbrechende Desert-Rock-Sound und zwei grandiose Platten (zuletzt erschien Ende Mai „Big Swimmer“), denen man sich nicht entziehen kann. Beim RS Beach Festival gab es 60 Minuten Staunen (u.a. mit Songs wie „Davey Says“, „Crème Brûlée“ und „Big Swimmer“), zu was das Indie-Rock-Genre heutzutage in der Lage ist. King Hannah sind so großartig, dass sie ihren nächsten Auftritt beim selbigen Festival im Zelt um 21.15 Uhr absolvieren sollten.
Seit fünf Jahren (2019 erschien „Ich glaub dir alles“) nichts mehr von Die Höchste Eisenbahn gehört, um so feiner ihr Auftritt beim Rolling Stone Beach Festival 2024 (wo sie bereits 2018 auftraten, als es noch Weekender hieß, Sounds & Books berichtete). Noch besser die Ankündigung eines neuen Albums für den Herbst 2025. In diesem Jahr aber gab es zunächst einmal den gewohnt herzigsten Songwriter-Indie-Pop, den man sich in Deutschland nur vorstellen kann. Die Höchste Eisenbahn machten ihn mal wieder möglich, mit Liedern wie „Blume“, „Isi“, „Kinder der Angst“ oder „Schau in den Lauf Hase“. Hach, war das schön.









Wayne Graham und Kevin Morby beim Rolling Stone Beach Festival 2024
Auf einem ähnlich aufsteigenden Ast wie King Hannah befindet sich so langsam auch Wayne Graham. Die Brüder Kenny und Hayden Miles erhielten nicht nur vom Rolling-Stone-Kollegen eine sehr gute Bewertung für ihr unlängst veröffentlichtes Werk „Bastion“, sondern auch von uns. Live um Gitarre und Bass ergänzt zeigten Wayne Graham wie schon auf Platte, dass der Weg noch mehr in Richtung Wilco ein guter ist. Songs wie „A Silent Prayer“, „We Could’ve Been Friends“ oder „Some Days“ zeugten davon. Die Stimmung im „Möwenbräu“ ebenfalls. Gewinner des Abends und demnächst dann hoffentlich der Aufstieg in den „Baltic Saal“. Den Sprung von dort (2017, Sounds & Books berichtete) ins Zelt schaffte Kevin Morby mit seiner Band. Dessen von markanter Saxophonbegleitung geprägter Songwriter-Americana-Folk-Rock steht sowieso über den Dingen. „Oh My God“, „City Music“, „Destroyer“, „I Have Been To The Mountain“, „Beautiful Stranger“, „Parade“ und „Valley“ standen auf der Setlist, was will man mehr. Klasse Gig.






Jake Bugg, William Fitzsimmons und Laura Lee & The Jettes
Das Zelt erbeben ließ anschließend der britische Songwriter Jake Bugg in Begleitung von Bass und Schlagzeug. Kompakter und straighter Rock’n’Roll von „Zombieland“ bis „Lightning Bolt“, dazwischen eine wahnsinnig intensive, mit großem Applaus bedachte Solo-Darbietung von „Instant Satisfaction“. Wurde ja auch Zeit, dass der 30-Jährige aus Nottingham mal das Rolling Stone Beach Festival beehrte, passt genau da rein. Er würde viel „sad shit“ spielen, kündigte hingegen William Fitzsimmons sein Konzert im „Baltic Saal“ an. Dementsprechend gab der Musiker aus Pittsburgh gab den sanften Barden im Flüstermodus samt dezenter Begleitung an Keyboard und Drums. Die Songs fragil und zart, die Stimme ruhig und angenehm, ein Indie-Folk mit teilweisem Nick-Drake-Nachdruck.
Währenddessen verwandelte Laura Lee (einigen sicherlich als Teil von Gurr bekannt) mit ihrer Band The Jettes die dichtgedrängte „Alm“-Location in einen nächsten Rock’n’Roll-Hotspot. Die sympathisch rüberkommende Berlinerin betätigt sich auch als Schlagzeuglehrerin, interagierte viel mit dem Publikum, das die treibenden Indie-Alternative-Rock-New-Wave-Rhythmen Lees und ihrer Formation mächtig abfeierte.












Kettcar beim Rolling Stone Beach Festival 2024
Der krönende Abschluss beim Rolling Stone Beach Festival 2024 blieb Kettcar vorbehalten. Ursprünglich sollten die Hamburger den ersten Tag beenden, nach das Absage von Bright Eyes (dass dann auch noch The Felice Brothers ihren Gig gecanceln haben, schmerzte schon) kam es zu Veränderungen im Ablauf. Bassist Reimer Bustorff gehört immer noch zu den Musikern mit den lustigsten Geschichten zwischen den Songs, in der Setlist ging es Schlag auf Schlag mit Liedern des aktuellen Albums „Gute Laune ungerecht verteilt“ („Auch für mich 6. Stunde“, „München“, „Kanye in Bayreuth“, „Ein Brief meines 20-Jährigen ichs“) sowie ewigen Bandklassikern („Balkon gegenüber“, „48 Stunden“, „Balu“). Am Ende der 90 Minuten das Beste mit „Landungsbrücken raus“, bevor um 1 Uhr endgültig alle „Deiche“ brachen. Ein perfekter Abschluss der 15. Ausgabe des Rolling Stone Beach Festivals.














