Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmäßiges Verb

Ein epischer wie meisterlicher neuer Roman von Rolf Lappert über Freundschaft, Gemeinschaft und die Einsamkeit in der modernen Welt

Ein grammatikalisch nicht ganz zutreffender Titel, aber manchmal interessiert das Laben die Grammatik herzlich wenig. Das Leben von Frida, Leander, Linus und Ringo beginnt eines Tages im Jahre 1980 verdammt unregelmäßig zu werden. Hier setzt der neue Roman „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ des Schweizer Schriftstellers Rolf Lappert, der zuletzt 2015 das an dieser Stelle besprochene Werk „Über den Winter“ veröffentlichte, an.  Die zu diesem Zeitpunkt Zwölfjährigen verbrachten ihre Kindheit abgeschieden von der Welt im „Kampstedter Bruch“, einer kleinen Kommune im Norden Deutschlands. Die „Alten“ – auf elterliche Bindungen wurde von Seiten der Erwachsenen bewusst verzichtet – wollten die Kinder von der uns bekannten, aus ihrer Sicht schlechten Welt beschützen.

Das Leben in der Kommune „Winnipeg“

Der Nachwuchs beteiligte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten an Haus- und Hofarbeit, eine offizielle Anmeldung bei den Behörden erfolgte nicht und einen Zugang zur Schulbildung und Nachrichten erhielten die Kleinen ebenfalls nicht. Stattdessen bekamen sie regelmäßig aus den großen und bekannten Werken der Weltliteratur vorgelesen, von Cervantes über Melville bis Twain. Allenfalls verirrten sich vom Wind verwehte Zeitungs- und Reklameblätter in die Hände der Kinder, aus denen sie begierig die Bedeutung neuer Wörter herzuleiten versuchten und der Kommune schließlich den Namen „Winnipeg“ gaben. Nach der behördlich verordneten Auflösung der Kommune wird die Gemeinschaft von Frida, Leander, Linus und Ringo auseinandergerissen. Während die „Alten“ sich vor Gericht verantworten müssen, kommen die Kinder bei Verwandten oder in Pflegefamilien unter.

Rolf Lappert und die epischen knapp tausend Seiten

Rolf Lappert Leben ist ein unregelmäßiges Verb Cover Hanser Verlag

Die vier werden voneinander getrennt und in eine für sie völlig fremde, schier fassungslose und sie überfordernde neue Welt geworfen. Was die Medien überwiegend als „Befreiung“ der Kinder darstellen, fühlt sich für die vier wie eine „Vertreibung aus Winnipeg“ an. Auf epischen knapp 1000 Seiten breitet Rolf Lappert, der für seinen 2008 erschienenen, wunderbaren Roman „Nach Hause schwimmen“ den Schweizer Buchpreis erhielt, die Biographien seiner vier Protagonisten bis ins Jahr 2018 aus. Man verfolgt die Lebensentwürfe fasziniert und voller Begeisterung von der ersten bis zur letzten Seite. Und keine Seite ist verschenkt. Lappert erzählt die Lebensläufe von Frida und Leander chronologisch und parallel aus der auktorialen Perspektive, während Ringo seinen Werdegang einer Journalistin rückwirkend aus der eigenen Sicht mitteilt. Abwechselnd rücken die Lebensgeschichten der einzelnen Hauptakteure in den Fokus.

Die vier Hauptprotagonisten

Der sich nach der „Peanuts“-Figur mit der Schmusedecke benannte Linus beschließt sehr schnell, seinen Selbstmord vorzutäuschen und fortan unterzutauchen. Dementsprechend erfahren wir nur sehr gelegentlich Informationen über seinen Verbleib. Die aufregenderen Lebensläufe erfindet Rolf Lappert für Frida, Leander und Ringo. Ausgestattet mit einer falschen Identität, erfindet sich die flatterhafte, eigentliche eine Schriftstellerkarriere anstrebende Frida situationsbedingt ständig neu und bringt eine abenteuerliche Odyssee durch verschiedene Stationen in Europa und den USA hinter sich. Der schüchterne und empfindsame, leicht autistische Leander muss verschiedene Bildungseinrichtungen über sich ergehen lassen, bevor er auf Lutz Beerbaum trifft, einen leicht verrückten, ständig in finanziellen Nöten steckenden Theatermacher, der einst den „Kampstedter Bruch“ kaufte.

Rolf Lappert erfindet grandiose Lebensentwürfe

Dort fand er zufällig in der „Wir“-Form verfasste Tagebucheintragungen, die er mit Leanders Hilfe zu einem Bestseller verwandeln möchte, obwohl dieser offensichtlich nicht der Verfasser der Zeilen ist. Leanders Schul- und Schriftstellererlebnisse schildert Lappert mit feinstem, teils satirischem Humor. Ringo hingegen vermarktet seine Popularität bereits im frühen Teenageralter und gerät später wieder in den medialen Fokus, als er acht Bewohner aus einem brennenden Altenheim rettet, aus Fahrlässigkeit die Schuld am Tod zweier Menschen trägt und einen Hund aus einem vollgelaufenen Gully befreit. Längst fühlt er sich als Alkoholiker am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Doch es geht in unserer Welt immer noch schlimmer, hat der neue journalistische Beitrag über Ringo eine Einladung in das Dschungelcamp zur Folge.

Ein literarisches Naturereignis

So unterschiedlich die Biographien der ehemaligen Kommunen-Kinder auch verlaufen, alle vier wandeln sehr unglücklich und einsam durch ihre Lehrjahre in der für sie immer neu bleibenden Gesellschaft. Der Suche nach Halt, Geborgenheit und Glück steht die dauernde Sehnsucht nach dem Kommunendasein entgegen. Endstation Winnipeg. „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ entpuppt sich als ein literarisches Naturereignis. Die humoristische und sprachliche Wildheit eins John Irving kreuzt die stilistische Eleganz eines Paul Auster und verbündet sich mit der Eloquenz einer Jackie Thomae.

Rolf Lappert, der brillante Erzähler

Lapperts auch die zahlreichen Nebenfiguren treffender Blick für Details wird genauso zum Gewinn des Buches wie die Perspektivwechsel. Die am Ende noch um die von Fridas Tochter Edna ergänzt werden, die als angehende Schriftstellerin die Geschichte in Romanentwürfen zu Ende erzählt. Rolf Lappert erweist sich einmal mehr als brillanter Erzähler und sein Roman als überwältigendes Meisterwerk. Gerne hätte man noch weitere tausend Seiten gelesen. Ein heißer Kandidat für das Buch des Jahres 2020.

Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“, Hanser, Hardcover, 992 Seiten, 978-3-446-26756-5, 32 Euro. (Beitragsbild von Sonja Maria Schobinger)

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