Róisín Murphy: Róisín Machine – Albumreview

Róisín Murphy: Róisín Machine – Albumreview

Auf “Róisín Machine” zelebriert Róisín Murphy die klassische Disco-Zeit

Es mag merkwürdig anmuten, wenn einem ausgerechnet ein Freund von gepflegtem Stromgitarren-Inferno, der von House keine Ahnung hat, eine Platte ans Herz und ans Tanzbein zu legen versucht, die für die innovativeren Clubs konzipiert scheint. Trotzdem – vom ersten Ton an fasziniert das nunmehr fünfte Soloalbum der Irin Róisín Murphy, die von 1995 bis 2002 mit Moloko einige Duftmarken setzte. „Róisín Machine“ ist ein konsequentes Disco-Album, das Zeitgenossen von Chic ebenso zu überzeugen weiß wie Anhänger von Weiterführungen á la Daft Punk oder Calvin Harris. Mitschöpfer sowie Produzent Richard Barratt (als Teil von Sweet Exorcist verantwortlich für den ersten Release des Techno-Kult-Labels Warp, bekannt auch als Crooked Man oder DJ Parrot) hat, laut aktuellem Musik Express, „seit 20 Jahren keinen Club mehr von Innen gesehen“ – trotzdem fabrizierte er mit Murphy einen abwechslungsreichen und dort verorteten Soundteppich, dessen Entstehung bereits vor 10 Jahren seinen Anfang nahm.

Synth-Wave und 70er-Flair

Róisín Murphy Róisín Machine Cover Skint Records

„Simulation“, der achteinhalbminütige, langsame Opener des Albums, wurde laut Presse-Bio bei der Erstveröffentlichung nicht so gut aufgenommen. Für Murphy stand trotzdem fest, dass das Stück „eines der besten ist, die ich jemals aufgenommen habe“. Fürwahr – „Simulation“ ist eine Ansage. „These are my wildest dreams“ intoniert Róisín Murphy da und steckt den Rahmen ab für all das, was noch kommt. Und es kommt verdammt gut. „Kingdom Of Ends“ bringt anschließend Synth-Wave ins Spiel, wie John Carpenter es einst vormachte und Jahre später damit unzählige Crossover-Kids prägte. „Something More“, (geschrieben von Amy Douglas, die selber stark von Led Zeppelin beeinflusst ist, mit Funkadelic musizierte und trotzdem eine Größe der House-Music darstellt) entwickelte sich durch die Pandemie von einer spartanischen Aufnahme am Piano zu einer reich illustrierten Nummer, in der Murphy von ernüchternder Düsternis zu neuen Ufern schwebt; Streicher sowie Keys verbreiten dabei 70er Flair. „Life just keeps me wanting“, verkündet Murphy.

Róisín Murphy in Kylie-Tradition

Die Übergänge sind fließend, wie bei einem DJ-Tape – alles strömt ineinander und wirkt wie aus einem Guss, trotz aller Unterschiede zwischen den Stücken in Bezug auf Tempo, Stimmung, Arrangement oder Phrasierung. „Shellfish Mademoiselle“ bringt leichtfüßigen Pop in Kylie-Tradition, sogar eine ihrer Lines wird gedroppt. Stimmlich beeindruckt Murphy über das gesamte Album hinweg mit einer enormen Flexibilität – hier wird das junge Mädchen gegeben, woanders abgeklärte Tiefe kredenzt. „Never had a broken heart“ stellt Murphy in „Incapable“ fest; feinster 70ies-Funk, die Blaupause für den ganz frühen HipHop, illustriert ihre Selbsteinschätzung. Haben wir es am Ende mit einem Konzeptalbum zu tun? „We got together“ addiert anschließend wavigen New Order-Stampf. Trotzdem: Retro-Mucke ist das nicht, trotz aller vertrauten Bausteine.

Róisín Murphy zelebriert die klassische Disco-Zeit

In „Murphy’s Law“ analysiert sie ihr Leben weiter, zufrieden klingt ihr Befund abermals nicht. Wie dieses Gesetz, bei dem „alles was schief gehen kann auch schiefgeht“, einmal mehr den Sound der klassischen Disco-Zeit zelebriert, mit dezenten Piano-Akkorden neben umwerfenden Streichern, Glockenspiel und ihrer multiplizierten Stimme: Einspruch, eben nicht. Gar nichts geht hier schief, hier trifft erlesene Komposition auf vollendete Arrangements. Kann es noch besser werden? In der Tat. Über „Game Changer“, soulfull und mit extra deepem Bass, steuern wir auf „Narcissus“ zu, original bereits 2017 auf einem Tape-Sampler veröffentlicht. Hysterische Streicher, Sugarhill-Gang-Rhythmen, gehauchte Beschwörungen empfangen uns. „Jealousy“ am Ende macht den Sack zu, Tanzpflicht herrscht durch die Nile Rodgers-artige Gitarre, die Synthies miauen, Murphy eskaliert. Die hier besprochenen Digitalpromos gehen nach dem Ende immer wieder von vorne los, und das ist mehr als stimmig in  diesem Fall. Was für eine Platte.

„Róisín Machine“ von Róisín Murphy erscheint am 25.09.2020 bei Skint Records / BMG. (Beitragsbild von Adrian Samson)

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