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8. März 2026Mit „Figuren der Willkür – Autobiographie eines Buches“ von Roger Willemsen wird ein Werk wiederveröffentlicht, das vor allem wegen seines kühnen Ansatzes noch heute faszinieren kann
Das Experiment beginnt unscheinbar: Ein junger, bereits promovierter Literaturwissenschaftler sitzt in einer Londoner Küche und beginnt zu schreiben. Doch statt eine abgeschlossene Erzählung zu entwerfen, öffnet Roger Willemsen den Prozess selbst. Der Text reflektiert seine eigenen Voraussetzungen, tastet sich voran, bricht ab, setzt neu an. Der Leser wird damit nicht nur Zeuge des entstehenden Buches, sondern auch der Bedingungen seiner Möglichkeit. Entstanden Mitte der 1980er-Jahre während eines Aufenthalts in London, dokumentiert das Buch nicht nur einen Schreibprozess – es macht ihn selbst zum Gegenstand der Literatur. Leserinnen und Leser verfolgen, wie sich Einfälle, Erinnerungen und zufällige Beobachtungen allmählich zu einer Erzählbewegung verdichten. Was hier entsteht, ist weniger ein fertiges Werk als vielmehr die seltene Gelegenheit, Literatur im Moment ihrer Hervorbringung zu beobachten.
Gerade darin liegt die produktive Provokation des Buches. Literatur erscheint hier nicht als souverän geplantes Kunstprodukt, sondern als Folge von Entscheidungen im Augenblick. Gedanken, Beobachtungen aus dem städtischen Alltag, Erinnerungsfragmente und theoretische Reflexionen treten nebeneinander – scheinbar zufällig, tatsächlich aber in einer fortwährenden Bewegung der Auswahl und Weiterführung. Die sogenannte „Willkür“ erweist sich als ästhetisches Prinzip: Der Text entsteht aus der Offenheit des Moments.
Schreiben als offener Versuch
Der vielleicht faszinierendste Aspekt des Buches ist seine Transparenz gegenüber dem eigenen Werden. Willemsen führt den Leser in jene Zwischenräume ein, in denen Literatur normalerweise unsichtbar bleibt: in die Entscheidung, welchen Gedanken man verfolgt, welche Assoziation verworfen oder fortgeschrieben wird, welche Perspektive eine Passage erhält. So entsteht eine eigentümliche Dramaturgie. Nicht die Handlung eines Romans trägt den Text, sondern die fortlaufende Bewegung des Schreibens selbst. Der nächste Absatz wird zur Frage: Welcher Gedanke wird weitergeführt? Welche Beobachtung erweist sich als anschlussfähig? Diese Offenlegung der erzählerischen Optionen verleiht dem Buch eine Spannung, die paradoxerweise gerade aus seiner Offenheit erwächst.
Literatur über Literatur
„Figuren der Willkür“ ist zugleich ein ausgesprochen gelehrtes Buch. Roger Willemsen, der sich zuvor intensiv mit der modernen Literatur auseinandergesetzt hatte, schreibt hier implizit auch eine Reflexion über das Schreiben selbst. Immer wieder erscheinen literarische, philosophische oder ästhetische Anspielungen, die den Text in eine größere Tradition experimenteller Prosa stellen. Dabei geht es vor allem um eine Verteidigung der Kunst gegen ihre eigene Rechtfertigungsbedürftigkeit. Willemsen zeigt, dass Literatur ihren Sinn nicht primär aus äußeren Zwecken bezieht, sondern aus der Erfahrung des Denkens im Medium der Sprache. Das Buch ist damit nicht nur ein poetologischer Versuch, sondern auch ein Plädoyer für die Eigenständigkeit literarischer Praxis.
London als Resonanzraum
Der urbane Raum, in dem das Buch entsteht, ist nicht einfach nur Kulisse. Die Londoner Straßen, Cafés und Wohnungen liefern jene alltäglichen Eindrücke, aus denen sich die „Figuren“ des Textes formen. Flüchtige Wahrnehmungen – Wetter, Gespräche, Geräusche – geraten in eine produktive Beziehung zu Erinnerungen und Reflexionen. Gerade diese Verschränkung von Außenwelt und innerem Monolog lässt erkennen, wie Literatur aus dem Material des Lebens hervorgeht. Das scheinbar Zufällige wird zum Ausgangspunkt einer Formbildung: Aus Beobachtungen entstehen Gedanken, aus Gedanken Passagen, aus Passagen allmählich ein Buch.
Literarische Selbstbeobachtung
Heute liest sich „Figuren der Willkür“ wie ein außergewöhnliches Dokument literarischer Selbstbeobachtung. Das Buch erlaubt einen Blick auf etwas, das im fertigen Werk meist verborgen bleibt: auf die Beweglichkeit des Schreibens, auf seine Umwege, seine produktiven Zufälle und seine Entscheidungen. Gerade darin liegt seine anhaltende Faszination. Roger Willemsen gelingt es, den kreativen Prozess nicht nachträglich zu erklären, sondern ihn im Vollzug sichtbar zu machen. Das Resultat ist ein ebenso kluges wie inspirierendes Experiment – ein Text, der zeigt, dass Literatur nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch ihre eigene Entstehung zum Gegenstand machen kann. Für Leserinnen und Leser, die sich für die Werkstatt des Schreibens interessieren, bleibt dieses Buch deshalb ein ebenso seltenes wie aufschlussreiches Erlebnis.
Roger Willemsen: „Figuren der Willkür – Autobiographie eines Buches“, S. Fischer, Taschenbuch, 978-3-596-70732-4, 576 Seiten. (Beitragsbild: Buchcover)





