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8. November 2014Richard Powers unterstreicht mit Orfeo seinen Status als wichtiger amerikanischer Schriftsteller
von Gérard Otremba
Richard Powers hat einen überwältigenden Roman geschrieben. Ein Roman, der im dichtgedrängten Buchregal mittels Frontalpräsentation einen Ehrenplatz erhält, eine Gunst, die nur sehr wenigen Büchern zu Teil wird, wie beispielsweise Das Haus auf meinen Schultern von Dieter Forte. Der Roman von Richard Powers heißt Der Klang der Zeit und ist 2004 in der deutschen Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié im S. Fischer Verlag erschienen. Ein literarisches Meisterwerk, ein Panoptikum des 20. Jahrhunderts, mithin der beste zeitgenössische amerikanische Roman der letzten zwanzig bis dreißig Jahre, mindestens nobelpreisverdächtig. Gleich einer sakralen Schrift stieg der amerikanische Autor Richard Powers mit Der Klang der Zeit in den literarischen Olymp und verhinderte gleichzeitig das Lesen seiner anderen belletristischen Werke, denn ein Opus Magnum dieser Qualität schreibt auch ein Richard Powers so schnell nicht noch einmal. Diesem Denken verhaftet, ignorierte ich seinen Nachfolger Das Echo der Erinnerung und auch das 2011 im Deutschen veröffentlichte Debüt Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz von 1985 steht ungelesen im Regal. Doch vielleicht ist die Prosa von Richard Powers mit der Musik von Van Morrison vergleichbar, der mit Astral Weeks das eine überragende Meisterwerk schuf, um im Anschluss diverse qualitativ hochwertige Alben wie Moondance, His Band Ans The Street Choir, Tupelo Honey, Saint Dominic’s Preview, Hard Nose The Highway und Veedon Fleece herauszubringen.
Der Avantgarde-Musiker und Hobbybiologe Peter Els und die Zeichen der Zeit
So jedenfalls erging es mir beim Lesen von Orfeo, des neuen, wiederum von Manfred Allié übersetzten Romans des 1957 geborenen Richard Powers. Der Klang er Zeit bleibt weiterhin das unangetastete, Grenzen sprengende Nonplusultra in Powers Euvre, jedoch hat der Meister das Schreiben nun wahrlich nicht verlernt. Der 70-jährige Komponist Peter Els sieht sich eines Tages mit zwei Beamten der Joint Security Task Force vor seiner Haustür konfrontiert, denen Hinweise über Bakterienkulturen in Els‘ Haus vorliegen. In der Tat experimentiert Els mit einem selbstgebastelten Hobbylabor an der DNA von Bakterien. In den leicht hysterischen United States Of America der heutigen Zeit wird Els die Manipulation von Mikroorganismen zum Verhängnis, denn wenige Tage später findet er sein Haus abgesperrt vor und sich selbst auf der Flucht vor den Bundesbehörden. In eingestreuten Rückblenden erzählt Powers das Leben des ehemaligen Avantgarde-Komponisten zwischen Privatleben und der Liebe und Besessenheit zur Musikkunst. Zeitgeschichtliche Aspekte der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts fließen prägnant und doch wie beiläufig in die Lebensabläufe von Peter Els ein. Allein das überbordende musiktheoretische Wissen, das Powers den Lesern mittels seines Protagonisten zumutet, gerät manchmal nerdig. Streitbare Ansichten zur allgemeinen Diskussion bietet die Figur Peter Els an einigen Stellen ebenfalls. Orfeo strahlt vielleicht nicht die Magie von Der Klang der Zeit aus, ein begnadeter Erzähler bleibt Richard Powers natürlich dennoch.
Richard Powers: Orfeo, S. Fischer Verlag, Hardcover, 978-3-10-059025-1, 22,99 €.




