Resteverwerter aus dem Revier – Interview mit Tristan Brusch

Resteverwerter aus dem Revier – Interview mit Tristan Brusch

Schillernd, glitzernd, knisternd wie Stanniolpapier ist Tristan Bruschs 2018 veröffentlichtes Album „Das Paradies“ geraten. Er selbst findet die Platte „kirmesartig“. Die Musikvideos in Pastell, die Frisur platinblond. Drei Jahres später ist alles anders: Auf seiner neuen Platte führt es Tristan Brusch heraus aus dem Farbspektrum. „Am Rest“ hat viele shades of gray.

Die Taube ist das vielleicht größte annehmbare Symbol. Sie steht für den Frieden. Auf Hochzeitsfeiern lässt man sie in die Luft steigen. Sie ist weiß und rein. Hand aufs Herz: Ihre Symbolkraft ist fast ein wenig cheesy. Auf Tristan Bruschs neuer Platte ist die Taube allgegenwärtig. Er klärt aber auch gleich auf: „So Schmutztauben, keine Friedenstauben …“ Als hässlich empfindet er die allgemeine Straßentaube übrigens keineswegs.

„Tauben sind eigentlich sehr schöne Tiere. Dass sie sich von Müll ernähren, ist natürlich nicht besonders appetitlich. Aber genau wie die Tauben sich von Resten der Gesellschaft ernähren, ernährt sich mein neues Album von den Resten meiner Erinnerung, von Resten, die von der Liebe übrig bleiben …“

Das “monochrome” neue Album “Am Rest”

In „Der Abschaum“, einer schwofigen ¾-Takt-Nummer, lässt Tristan Brusch eine Taube ein großes Stück Döner-Fleisch auf dem Boden finden. Er erzählt auch von Ratten und Mäusen und blickt wie ein Reporter auf die dreckigen Details im tierischen Untergrund. Dass er in seinen Texten explizit die Hässlichkeit in den Fokus rückt, liegt auch daran, dass er sich einer scheinbar perfekten Medienwelt manchmal nicht zugehörig und von der Welt dissoziiert fühle. Auch musikalisch ist die Platte anders geraten, als ihr Vorgänger.

„,Das Paradies‘ ist ja sehr bunt gewesen, auch weil viele Instrumente und Synthesizer drauf sind. ,Am Rest‘ ist eher monochrom geworden, was auch damit zu tun hat, dass wir die Platte live aufgenommen haben. Es ging diesmal mehr darum, den richtigen Moment zu erwischen, geile Takes zu spielen.“

Tristan Brusch pendelt zwischen Chanson, Rock, Pop, Reinhard Mey und Schlager

Dass das Album „monochrom“ geworden ist, wie er selbst sagt, bedeutet allerdings keinesfalls, dass es klein geworden sei. Im Gegenteil: das Musikvideo zum Opener „Zwei Wunder am Tag“ ist ein aufwendig produziertes Epos: Schmerzhafte Bilder, zuckersüßer Gesang, der Refrain mündet in eine Fuzz-Gitarren-Eruption gegen den Konsumwahn: „Herein, herein, herein – immer alles in die Fressfotze rein.“

Im Pressetext heißt es: Der Wahl-Berliner spielt mehr als nur Gitarre, er singt, haucht, spuckt, macht unendlich Schönes wie Hässliches sichtbar. Stimmt zweifellos. Die Bandbreite der Songs auf „Am Rest“ ist zudem – trotz der vermeintlichen Farblosigkeit – groß. Tristan Brusch pendelt zwischen Chanson, Rock oder Pop, zwischen Reinhard May und Schlager. Gedanken über die finale Ausrichtung seiner Songs macht er sich in der kreativen Phase allerdings nicht. Er nehme sich nicht vor, eine Up-Beat-Nummer zu schreiben, weil die vielleicht noch fehle auf der Platte. Vielmehr geht es darum, die Idee nicht zu verlieren.

„Man muss einfach ständig aufmerksam sein. Ich denke, das gilt für alle Künstler, die auf Ideen angewiesen sind. In jeder Situation im Alltag kann eine Idee kommen. Wenn man ihr keine Aufmerksamkeit schenkt, entwischt sie. Wenn ich eine Idee habe, summe ich sie auf mein iPhone.“

Das große Glück mit Produzent Tim Tautorat

Als Produzent für „Am Rest“ hat Brusch Tim Tautorat gewinnen können. Der hat bereits mit Künstlern wie Annenmaykantereit, Turbostaat, Tocotronic oder Faber gearbeitet. Ein großes Glück, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat.

„Tim ist nicht nur mein Produzent gewesen, er ist auch ein fantastischer Toningenieur. Er hat sich dementsprechend auch um vieles Sounds gekümmert. Ich bin total glücklich, dass ich ihm vertraut habe. “

Tristan Brusch nahm das Album in den Berliner Hansa Studios auf

Glück habe er auch insofern gehabt, dass in der Pandemie Mitmusiker Zeit hatten, die zu normalen Zeiten auf Tour gewesen wären. Und nicht nur das: Er konnte das Album in den altehrwürdigen Hansa Studios in Berlin aufnehmen, da eine sehr berühmte deutsche Band Corona-bedingt abgesprungen war … die Hansa Studios, der Studiokomplex also, in dem schon David Bowie Musik aufgenommen hat!

Innerhalb von ein paar Tagen ist „Am Rest“ entstanden, mit befreundeten Künstlern in spartanischer Besetzung. Er habe das so machen wollen, weil er in der Zeit des Songwritingprozesses das Album „Rain Dogs“ von Tom Waits gehört habe. Diese Platte sei sehr spontan, die Band spürbar auf einer Momentsuche gewesen, es seien auch ein paar kleinere Fehler drauf. Dies sei auch auf „Am Rest“ der Fall. Aber das störe ihn nicht. Im Übrigen: man hört diese „Fehler“ auch nicht.

Bruschs musikalische Sozialisation

Sozialisiert wurde Tristan Brusch von Künstlern wie The Libertines, ABBA oder Element Of Crime, aber auch klassischer Musik. Was er jetzt hört?

„Im Moment viel Gitarrenmusik, oft nur eine Gitarre, eine Stimme. Insbesondere Adrianne Lenker … das ist die Sängerin und Songschreiberin von Big Thief. Sie ist im Moment meine Lieblingsgitarristin. Sie hat eine wahnsinnige Stimme, schreibt tolle Texte, erinnert ein wenig an Elliott Smith in den 90ern. Musik, die irgendwo zwischen Grunge und Chanson angesiedelt ist mit Melodien, die scheinbar immer schon dagewesen sind.“

Musik auch, die wie seine eigene oft melancholisch, ruhig und spartanisch, aber doch sehr gefühlsbetont ist. Eine Richtung, die Tristan auch in Zukunft stärker verfolgen wird. Er glaubt, künftig noch reduzierter als bereits auf „Am Rest“ Musik machen zu wollen. So wird auch der Ansatz sein, wenn er Anfang des Jahres wieder live unterwegs sein wird. Nur er, ein Verstärker, die Gitarre.

Was sonst noch ansteht im kommenden Jahr? Mit Kumpel Maeckes wird es wieder eine Kollaboration geben. Mehr kann noch nicht verraten werden. Schade.

Info: Die Videoversion des gesamten Interviews steht auf der YouTube-Seite unseres Autors Jens Krüger bereit.

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