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2. Juli 2026Als der Ex-Spliffer Reinhold Heil vor 30 Jahren sein Solo-Debüt veröffentlichen wollte, gab’s vom Label die Rote Karte. Jetzt erscheint „The Electric Heidiland“ endlich doch noch. Gut so.
von Werner Herpell
Erster Eindruck von diesem verschollenen Solowerk des deutschen Keyboarders, Produzenten und Film/TV-Komponisten Reinhold Heil (Nina Hagen Band, Spliff, Cosa Rosa): Der Titel (na klar, eine clevere Anspielung auf Jimi Hendrix‘ „Electric Ladyland“) und das Album-Artwork sind schon mal genial. Das Cover-Gemälde stammt vom renommierten britischen Künstler Christopher Winter (58) und variiert eines von dessen Markenzeichen: gegenständliche Kitsch-Motive mit einem ironischen Dreh. Hier ist es, dem Albumtitel entsprechend, eine Alpen-Maid vor einer riesigen Studio-Konsole – quasi mittendrin im „Electric Heidiland“.
Ein 90er-Pop-Juwel darf nun funkeln
Das Bild, im Original mit den Abmessungen 1,40 x 1,40 Meter ziemlich monumental, schuf Winter eigens für diese Platte. Und er hatte gute Gründe, für Reinhold Heil als Maler aktiv zu werden. Denn „The Electric Heidiland – The Lost Solo Album“ ist ein 90er-Pop-Juwel, das nun endlich so richtig funkeln darf. Daher das tolle Cover, daher das liebevoll und aufwendig gestaltete Booklet, daher die so launigen wie aufschlussreichen Liner-Notes des Musikjournalisten Christian Biadacz. Darin erinnert sich der Musiker selbst an die Reaktionen seiner Plattenfirma vor 30 Jahren – inklusive der gefürchteten Labelmanager-Frage: „Wie sollen wir das denn vermarkten?“
1996 stand Reinhold Heil also „vor den Büros von Sony Music in Frankfurt, in der Hand eine DAT-Kassette seines ersten Soloalbums ‚The Electric Heidiland‘. Gleich wird er es erstmals einer A&R Managerin vorspielen, die er aus der Zeit kennt, als Sony Music noch CBS hieß und Heil einer der erfolgreichsten Musiker und Produzenten des Labels war. Doch inzwischen sind fast zehn Jahre vergangen, in denen er keine eigene Musik mehr veröffentlicht hat. Was zählt es, dass er mal Teil der Nina Hagen Band war, mit Spliff drei Top Ten Alben eingespielt, mit ‚Carbonara‘ einen der größten Hits der NDW geschrieben und Nenas weltweiten Hit ’99 Luftballons‘ produziert hat? Mit weichen Knien legt er das Album auf.“
„Musikalische Wundertüte“ auf Eis gelegt
So witzig, wie Heil/Biadacz den damaligen „Heidiland“-Flop jetzt schildern, war es vermutlich nicht. Denn tatsächlich wurde das ambitionierte Projekt – elf abwechslungsreiche, experimentelle Tracks zwischen Electropop, Yacht-Rock (den Begriff gab’s damals noch nicht), Jazz-Funk, Soul, Worldmusic, Spoken-Word und Hip-Hop – auf Eis gelegt (oder wohl eher in den Giftschrank des Labels). Als „musikalische Wundertüte“, die sich angeblich nicht verkaufen ließ.
„Der erste Impuls damals war: Dafür seid ihr doch da!“, sagt der inzwischen 72 Jahre alte Reinhold Heil. „Doch das war die falsche Antwort. Ein Künstler muss sich selbst vermarkten, seine eigene Haut, seine Identität – oder er muss eine neue Identität erfinden, eine Persona. Das ist ein ganz wichtiges Marketingmittel für Erfolg im Musikgeschäft. Und wenn sich einer noch keine Gedanken darüber gemacht hat, wer er ist oder wer er sein möchte, dann hat die Plattenfirma damit Schwierigkeiten.“
Erfolg mit Soundtrack-Arbeiten für Tykwer
Was folgte, waren lukrative Fernsehmusik- und Soundtrack-Jobs (unter anderem für den Regisseur Tom Tykwer und dessen Filme „Winterschläfer“, „Lola rennt“ und „Das Parfum“ – die Liste der Heil-Auftragsarbeiten für Bildschirm und Leinwand ist schier endlos lang). „Und somit war das Thema mehr oder weniger vom Tisch.“ Bis jetzt.
Der Ursprung von „The Electric Heidiland“ liegt bereits 35 Jahre zurück, erzählt Biadacz in den Liner-Notes: „Seine Freundin Rosa Precht ist gerade mit 38 Jahren viel zu früh an Krebs verstorben, und Heil steuert in der nun viel zu stillen Schöneberger Dachwohnung in eine Phase, in der er mit Regisseuren und Schauspielern abhängt, am Schiller-Theater Musik für Katharina Thalbach macht, schließlich mit den Spliffern das gemeinsame Studio in Moabit verkauft und fast nur noch in seinem Homestudio, dem Electric Heidiland, aufnimmt. Rosa Precht hatte er bereits Mitte der Siebziger kennen- und lieben gelernt und mit ihr parallel zu Spliff die Band Cosa Rosa gegründet, mit der sie drei Alben veröffentlichten. Seine Art mit der plötzlichen Leere umzugehen ist es, sich ausgiebig mit der Produktion der neuen Songs zu befassen, jedes Detail immer wieder zu perfektionieren.“
Reinhold Heils Warten hat sich gelohnt
Reinhold Heil sagt heute dazu: „Andere nehmen Drogen in so einer Situation, ich habe mich fünf Jahre in diesem Album versteckt.“ Das hat sich letztlich dann doch gelohnt, wie man nun mit der Veröffentlichung der verschollenen „Heidiland“-Songs erkennt. Einige irre, schräge und lustige Soundeffekte sind darauf zu hören, etwa das rhythmische Tischtennisball-Geklacker in „Ping-Pong Diplomacy“. Viele smarte Synthie-Spielereien auch, etwa im fast achtminütigen, enorm groovenden Closer „Slow Motion“. Das Schlagzeug von Drummer-Legende Curt Cress. Und superbe Vocals, die über Heils sonoren Sprechgesang gelegt sind – unter anderem von Jocelyn B. Smith, Kim Seligsohn, Danny Bruder und Wale Bakare.
„Man hört mein Bedürfnis, etwas nie Dagewesenes zu erzeugen und doch bei den typisch melodiösen Neigungen der Popmusik zu bleiben“, so der bis heute aktive Musiker, der erst vor gut einem Jahr dem Frauenhass in der rechten „Manosphere“ mit dem deutschsprachigen Album „Freiheit Geilheit Männlichkeit“ ohne Scheu vor Kraftausdrücken den Kampf ansagte. Ob man „The Electric Heidiland“ 30 Jahre nach den Aufnahmen nun besser „vermarkten“ kann, dürfte dem längst anderswo erfolgreichen Reinhold Heil inzwischen egal sein. Ein starkes Album bleibt ein starkes Album.
Das Album „The Electric Heidiland – The Lost Solo Album“ von Reinhold Heil erscheint am 03.07.2026 bei Künstlerhafen/Kontor New Media. (Beitragsbild von Michele Campagni)





