Reflektor: Anoushka Shankar in der Elbphilharmonie

Reflektor: Anoushka Shankar in der Elbphilharmonie

Die Sitar-Meisterin Anoushka Shankar kuratierte vom 04.-07.11.2021 das “Reflektor”-Programm in der Hamburger Elbphilharmonie

Die Elbphilharmonie mausert sich zum tollen Festivalort – diesmal hat die Sitar-Virtuosin Anoushka Shankar vier Tage lang die Reflektor-Reihe kuratiert. Eigentlich hätte das Ganze vor ziemlich genau einem Jahr stattfinden sollen, aber etwa zehn Tage vor der Durchführung musste die Reißleine gezogen werden (was natürlich der Pandemie geschuldet war). Nun also der Nachholtermin, bei dem fast alle Programmpunkte übernommen werden konnten. Anoushka Shankar sollte übrigens keinesfalls darauf reduziert werden, die Tochter von Ravi Shankar zu sein. Sie spielt selber klassische indische Musik für ein Millionenpublikum und war sieben Mal für den Grammy nominiert. Shankar kennt sich auch bestens in der lebendigen Londoner Musikszene aus – und hat somit wirklich die Expertise, um einen Reflektor zu gestalten.

Eine Reise in die indische Musik bei “Reflektor Anoushka Shankar”

Die Elbphilharmonie fühlt sich mittlerweile an wie ein zweites Zuhause. Das ist kein reiner Klassik-Tempel, kein Elfenbeinturm für die Elite. Hier und insbesondere bei der Reflektor-Reihe werden Jazz, Elektro und Klassik offeriert – dazu Stummfilme vertont, Tanzdarbietungen auf die Bühne gebracht und Workshops angeboten. Am Donnerstag begann die Reise nach Indien mit einem Klassik-Schwerpunkt im kleinen Saal. Indrani Mukherjee brachte nordindische Ragas mit und überzeugte in Star-Besetzung: Mit Murad Ali Khan, einem der führenden Sarangi-Spieler (das ist eine traditionelle Kastenfiedel) Indiens trat sie das allererste Mal zusammen auf. Während die europäische Musik auf Akkorden basiert, fußt die klassische Musik Indiens einzig auf Melodie und Rhythmus. Sie wird nicht schriftlich fixiert, sondern direkt vom Meister zum Schüler weitergegeben. Und sie beschränkt sich nicht nur auf den Hörsinn: Tages- und Jahreszeiten, Licht, Düfte – all das spielt eine Rolle.

Eine ungekrönte Königin

Neben der hindustanischen Musik im Norden, die Spuren persischer und islamischer Musik aufweist, gibt es noch die karnatische Musik Südindiens – Aruna Sairam ist die ungekrönte Königin dieser Sparte und präsentiert ihre „Sparks from the Carnatic Hemisphere“ im kleinen Saal der Elbphilharmonie im Star-Ensemble mit Vittal Rangan an der Violine, J. Vaidhyanathan an der aus Jackfruit-Holz gebauten Röhrentrommel Mridangam und S.V. Ramani an der Ghatam, das eines der ältesten Perkussionsinstrumente Südindiens ist. Auffällig ist: Die Musiker:innen sitzen gemütlich auf dem Boden und verstehen sich wohl intuitiv, improvisieren anscheinend viel.

Raven in der Elphi

Am Freitag um 18 Uhr ist dann mit Soumik Datta „eines der größten musikalischen Talente Großbritanniens“ (Vogue) im kleinen Saal in Bandbesetzung zu erleben. Ein Virtuose auf der Langhalslaute Sarod, aber auch Komponist, Produzent und TV-Moderator – ein echter Tausendsassa also, der nun gerade erst seine „Songs Of The Earth“, ein Auftragswerk für die UN-Klimakonferenz, veröffentlicht hat. Mit Ashnaa Sasikaran am Gesang, Yasmin Oglivie am Saxofon, Rosabella Gregory (Synthesizer, Piano und Gesang) und Jake Long am Schlagzeug präsentiert er nicht nur die Songs, es werden auch animierte Filmaufnahmen dazu gezeigt. Herrlich!

Um 22:30 Uhr heißt es Late Night im kleinen Saal, der zu einem Elektro-Club umfunktioniert wird: Erst begeistert Bishi mit ihrer elektrifizierten Sitar, Beats aus dem Computer und tollen Videoprojektionen. Sie ist eine Diva der Londoner Avantgarde-Szene und eine Vorkämpferin für kulturelle Vielfalt und gegen soziale Stereotypen. Und mit dem legendären Bowie-Produzenten Tony Visconti hat sie auch bereits zusammen gearbeitet. Im zweiten Teil der Late Night darf Nerm nach kurzen technischen Problemen (er musste seinen Laptop neu starten) richtig fette Drum & Bass-Sounds auflegen bis die Wände wackeln – und die Party-wütige Meute abgeht! Raven in der Elphi – echt stark!

Eine tolle und theatralische Tanzdarbietung bei “Reflektor Anoushka Shankar

Am Samstag um 17 Uhr noch eine Tanzperformance von Mythili Prakash gegönnt – die Indo-Amerikanerin gehört aktuell zu den bedeutendsten Bharatanatyam-Tänzerinnen und Choreografinnen weltweit. Im kleinen Saal der Elbphilharmonie hat sie ihr brandneues Programm „She’s Auspicious“ präsentiert, zusammen mit einem befreundeten Musikerinnen-Trio bestehend aus Sushma Soma, eine preisgekrönte Sängerin karnatischer Musik, Ananya Ashok an Vina und Gesang, dazu Shubha Chandramouli an der Percussion. Mythili Prakash setzt sich mit der Rolle der Frau in der indischen Kultur auseinander und beleuchtet die große Diskrepanz zwischen der Verehrung weiblicher Hindu-Gottheiten wie „Devi“ und dem gesellschaftlichen Status der Frau, der sich in Marginalisierung und Unterdrückung zeigt. Eine tolle, sehr theatralische Tanzdarbietung, die selbst Tanzmuffeln zu gefallen weiß.

Zeremonienmeister und Weltraum-Orgel

Um 20 Uhr dann „India meets Jazz“ im Großen Saal: Sarathy Korwar ist einer der spannendsten Musiker der lokalen Jazzszene in London. Er ist der Leader des Upaj Collective, das Jazzmusiker aus Südasien und klassische indische Instrumentalisten vereint. Der Name stammt vom Hindu-Wort „upaj“ ab, was „Improvisation“ bedeutet. Mit Bass, Violine, Saxofon, Gitarre, Piano und Percussion wird dann auch viel frei gespielt. Sarathy Korwar ist dabei der Zeremonienmeister hinter dem Schlagzeug.

Abschließend am Samstag wieder eine Late Night: Arushi Jain macht den Anfang mit einem modularen Synthesizer, der Geräusche erzeugt wie eine elektronische Weltraum-Orgel. Dazu singt sie sehr eindringlich, aber technisch verzerrt. Ihre Kompositionen sind von klassischen hindustanischen Ragas inspiert, die sie auf unkonventionelle Weise zu einer neuen Ästhetik verwandelt.

Perera Elsewhere als Kunstfigur

Perera Elsewhere schießt dann den Vogel ab in Bandbesetzung und mit megastarken Visuals. Die in Berlin ansässige Künstlerin ist Musikerin, Songwriterin, Produzentin und DJ in Personalunion. Und irgendwie auch eine Kunstfigur, die auf den Video-Projektionen extrem gut rüberkommt. Dazu wummernde Drum & Bass-Sounds als Live-Act: Perera spielt Keyboard, Trompete und Electronics – und singt natürlich. Schlagzeuger Christopher Wolf bekommt den Preis für die am besten klingenden Drums beim „Reflektor Anoushka Shankar“, da muss der Soundengineer wohl was richtig gemacht haben (es ist bei solch einer Raum-Akustik nämlich extrem schwer, das annähernd gut hinzubekommen). Oren Gerlitz sorgt schließlich noch für den extrem fetten Bass-Sound. Geiler shit, really!

Liebesbriefe von Anoushka Shankar

Am Sonntag um 18 Uhr dann zunächst Nabihah Iqbal im kleinen Saal: Die Londonerin tourt weltweit als DJ und Live-Act. Hier war sie nun sehr eindringlich mit Stromgitarre, Loop-Station und am Gesang zu erleben. Im Anschluß noch eine Tanzdarbietung vom preisgekrönten britischen Tänzer Aakash Odedra: Insbesondere der zweite Teil mit unterschiedlich stark leuchtenden und im Raum scheinbar frei schwebenden Glühbirnen fesselt das Publikum.

Als absolutes Highlight um 20 Uhr schließlich Anoushka Shankar herself im Großen Saal: Sie fläzt sich mit ihrer übergroßen Sitar ins Sofa – und los geht es mit ihrem Programm „Love Letters“. Unterstützt wird sie sehr einschmeichelnd von Alev Lenz am Gesang, am Piano und Tanpura. Beide ergänzen sich auch gut als Songschreiberinnen. Weiterhin sind Nina Harries am Standbass, Danny Keane am Violincello und Piano, Pirashanna Thevarajah an der Percussion und Nicki Wells am Gesang dabei.

Shankar selber sagt: „Love Letters ist eine Einladung ans Publikum, quasi mit mir in meinem Wohnzimmer zu sitzen.“ Die Einladung wurde sehr gerne angenommen im ausverkauften Saal, wo anspruchsvoller Songwriter-Pop mit Stimmungen aus alter keltischer Folkmusik vermischt und um jazzy Grooves ergänzt wurde. Ganz famos diese Frau – als Künstlerin und als Mensch!

Fotos von Daniel Dittus

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