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29. Juni 2026Kaum ein Konzert dieses Jahres wurde mit solcher Spannung und Vorfreude erwartet. Haben Pulp in Berlin geliefert?
Text von Werner Herpell, Fotos von Gérard Otremba
Es ist der heißeste Tag des Jahres in Berlin, aber Jarvis Cocker ficht das nicht an. Sein dunkles Spießer-Sakko legt er über gut zwei Stunden auf der Bühne trotz der Bullenhitze an diesem 27.06.2026 nicht ab – so viel schrullige Englishness muss schon sein beim Sänger von Pulp, der britischsten Band des Britpop. Mag das ähnlich unmodische Hemd darunter am Ende eines für alle schweißtreibenden Konzerts auch völlig durchnässt sein, Cocker bleibt sich und seinem spleenigen Doktorand-mit-Hornbrille-Image treu. So wie er es auch mit seiner Musik hält, die seit Pop-Ewigkeiten „typisch Pulp“ ist und damit völlig unverwechselbar. Ein Markenzeichen. Und ein Ausrufezeichen.
Das Live-Comeback des Jahres
Dreißig Jahre sei es jetzt her, dass er mit seiner im nordenglischen Sheffield gegründeten Band zuletzt in Berlin auftrat, rechnet Cocker vor. Damals noch im kleinen Club Metropol (1995) und kurz danach, mit sprunghaft wachsendem Erfolg während der 90er-Britpop-Welle, immerhin im mittelgroßen Huxleys (1996). Jetzt sind Pulp für zwei seit langem ausverkaufte Gigs im traditionsreichen Zeltbau Tempodrom zu Gast, für zwei der denkwürdigsten Konzerte des Jahres. Dem Album-Comeback des Jahres 2025 mit „More“ lassen sie 2026 das Live-Comeback des Jahres folgen. Der Jubel ist in beiden Fällen grenzenlos, denn auch höchste Erwartungen werden, hier wie dort, locker übertroffen.
Mit „Sorted For E’s And Wizz“, einem der kleineren Hits vom Durchbruch-Album „Different Class“ (1995), geht es zunächst noch leicht nostalgisch los. Mit dem Kracher „Disco 2000“ vom selben Britpop-Schlüsselwerk wickeln Cocker und seine achtköpfige Band, darunter die drei langjährigen Mitglieder Candida Doyle (Keyboards), Mark Webber (Gitarre) und Nick Banks (Schlagzeug), das trotz der tropischen Wärme sehr feierfreudige Tempodrom-Publikum dann so richtig um den Finger. Mit „Spike Island“ beweisen Pulp, dass sich die (insgesamt fünf) „More“-Lieder des Abends nahtlos in das grandiose, rund 35 Jahre umfassende Repertoire dieser vielleicht besten Band der Britpop-Ära einfügen.
Eine Band in Topform – und vorne Jarvis
Satte 24 Songs werden am Ende zusammengekommen sein, von uralt (die letzte, extrem selten gespielte Zugabe „Blinded By Love“ von 1991) bis brandneu (der Charity-Sampler-Beitrag „Begging For Change“ aus diesem Jahr). Ein perfekter Querschnitt durch die Pulp-Geschichte. Performt von einer Band in Topform, die es tatsächlich geschafft hat, nach den Riesenhits der 90er und der Frust-Trennung von 2002 fast ein Vierteljahrhundert später erstaunlicherweise ohne Alterungserscheinungen zurückzukehren.
Im Mittelpunkt der Show natürlich immer Jarvis Cocker, dieser nur auf den ersten Blick schüchtern wirkende bebrillte Frontmann, der in Wirklichkeit aber eine wahre „Rampensau“ (die Floskel darf hier mal sein) ist. Und ein Charmeur: Cockers Ansagen sind äußerst sympathisch (zum Glück nie zu lang), er nimmt die Fans freundlich und eloquent an die Hand für eine gemeinsame Reise durch das Pulp-Wunderland. Clevere Video-Gimmicks (viele Schriftzüge auf Deutsch) verstärken das Gefühl einer zauberhaften Zeitreise – also nicht zu verwechseln mit den berüchtigten „Damals war alles schöner“-Konzerten gewisser Oldie-Acts.
Pulp sind sensationell gut gealtert
Bei all der sehr britischen Ironie, die den Pulp-Songs schon immer innewohnte (bis hin zum düsteren Sarkasmus des Meisterwerks „This Is Hardcore“ von 1998, dessen Titelstück zum absoluten Highlight der Berliner Konzerte gerät), ist inzwischen bei dieser Band eine wohltuende Wärme, vielleicht auch Altersmilde zu spüren, die sich in melancholischen neueren Liedern wie „Farmers Market“ oder „A Sunset“ ausdrückt. Ja, Pulp sind gealtert (wie übrigens sichtbar auch ihr Live-Publikum) – aber in Würde wie kaum eine andere Popband dieser Generation.
Die beiden sensationellen Konzerte im Tempodrom werden also nicht nur wegen der Berliner Hitze noch lange in Erinnerung bleiben. Zumal es demnächst ein passendes Doppelalbum dazu gibt: „Pulp Live!“mit 18 Tracks des Londoner Auftritts aus dem Vorjahr erscheint am 28.08.2026 digital, auf CD und Vinyl.











































