Philipp Sarasin: 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart

Philipp Sarasin: 1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart

In seinem Buch „1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ blickt Philipp Sarasin auf damalige popkulturelle Ströme und politische Entwicklungen

Dass das Jahr 1977 popkulturell ein wichtiges war, ist unbestritten. „Du sagst, Punk ist besoffen Lieder gröhlen am Tresen, nur ’77 ist echt gewesen“, singt Dr. Bela B. in „Punk ist“. Aber Punk war nicht alles. Gleichzeitig entstanden auch Disco und Hip-Hop und spülten den Geist der Erneuerung in die Städte. Es entstanden neue Musik, neues Denken, neue Mode und neue Hoffnung auf Befreiung. Die von ihnen als gescheiterte bzw. als allmählich verhungert wahrgenommene 68er-Bewegung wurde mit radikaleren und selbstbewussteren Mitteln ersetzt, die – so scheint es – sich im Jahr 1977 kulminierten und durchbrachen.

Abkehr vom Alten und Aufbruch ins Ungewisse

Philipp Sarasin 1977 Cover Suhrkamp Verlag

Philipp Sarasin, Professor für Neue Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich blickt in „1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ nicht nur auf die popkulturellen Ströme dieses Jahres zurück, sondern setzt diese in Verbindung zu anderen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Entwicklungen. Von der „Offensive 77“ der RAF über die Eröffnung des Centre Pompidou in Paris und der Lancierung des Apple II in Kalifornien bis zur Erfindung des Internets schält Sarasin Linien, Muster und Ähnlichkeiten heraus. „Human Rights“ und „Identity Politics“, die feministische Kritik, die postmoderne Architektur, die biologische Reproduktion von Leben, „New Age“ und die intellektuelle Kritik an der Moderne deutet er als Abkehr vom Alten und Aufbruch ins Ungewisse.

Philipp Sarasin als Augenöffner und Denkanstoßer

Was ihn an all diesen Strömungen so fasziniert, sind ihre erstaunliche Gleichzeitigkeit sowie ihre „irritierende Gegenwärtigkeit“. Dabei betont der Autor ausdrücklich, dass es sich hier um kein Buch der Erinnerung handele. Sarasin habe das Buch nicht als Zeitzeuge, sondern als Historiker geschrieben. Als solchem gelingt es ihm ganz vorzüglich, die Strömungen jenes Jahres zunächst in Entstehung und Wirkung zu beschreiben und dann Zusammenhänge und Interdependenzen aufzuzeigen. Zum Glück beißt sich der Autor nicht krampfhaft an der Idee der Verknüpfung fest und lässt auch Widersprüche in der Deutung zu. Dennoch zeigt „1977“ auf ganz eindrucksvolle Weise einen Umbruch auf, der – noch immer und/oder mehr denn je – auch heute deutlich zu spüren ist.

Und so ist „1977“ nicht nur Geschichtskunde und Gegenwartsbeschreibung, sondern vor allem ein unterhaltsamer Augenöffner und Denkanstoßer. Sarasins sauberer Sprache und klarer Struktur ist es zu verdanken, dass der Schärfe seiner Analyse mühelos zu folgen ist und dass die Lektüre höchst unterhaltsam ausfällt. Stark!

Philipp Sarasin: „1977 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“, Suhrkamp, Hardcover, 502 Seiten, 978-3518-58763-8, 32 Euro. (Beitragsbild: Buchcover)

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