Ein Roman über das Nichts sowie eine Persiflage auf Agentenromane von Pulitzer-Preisträger Percival Everett. Einfach herrlich!
von Gérard Otremba
Nein, kein Zufall, dass sich Percival Everett auf die erste Ian-Fleming-Verfilmung „James Bond jagt Dr. No“ von 1962 bezieht. Wobei sich sein Dr. No nicht als Bösewicht und somit Antagonist eines Agenten entpuppt, sondern als Professor für Mathematik an der Brown University in Providence und Spezialist für das Nichts. Ein nerdiger Mittdreißiger ohne Handy und Führerschein, aber Besitzer eines einbeinigen Hundes. Eigentlich heißt der Ich-Erzähler des neuen Percival-Everett-Romans Ralph Townsend, in seiner Eigenschaft als Kenner des Nichts und Fan mathematischer wie sprachlicher Absurditäten nennt er sich aber Wala Kitu und verdoppelt das Nichts im Namen: Wala bedeutet „nichts“ auf Philippinisch, Kitu auf Swahili.
Nichts in Fort Knox
Wala Kitu erhält drei Millionen Dollar vom schwarzen Milliardär John Sill, der seine Hilfe benötigt, um sich am rassistischen Amerika zu rächen. Sill verkörpert den typischen James-Bond-Schurken mit technisch hochmodern ausgestatteten Villen in Miami und auf Korsika, der, ähnlich wie Auric Goldfinger in Flemings „Goldfinger“, Fort Knox ausrauben will. Während Goldfinger jedoch das dortige Gold radioaktiv verseuchen möchte, vermutet Sill, dass im Tresor von Fort Knox gar kein Gold, sondern nichts zu finden ist. Nur, wie bekommt man nichts aus Fort Knox raus? Mit Hilfe dieses Nichts möchte Sill die Welt verändern, Dinge ohne brutale Gewalt verschwinden lassen, so dass man sich im besten Fall gar nicht mehr an sie erinnern kann. Das Genre des Agentenromans dient Percival Everett nur als Mittel zum Zweck. Natürlich finden sich typische Merkmale, u.a. Eigen Vector, die schöne und geheimnisvolle Frau an Kitus (oder vielleicht doch Sills?) Seite, der Fleming-Romane, bzw. ihrer Verfilmungen.
Der ironische Percival Everett
Aber vielmehr besticht der amerikanische Schriftsteller, der für seinen ebenfalls von Sounds & Books rezensierten Roman „James“ den Pulitzer-Preis erhalten hat, durch die scharfsinnigen Dialoge, den mäandernden Gedankengänge seines Erzählers sowie den philosophischen Spielarten über das Nichts. Everett gelingt mit „Dr. No“ eine prächtige Metapher auf die maßlose, neoliberale Gesellschaft unserer Zeit. Der 1956 in Georgia geborene Autor schreibt ähnlich scharfzüngig und ironisch wie in „Die Bäume“ und liefert erneut eine überaus unterhaltsame wie intellektuelle Lektüre, gleichsam auch eine Persiflage auf Agentenromane. Im amerikanischen Original bereits vor dem „James“-Erfolg 2022 erschienen, liegt nun eine einmal mehr vorbildliche, deutsche Übersetzung von Nikolaus Stingl vor. Wie gut, dass dem Hanser-Verlag auch dieser prächtige Roman nicht entgangen ist. Ein Roman über das Nichts. Einfach herrlich!
Percival Everett: „Dr. No“, Hanser, übersetzt von Nikolaus Stingl, Hardcover, 320 Seiten, 978-3-446-28417-3, 26 Euro. (Beitragsbild-Credit: Dan Tuffs / Alamy Stock Photo)
