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14. Juli 2023Vor 50 Jahren begann die Geschichte des Penguin Cafe Orchestra. Wie wunderbar der Sohn des Ensemble-Gründers sie fortsetzt, lässt sich nun auf „Rain Before Seven…“ nachhören.
von Werner Herpell
Die Geschichte dieser „Band“ – eher ein klassisches Kammerorchester, das auch folkige, jazzige und poppige Elemente integriert – ist so schön, dass man sie noch vor der eigentlichen Review zu ihrem neuen (Spoiler: wieder ganz fabelhaften) Album erzählen sollte.
Von Simon Jeffes zu Arthur Jeffes
Das englische Penguin Cafe Orchestra spielte also seit der Gründung 1972 ein Vierteljahrhundert lang exquisite Neoklassik, Folk-Jazz, Minimal und Ambient Music, ehe sein Leiter Simon Jeffes mit nur
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48 Jahren an einem Gehirntumor starb. Doch das war nicht das Ende des Projekts – seit 2009 wird es unter dem verkürzten Namen Penguin Cafe vom Sohn des Gründers, Arthur Jeffes, weitergeführt. Und zwar seither auf einer Handvoll Alben in tiefer Verehrung und ganz im Sinne des Vaters, als Instrumental-Ensemble mit Piano, Balafon, Melodica, Ukulele, Cuatro und Dulcitone (allesamt gespielt von Arthur Jeffes) sowie Streichern, Percussion, Bariton-Gitarre und Kontrabass.
Wie gut, dass der Tod das Schicksal der exzentrischen Pinguine nicht besiegelt hat – denkt man nun erst recht, wenn man das mit dem Begriff „bezaubernd“ nur unzureichend beschriebene neue PC-Werk „Rain Before Seven…“ hört. Schon das Video zum Opener „Welcome To London“ verblüffte mit skurrilen Bildern (ein Pinguin-Mann unterwegs in der Weltmetropole) und einer prächtigen Melodie, in die sich neben die sehr typische „Englishness“ auch eine Prise Filmmusik- oder Spaghetti-Western-Sound à la Ennio Morricone mischt.
Willkommen in London
„Welcome To London“ erhielt seinen Titel, „als die Welt sich zu öffnen begann und die Menschen endlich wieder fliegen durften“, schreibt das verdiente Label Erased Tapes über das Stück, das sofort Bilder im Kopf erzeugt. Orchester-Chef Arthur Jeffes erzählt (und man merkt, dass hier ein Musikwissenschaftler spricht): „Bei diesem Stück habe ich mit dem Klavier-Riff begonnen, das ein 5/4-Pattern ist, das sich durch sich entwickelnde Modulationen bewegt – alle anderen Elemente greifen Punkte in der Klavierlinie auf und entwickeln sie weiter. Am Ende haben wir uns bei den Arrangements ziemlich an John Barry orientiert – ich liebe dieses 60er-Jahre-Feeling, wenn die Gretsch einen Low-Mid-Groove herauspickt, während die Bassline darunter synkopiert.“ Wow! Aber ja, er hat natürlich recht.
Das anschließende „Temporary Shelter From The Storm“ könnte mit seiner herrlichen Piano-Melodie und dem munter hüpfenden Bass ebenfalls einen Film untermalen, ebenso „Second Variety“ mit einem berührenden Melodica-Solo. Überhaupt, die Titel der einzelnen Tracks – sie sind manchmal wie Gedankenfetzen („Might Be Something“, „No One Really Leaves…“), aber auch konkret, etwa wenn „Galahad“ ohne Worte von Arthur Jeffes‘ geliebtem Hund erzählt oder „Lamborghini 754“ von einem 40 Jahre alten Traktor.
Penguin Cafe als Hommage an den Gründervater
Insgesamt wird „Rain Before Seven…“ geprägt von einer im besten Sinne warm-nostalgischen Atmosphäre – mit herkömmlicher Popmusik oder selbst einigermaßen aktuellem (Indie-)Folk hat dieses Album nichts zu tun. Eher denkt man bisweilen an Brian Enos Ambient-Platten der 70er Jahre oder an manche Stücke des Berliner Klangmagiers Nils Frahm.
Und immer wieder kehrt Arthur Jeffes in Gedanken und Erklärungen zu seinem Vater Simon zurück: „Ich denke, sein neuer Ansatz war, interessante, schräge Ideen herzunehmen und dann seltsame Sachen damit anzustellen. Aber immer mit einem Blick dafür, dass es schön und emotional zugänglich klingt.“ Dies sei die Selbstverpflichtung, die er mit dem Penguin Cafe eingegangen sei – „die Musik meines Dads zu spielen und neue Musik in der selben Klangwelt zu performen“. Mit „Rain Before Seven…“ ist dieses gleichermaßen ehrfürchtige wie vorwärts gerichtete Hommage-Konzept erneut vom Feinsten aufgegangen.
Das Album „Rain Before Seven…“ von Penguin Cafe ist am 07.07.2023 bei Erased Tapes erschienen. (Beitragsbild: Alex Kozobolis)





