Pearl Jam: Lightning Bolt

Pearl Jam zwischen Krach und Schönheit

von Gérard Otremba

Es ist diese Stimme. Die Stimme von Pearl Jam-Sänger Eddie Vedder, die einen immer wieder tief ins Mark trifft. Ähnlich wie bei seinen Grunge-Kollegen Kurt Cobain und Billy Corgan (man höre sich nur mal Cobain auf MTV-Unplugged, speziell „The Man Who Sold The World“, oder Corgan bei „1979“ an)  entwickelt Vedders Stimme ihre größte emotionale Entfaltung in langsamen Stücken. Als überragendes Beispiel in der Pearl Jam-Historie dient der Song „Off He Goes“ vom 1996 erschienenen Album No Code.  Ein Ausdruck vollkommener Schönheit. Vedder schmachtet formvollendet und wringt noch dem letzten Hartgesottenen eine Träne ab. 22 Jahre nach ihrem Debutalbum Ten melden sich Pearl Jam nun mit ihrem zehnten Studioalbum Lightning Bolt zurück, auf dem Eddie Vedder gleich fünf ähnlich beeindruckende Balladen singen darf. Die erste heißt „Sirens“, mit fast sechs Minuten das längste Lied der Platte, beginnt tiefenentspannt und steigert sich nach und nach zur opulenten Hymne mit Gitarrensolo. Vedder voll in seinem barmenden Element. Wesentlich mystischer fällt dagegen „Pendulum“ aus. Zu Percussionklängen, verwunschenen Gitarren und sphärischen Keyboards zwingt einen Vedders Stimme zum Darniederknien. „Sleeping By Myself“ ganz fluffig, verträumt und von reiner Schönheit durchzogen, „Yellow Moon“, adäquat zu „Sirens“, verfällt zum Ende ins Pathetische, huldigt jedoch dem Wahren, Guten und Schönen fast genauso wie der Abschlusssong „Future Days“, mit Piano, Violine, der akustischen Klampfe, Eddie Vedder singt gar lieblich und zum Heulen schön, ein grandioses Ende von Lightning Bolt. Freunde der schnelleren Pearl Jam-Gangart kommen selbstverständlich auch auf ihre Kosten. Der überbordende, krawallige und wüste Punk-Rock von „Mind Your Manners“ bläst einem die Ohren weg, die Albumeröffnung „Getaway“ bietet feinsten, vorwärtstreibenden, verschwitzten Indie-Rock und der Titelsong „Lightning Bolt“ hat Singleauskopplungscharakter, und ist ähnlich wie „Swallowed Whole“ kompatibel für viele Radiostationen, Stadionrock der Marke Pearl Jam. Die restlichen Songs „My Father‘s Son“, „Infallible“ und „Let The Records Play“ hingegen wirken da etwas sperriger. Aber es muss ja nicht alles perfekt sein. Nach über 20 Jahren kann man sich kaum eine bessere neue Pearl Jam-Platte wünschen.

Lightning Bolt von Pearl Jam ist am 11.10.2013 bei Virgin / EMI / Universal erschienen.

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